Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1908)
- Date
- 1908-02-14
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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Angreifer würde hinausbringen lassen. Dabei winkte er die beiden Gendarmen heran, und diese erklärten im Namen des Gouverneurs/, daß jeder, der sich an dem jüdischen Kaufmann vergreifen sollte, ihr - Gefangener sein würde.' Noch au demselben Tage erschien ein Dekret, daß jedem ehrbaren Kaufmann der Zutritt zur Danziger Börse gestattet wäre, ohne Unterschied der Religion. Seitdem erst, also feit 1808, sind die Danziger Juden „börsenfähig" geworden. e. Leipzig, 8. Februar. Kürzlich brachten verschiedene Blätter die Aufsehen erregende Meldung, daß Vertreter des deutschnationalen Handlnngsgehilfsnverbandes (Hamburg) und des Verbandes deutscher Handlungsgehilfen (Leipzig) in Berlin zusammengekommen seien, um über eine Vereinheitlichung . beziehungsweise Verschmelzung beider Organisationen zu beraten. Das Erstaunen über diese Nachricht ist in den kaufmännischen und sozialpolitisch interessierten Kreisen außerordentlich. Wie soll man es fassen, daß sich der antisemitische deutschnationale Hamburger Verband und der im ganzen liberal gerichtete Leipziger Verein nach 12—13 jährigem erbitterten Kampfe plötzlich brüderlich vereinen wollen und können? Die Einigungsverhandlungen sind angeboten und angebahnt vom antisemitischen Handlungsgehilsenverband beziehungsweise von seinem Vorsteher, dem antisemitischen Reichstagsabgeordneten Schack. Gewiß nicht aus einem Gefühl der agitatorischen oder organisatorischen Schwäche, denn die antisemitische Organisation zählt heute, schon über 108000 Mitglieder gegen 85000 auf seiten des tun 13 Jahre älteren Leipziger Verbandes, und mit jedem Jahre wachsen die antisemitischen Jünglinge mehr und mehr in die einflußreichen geschäftlichen Stellungen hinein, die ihnen die gewerkschaftliche Beeinflussung des kaufmännischen Nachwuchses erleichtern. Nun hat man eine Kommission gewählt, in der von jeden: Verbände vier Vertreter sitzen sollen, um die schwebenden Differenzen zu beraten. Daß die Deutschnationalen auch nur ein Titelchen ihrer antisemitisch-reaktionären Tendenz opfern werden, glaubt niemand, der sie und ihren Fanatismus kennt. Anderseits aber ist es ein Unding, wenn der Leipziger Verband mit ungefähr 20 000 jüdischen Mitgliedern ins Schlepptau der Deutschnationalen genommen werden sollte, die in ihrem §2 Juden von der Aufnahme in den Verband ausschließen. Es ist nun Sache der Ortsgruppen, dagegen so/scharf wie möglich zu protestieren. Der Königsberger Kreisverein des Verbandes deutscher Handlungsgehilfen zu Leipzig sprach sich bereits in einer großen Versammlung gegen die Verschmelzung oder ein Kartell'mit dem deutschnationalen Handlungsgehilfenverband aus. Er erklärte sich nur für eine lose Vereinbarung unter der Voraussetzung der Streichung des Judenparagraphen seitens der Deutschnationalen und richtete an alle Kreisvereine das Ersuchen, sich diesem Protest anzuschließen. A. Ottakeirbrück, 3. Februar. Eine nachahmenswerte Einrichtung möchten wir der Allgemeinheit heute empfehlen. Während in den größeren Gemeinden man seit Jahren mit gutem Erfolge bestrebt ist. durch Vorträge das Interesse der Juden zum Judentum zu wecken, entbehren die zahlreich auf dem platten Lande in kleineren Gemeinden zerstreut wohnenden Juden jeder geistigen Anregung. Darum hat hieran der preußisch-oldenburgisch-holländischen Grenze durch Vermittlung des Israelitischen Frauenvereins in Quakenbrück Herr Landrabbiner Dr. Mannheimer aus Oldenburg in uneigennütziger Weise begonnen, für die ganze Gegend hier jüdisch, literarische Vorträge zu halten. Der erste fand am 2. d. M. im „Artländer Hof" statt, wo die Juden aus ca. IL.Gemeinden fast vollzählig erschienen waren, um über das Thema: „Was versteht man unter dem Talmud?" von diesem hier so allgemein beliebten Redner zu vernehmen. Aber auch sehr viele gebildete Nichtjuden, Professoren, Gymnasiallehrer usw. waren erschienen, und alle waren begeistert von der Kunst des Redners, selbst den schwierigsten Stoff so populär zu gestalten. Solche Vorträge an kleineren Plätzen müßten Nachahmung finden § Elverfeld, 10. Februar. Zu Ehren des am 1. September v I. aus dem Amte geschiedenen Herrn Rabbiner Dr. Anerbach fand am Sonnabend abend im kleinen.'Festsaal des Thalia-Theaters ein Bankett statt, welches die Kollegien der drei höheren Knabenschulen — Gymnasium, Realgymnasium und Oberrealschule an denen Herr Dr. Auerbach bis zuletzt als Religionslehrer wirkte. vUanstaltet ' jhatten und zu. welchem die Mitglieder -derselben sehr zahlreich er? chienen waren.- Außerdem hatte es sichHerrKöniglicherSchulrat, ■ Beigeordneter cü D. Dr. BoodsteilOmnd dessen Amtsnachfolger Herr , Beigeordneter Schulrat Dr. Schirlitz nicht nehmen lassen, der dem ' allseits beliebten Jubilar bereiteten Abschiedsfeier 'persönlich beizu- ' wohnen.. Die Schleusen der Beredsamkeit öffneten sich mit einem f Trinkspruch des. Herrn Gymnasialdirekt ovs Professor Scheibe aus Herrn Dr. Auerbach, der dann seinerseits prompt darauf erwiderte. / Es sprachen dann noch die beiden Herren Schulräte Dr. Boodstein und Dr. Schirlitz sowie die Herren Öberreälschuldirektor. Stadt-. / verordnter Dr. Hintzmann, Rabbiner Dr. Norden und Professor' Dr. Kraushaar. Zur Abwechslung im Festprogramm trugen dann die Herren Gymnasiallehrer Dröge und Kantor Zivi einige hübsche Liederwor, so daß nichts unterblieb, was geeignet war, den Abend zu einem wirklichen Fest- und Ehrenabend zu gestalten. Diese Mitteilung ist um so bedeutungsvoller, als sie dokumentiert, daß sich in unserer Stadt das Zusammenleben der Konfessionen in der friedlichsten Weise vollzieht, und Herr Dr. Auerbach hat während seiner - j beinahe 41jährigen Amtstätigkeit stets das Seine dazu beigetragen. e. Frankfurt a. M., 19. Januar. Der soeben erschienene- , ■ (vierzehnte) Jahresbericht des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen konstatiert mit freudiger Genugtuung, daß das bedeutende Defizit, welches in den beiden Vorjahren trotz sparsamer , Geschäftsführung sich ergeben hatte, durch große einmalige Gaben hochherziger Mitglieder ausgeglichen wurde. Mit Recht schließender Bericht aus dieser offensichtigen Teilnahme, daß. die^Tätigkeit des Vereins immer weitere Anerkennung findet. Die Aufnahmebedingungen für die Schülerinnen sowie die für die Schwestern bestehenden Bedingungen wurden in diesem Jahre einer gründlichen Revision unterzogen. Bei Beginn des Berichtsjahres waren 7 Schülerinnen in der Ausbildung begriffen. Im Laufe des Jahres kamen noch . . 4 Schülerinnen hinzu. Von diesen 11 Schülerinnen wurden 10 im israelitischen Gemeindehospital Hierselbst, eine im jüdischen Krankenhause zü Hamburg ausgebildet, 6 Schülerinnen wurden auf Grund des von den ausbildenden Aerzten ausgestellten Reifezeugnisses als j Schwestern in den Verband ausgenommen. Der Verband zählt am . Schlüsse des Berichtsjahres im ganzen 29 Schwestern. Ueber die Tätigkeit der Schwestern in der Privatpflege wird mitgeteilt, daß von 19 Schwestern im ganzen 162 (gegen 145 im Vorjahre) Pflegen ohne Unterschied der Konfession geleistet wurden. Eine Schwester leistete das Maximum von 300 Pflegetagen mit 46 völligen Nachtwachen. Der Bericht dankt all denen, die den Verein und auch den Pensionsfonds der Schwestern reichlich unterstützten, den Behörden und Verwaltungen für gewährte Vergünstigungen, so z. B. der kgl. Eisenbahndirektion für Ermäßigung der Fahrpreise bei Erholungs¬ und Urlaubsreisen der Schwestern, und empfiehlt schließlich die Sache des Vereins auch weiterhin dem Wohlwollen der Mitbürger. — Einem Ruse der „Fräuenvereinigung der Frankfurter Loge" folgend, hielt die bekannte Berliner Rezitatorin, Frau Johanna Meyer-Löwinsohn, hier am 23. Januar einen Vortrag, verbunden mit poetischen - Darbietungen über „die jüdische Frau und Mutter". Derselbe fand außerordentlichen und wohlverdienten Beifall. Es läßt sich wohl kaum eine begeistertere Interpretin wahren jüdischen Frauen- und _ Familienlebens, als die Vortragende es ist, finden. 1. München, 2. Februar. Die Differenzen in den israelitischen Kultusgemeinden von München und Nürnberg, die im vergangenen Herbst in der Presse mehrfach erörtert wurden, sind, wie von unterrichteter Seite mitgeteilt wird, nunmehr beigelegt, nachdem es gelungen ist, über die obwaltenden Streitpunkte eine friedliche Ver- ~ ständigung zwischen den Verwaltungen von München und Nürnberg und den dortigen orthodoxen Minoritäten herbeizuführen. Durch diese Vereinbarung wird unter Aufrechterhaltung der Einheit der Kultusgemeinde insbesondere den orthodoxen Minoritäten der Rechtsanspruch auf den Bestand ihrer Synagogen gewährleistet und für den Unterhalt der letzteren ein Zuschuß ans der Gemeindekaffe zugebilligt. . : I Außerdem soll die orthodoxe Gemeinde Nürnberg auch einen | Rabbiner erhalten. — Im bayerischen Landtage unterstützte jüngst § der liberale Abgeordnete Cronauer die Petition der i sraelitischen . f Kultusgemeinde Germersheim um eine Staatsbeihilfe von I 250 Mark. Der bayerische Vizekriegsminister, Staatsrat von Speidel,