Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1908)
- Date
- 1908-02-14
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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72, Jahrgang. Nr. 7. Berlin, 14. Februar 1908. Veilage zur „Allgemeinen Leitung LeS Judentums". lkorrrlpondenHkn und Kschrichtkn. Deutschland. s. Berlin, 8. Februar. Die diesjährigen Montagsvorlesungen der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums begannen am 20. v. M mit einem Vortrag des Direktors des Seminars für orientalifche Sprachen, Geh. Oberregierungsrat Prof. Dr. Eduard Sach au. Der bekannte Gelehrte behandelte die wichtigste jener in Aegypten kürzlich entdeckten aramäischen Urkunden, die ein ungeahntes Licht auf die Geschichte der alten jüdischen Diaspora im Nillande werfen. Die Urkunde, die inhaltlich durch andere Papyri des Berliner Museums ergänzt wird, deren Veröffentlichung Sachau vorbereitet, — erzählt unter genauer Datierung von den Schicksalen eines bisher ganz unbekannten jüdischen Heiligtums zu Elephantine. dem heutigen Assuan, in Oberägypten. Dies Heiligtum des „Gottes des Himmels", das noch der vorpersischen Zeit entstammte, erlitt gegen Ende des fünften vorchristlichen Jahrhunderts eine Zerstörung durch die von Priestern des ägyptischen Tierkults aufgestachelte Volksmenge. Das Dokument hat uns die in ihrem innigen Ton ergreifende Bittschrift der jüdischen Gemeinde zu Elephantine an den persischen Statthalter in Judäa erhalten. Die Bitte der Gemeinde um Erlaubnis und Förderung des Wiederaufbaus hatte, wie der Vortragende aus dem unveröffentlichten Material mitteilt, Erfolg. Eine ganze Literatur wird die Tatsache Hervorrufen, daß in dem Heiligtum entgegen den Vorschriften des Deuteronomiums Opfer dargebracht wurden. Nicht nur wegen des reichen historischen, mehr noch wegen ihres religiösen Gehalts darf man nach Sachau die in Rede stehende Urkunde vom Jahre 403 v. Ehr. als eine der wichtigsten neuen Entdeckungen bezeichnen. Der Vortrag fand bei dem zahlreichen Publikum, in dem die Gelehrtenwelt stark vertreten war, den größten Beifall. — Die zweite Vorlesung hielt am 3. d. M. der Architekt Dr. Julius Hülsen, Privatdozent an der Technischen Hochschule zu Darmstadt, über den alten jüdischen Friedhof in Frankfurt a. M. In den etwa 8000 Grabsteinen, die den Begräbnisplatz in dichter Enge erfüllen, spiegle sich nicht nur die Geschichte des Frankfurter Ghetto und der einzelnen Altfrankfurter Familien, die auf den Steinen mit ihren seltsamen Hauszeichen kenntlich gemacht sind, sondern auch alle Stilabwandlungen von der Mitte des dreizehnten bis zum Beginn des neunzehnten Jahrhunderts lückenlos, häufig in vortrefflichen Mustern wieder. Die kunstgeschichtlichen Darlegungen wurden durch Lichtbilder charakteristischer Steine und Steingruppen sowie anderer alter jüdischen Friedhöfe — wie Prag, Serajewo, auch der „Judenfriedhof" von Ruisdael fehlte nicht — begleitet. Dr. Hülsen berichtete sodann über die Arbeiten des Frankfurter Komitees zur Erhaltung des Friedhofs, das vor mehreren Jahren unter dem Vorsitz von Nabb. Dr. Horovitz und Raphael Kirchheim zusammengetreten ist und welchem Redner — ehrenamtlich — als technischer und künstlerischer Berater zur Seite steht. Nestäurierungen werden nur selten und in vorsichtigster Weise vorgenommen, bezweckt wird in erster Linie die unversehrte Erhaltung des noch vorhandenen in irgendeiner Hinsicht Bedeutungsvollen. Das Komitee hat mehrere Publikationen über die Inschriften und Kunstformen sowie die Herausgabe des Totenbuchs der alten Beerdigungsbrüderschaft in Arbeit genommen. Auf die Modernen Friedhöfe mit ihrer Stillosigkeit und ihrem Prunk fielen nicht sehr günstige Streiflichter. Doch betonte der Vortragende, daß für moderne Friedhofsanlagen selbstredend die andersartigen Verhältnisse, insbesondere die Möglichkeit einer viel weiteren räumlichen Ausdehnung und die neuen Gesichtspunkte der Gartenbaükunst maßgebend sein müßten. Der durch Pietät-und künstlerischen Sinn gleich ausgezeichnete. Vortrag hinterließ, einen tiefen Eindruck. s. Berlin, 9. Februar. Der in weiten jüdischen Kreisen bekannte Schriftsteller Nathan Ja cob (N. I. Anders) blickte am 8. d. M. auf eine fünfzigjährige literarische Berufstätigkeit zurück. N. I. Anders wurde durch ein Begrüßungsgedicht an die Prinzessin Viktoria, späteren Kaiserin Friedrich, welche am 8. Februar 1858 ihren feierlichen Einzug in Berlin hielt, und ein darauf bezügliches Dankschreiben des Oberbürgermeisters Krausnick dazu ermuntert, die Schriftstellerei als Berufstätigkeit zu erwählen und durfte auch in dem nun durch ein halbes Jahrhundert mit Eifer und Geschick ausgeübten Beruf auf den verschiedensten literarischen Gebieten, namentlich als Bühnendichter, manch schönen, freilich nur moralischen Erfolg verzeichnen. ' 8. Berlin, 9. Februar. In den Zeitungen ist viel die Rede von der großen Casperschen Universitätsstiftung, die jetzt zur Anwendung gelangt. Der erste Paragraph der Satzungen über die Stipendien an Studierende lautet: „Zur Bewerbung zuzulassen ist jeder bei der Königlichen Friedrich Wilhelms-Universität zurzeit der Bewerbung mit einem zum Universitätsstudium berechtigenden Reifezeugnis immatrikulierte Studierende, der von bürgerlichen Eltern evangelischen Glaubens geboren und preußischer Untertan ist." Johann Ludwig Casper, der Erblasser, dessen Stiftung die größte ist, die an der Berliner Universität existiert, stammte von jüdischen Eltern ab, und seine Frau Fanny war die Tochter von Marcus Theodor Robert, dem ältesten Bruder der Rahel Varnhagen! od. Danzig, 6. Februar. Dieser Tage. sind es 100 Jahre gewesen, seit der erste Jude in Danzig seinen Eintritt in die Börse erzwang, also hundert Jahre, seit hier die Juden „börsenfähig" wurden. Die „Danziger Zeitung" erinnert an diesen Tag mit folgenden Reminiszenzen.' Daß in den früheren Jahrhunderten sich Juden in Danzig zwar aufgehalten haben, aber ohne gesetzliches Niederlaffungsrecht, dürfte bekannt sein. Ebenso die Tatsache, daß sich in den um Danzig gelegenen Ortschaften unter dem Schutze verschiedener weltlicher und geistlicher Fürsten jüdische Gemeinden bildeten, die allmählich erstarkten. Seit der preußischen Zeit-etwa bestanden dann schließlich fünf Gemeinden nebeneinander und diese waren: die Altschottländer, die Weinberger, die Langfuhrer, die Mattenbudener und die Breitgasser Gemeinde. Doch ließ auch noch am Anfang des 19. Jahrhunderts zurzeit der französischen Fremdherrschaft die rechtliche Stellung der Juden manches für sie zu wünschen übrig. Wie wohl die Generale Rapp und Massias darauf drangen, Handelsfreiheit zu gestatten und diesen Grundsatz auch auf die Juden auszudehnen, protestierten die Danziger damals doch gegen die Zumutung, Juden an der Börse zuznlassen, indem sie sich darauf beriefen, „es solle, dem Willen des Kaisers Napoleon zufolge, Danzig nach seinen alten Gesetzen regiert werden." So wurde denn im April 1808 den Juden der Zutritt zur Börse untersagt. Ein Regierungskommissar las das Dekret in der Altschottländer Synagoge' vor. Aber es sollte ein unvorhergesehenes Ereignis eintreten. Jur Verlaufe des Jahres 1808 befand sich nämlich ein Kaufmann Moses Kassel aus Berlin auf einer Geschäftsreise in Danzig. Er wollte auch die Danziger Börse besuchen, da ihm von dem oben erwähnten Verbote nichts bekannt war. Aber sobald er sich dort sehen ließ, wurde er auch schon von einem Börsendiener ausgewiesen. Moses Kassel wandte sich nun mit einer Beschwerde persönlich-an General Rapp, den Gouverneur von Danzig. Dieser ließ sogleich zwei Gendarmen rufen und schärfte ihnen ein, sie sollten sich den Kaufmann Moses Kassel genau ansehen, damit sie ihn wiederzuerkennen imstande wären. Alsdann sollten sie sich am folgenden Tage vor der Börse postieren und sofort zur Hand sein, um den genannten Kaufmann vor etwaiger Unbill 31t schützen. Anderen Tages betrat Moses Kassel wiederum die Börse, aber erst, nachdem er sich überzeugt hatte, daß seine beiden Beschützer auf ihren Posten waren. Die Gendarmen hatten ihn ebenfalls bemerkt und gaben es. ihm durch Zeichen zu verstehen. Bei seinem Eintritt erhob sich sogleich ein allgemeines Gemurmel. „Hinaus!" ertönte es im Chor. Aber Moses Kassel drehte nun den Spieß um und rief, daß er im Gegenteil seine