Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1908)
- Date
- 1908-02-14
- Page
- Seite 84 (sequence 14)
- Language
- German
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saß er auf bem Feldrain, am Waldrande oder auf der Ofenbank, wo^ er gerade war, und zog ein/ Buch hervor und las und brütete. Kam er aber am Freitag zu Hause, dann brannte schon der Kronleuchter in dem Viertelstübchen, das er mit den Seinen bewohnte, und das durch einen Verschlag abgeschlossen war; der Tisch war mit einem reinen weißen Tuch-gedeckt; seine Frau und seine Kinder, alle so gut es nur anging, gekleidet, standen aus der Schwelle und riesen: Der Himmel segne Deinen Eingang, und er.warf sein Bündel ab und wusch und kleidete sich an, und wenn der Abendstern sich schön und milde zeigte und Amster Löbl Negenstreif an dem Tische oben stand, die Sabbatmütze auf dem Kopfe und das Gebet zu sprechen begann: „Auf! Laßt uns dem Ewigen jauchzen!" dann war er kein Prostek mehr und auch kein Schlemiel, dann war er ein König im Kreise der Seinen, und wie ein König bewirtete er, der Arme, den Aermeren, der müde und hungrig an seine Tür klopfte. Einmal - sah Amster Löbl Negenstreif einen kleinrussischen Bauern fein kleines mageres Pferd mit dem Peitschenstiel antreiben. „Weshalb schlägst Du das arme Tier so?" fragte er. „Ich muß, mein Lieber, denn die Peitsche fühlt es nicht mehr." Ebenso hatte sich Amster Löbl Regenstreif an die Peitschenhiebe des Geschickes gewöhnt, und mit der Zeit gewöhnte er sich auch an den Peitschenstiel des Geschicks; man gewöhnt sich an alles. Aber bei Amster Löbl Regenstreif war es nicht Gewohnheit allein, es war mich eine seltene heilige Geduld und ein wenig jener Salomonischen Weisheit, die den Kindern Israels niemals ganz abhanden gekommen ist. Amster Löbl Regenstreis maßte es sich niemals an, irgend etwas in der Welt besser zu verstehen als sein Gott, weder den Gang der Elemente, der Kriege und Seuchen, noch das Schicksal eines einzelnen Menschen und am wenigsten das seine. Wie es war, so mußte es auch gut sein, und in dem . Größten wie in dem Kleinsten, das ihn traf, suchte er stets, anstatt zu klagen, der Weisheit und Güte Gottes auf die Spur zu kommen. 3 Hinter dem kleinen hölzernen Hause, in dem er im Dorfe Mielniza wohnte, hatte er sich für wenig Geld und sehr viel gute Worte ein Stückchen Erde erobert, das höchstens vier Klafter im Geviert hatte. Dieses Stückchen Erde war sein Eden. Hier hatte er am Samstag abends und Sonntag früh so lange gearbeitet, bis etwas entstanden war, was wie eine Laubhütte aussah, und das er seinen Garten nannte. Diesen Garten hatte Amster Löbl Regenstreif eigentlich für seinen jüngsten Knaben, den kleinen Abel, angelegt, denn was inder Welt hätte er für sich und nicht für andere getan/ dieser Schlemiel, dieser Prostek. Der kleine Abel war einmal vom Tische herabgefallen und infolgedessen lahm und stumm geblieben/ Dasarme Kind saß nun in diesem Garten, in einer Laube aus wildem Wein und spielte mit den Blumen oder mit dem Sand, oder verfolgte mit seinen großen blauen - geisterhaften Augen die Bienen und Schmetterlinge,' die hin und her flogen, und kam der Winter, saß er an dem mit Frostblumen überzogenen Fenster, denn sein Vater hatte ihm gesagt, daß dies der Garten sei, den ihm ein Engel erbaue, . sobald draußen der Schnee die Erde bedecke. Der kleine, lahme, stumme Abel war der Liebling des Prostek. Als er aber eines Abends heimkehrte und seinen Liebling tot fand, da raufte er sich weder das Haar, noch riß er sich den Bart ans; er saß lange da und sah ihn an und endlich . sagte er:. Mott hat gegeben, Gott hat genommen, was hätte das arme Kind getan, wenn es eines Tages keinen Vater gehabt hätte und keine Mutter?" Weiter sagte er nichts, und. wenn er außerdem ein wenig weinte, so hat es doch niemand gesehen - als sein Gott und der wird es ihm wohl verziehen haben; so meinte und hoffte wenigstens der Prostek in seiner Einfalt: In demselben Frühjahr kam ein Wolkenbruch und zerstörte sein Eden. Alle standen vernichtet aus der Unglücksstätte, nur Amster Löbl Regenstreis ließ den Kopf nicht hängen. „Hat das Wasser große Bauten zerstört," sprach er, „warum soll es nicht zerstören den kleinen Garten? Und da wir den kleinen Abel nicht mehr haben, wozu brauchen-wir einen Garten?" ... Mielsche, seine älteste Tochter, bekam die Blattern und behielt ein arg zerrissenes und entstelltes Gesicht. „Weine nicht," sagte der Prostek zu ihr, indem er ihren Kopf zärtlich an seiner Brust hielt, „was willst Du weinen, mein Kind? Weil Du nicht mehr schön bist? Mielsche, wenn jetzt wird einer kommen und Dich begehren zum Weib, da Du weder schön bist noch reich, so wirst Du doch wissen, daß es aus ganzem Herzen geschieht und gefällst Du keinem, so gefällst Du doch Deinem Vater." Der älteste Sohn Regenstreiss, Nathan, wurde von einem großen Wolfshunde gebissen und verlor zwei Finger an der rechten Hand. ' Die Mutter jammerte, der Prostek hörte eine Weile ruhig zu. „Was für ein Unglück!" rief er endlich, „wird man ihn dafür nicht nehmen zum Militär, und verdienen wird der Nathanle doch können, was er nötig hat." (Fortsetzung folgt.) fin die Mäturkorlchkr. Von Gustav Steiuert. erliefet euch, erweitert eure Kreise! Im Dunkeln wirkt Natur und schaffet leise; Doch ihr Geheimnis, das euch nicht beirrt, Vor euren Augen zur Erscheinung wird. Vor euch zu immer weiterem Bedingen Gesetze unaufhörlich sich vollbringen. Ein jedes Herr, ein jedes Untertan, Und immer heller wird's auf eurer Bahn. Verborgene Geister, wenn sie heimlich walten, Mit ihren Freunden Zwiegespräche halten,. Erzählen viel und viel sie prophezeien, Und herrlich das Erwartete tritt ein. Herauf, herab, aus allen Regionen Sie sammeln sich, die Lauscher zu belohnen. Zu wild kein Strom, zu hart kein Quaderstein, Kein Zellchen ist den Plauderern zu fein. Und fehlten sie, die Schöpfung hätte Lücken, Rings Schlünde, Gründe, nirgend Stege, Brücken, Und was ein Windhauch brächte zum Gedeihen, Die rauhen Stürme rissen's wieder ein. Der Zweifel schwindet, fallen muß der Dünkel. Ein Gott regiert das All in jedem Winkel, In jedem Winkel seine Fackel brennt, Sie leuchtet euch, ihr findet und erkennt. Doch ihr? — Vernunft ihr sehet sich ereignen, Bewundert sie, um sie alsdann zu leugnen. An diesem Zwiespalt die Vernunft zerschellt, Zum Trümmerhaufen wandelt sich die Welt. Druck und Verlag von Rudolf Messe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.