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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-02-14 · Heft 7 (14.2.1908) · p. Seite 83

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 7 (14.2.1908)
Date
1908-02-14
Page
Seite 83 (sequence 13)
Language
German
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Mosche war, was in Barnow tmerhürt war, als IZjähriger Junge bei einem christlichen Schmieds in die Lehre gegangen, arbeitete später bei ihm als Geselle und verliebte sich in eine hübsche Bauerndirne. Er diente viele Jahre als Soldat in ' Parma, kehrte als Invalide mit einer Pension von drei Kreuzern täglich zurück, suchte sein geliebtes Mädchen wieder auf und starb unerkannt in den Armen des Sohnes derselben, der auch sein Sohn war. Von Osten kommt das Helle Sonnenlicht, aber unter den Menschen daselbst herrscht derzeit noch die den Geist verdunkelnde Barbarei. Viele Juden, die unter derselben leiden, wandern ans und finden zum Teile in England gastliche Auf- nähme. Ihre Existenz daselbst, wo sie sich der redlichen Arbeit widmen, wird aber durch die steigende Zahl der Einwanderer erschwert. In London hat sich ein neues Ghetto gebildet. Zangw ill, ein Meister der Erzählung, schildert dasselbe in seinem in englischer Sprache verfaßten Buche „Kinder des Ghetto"?) Er vergleicht die letzteren, die kümmerlich ihr Leben fristen und in ihrem Glauben beharren, mit den reichen Juden der City und des Westends, deren Judentum meistens nur in der materiellen Unterstützung ihrer Glaubensgenossen besteht. Im Ghetto selbst regt sich neben dem alten, in die Zukunst ausschauenden Idealismus der junge Realismus, der, die verrosteten Fesseln sprengend, hinaustritt ins größere, freiere fremde ' Leben, um in ihm einen festen Halt zu gewinnen. Die religiösen, philosophischen, trivialen und nationalen Gegensätze, die das Londoner Ghetto bei Zangwill bewegen, treten uns auch anderwärts im Judentume entgegen. Sein Buch ^schließt damit, daß seine beiden Helden, Rafael und Esther, die den Gegensatz des Idealismus und Realismus repräsentieren, sich in Liebe verbinden. Die Wahrheit liegt in der Mitte. Beide suchen in der neuen Welt, wo die Freiheit mächtig blüht und wohin Tausende ihrer Glaubensgenossen ziehen, ihr Glück. Sie alle werden es finden, nachdem sie dort das Ghetto aus ihren Herzen gebaut haben. Einer dieser Tausende, Morris Rosenfeld aus Russisch-Polen?) der in Amerika als Arbeiter sich eine Existenz gegründet hat/drückte in'seinen allgemein bewunderten „Liedern des Ghetto", die aus dem Jargon in mehrere Sprachen, auch in die deutsche, übersetzt wurden, seinen tiefen Schmerz aus, den alle seine Landsleute mit ihm teilen, die nur, weil sie Juden sind, ihre Heimat verlassen müssen. Eines dieser Lieder, das „Juda" überschrieben ist, enthält folgende Strophe. Vertraute Stimmen hör' ich wieder Und hör' sie rufen: Komm zurück! Da glimmt, da flammt empor im Herzen Die Hoffnung aus ein neues Glück. Oder träum' ich? Nein, ich schwör' es: So lang mein Sinn sich rühren kann, Nehm' ich von dem, der mich verachtet, Auch nicht das kleinste Plätzchen an. Nein, nein, ich mag kein Gnadenleben Mir feig erbetteln im fremden Land; Noch schlingt um mich und meine Heimat Sich wunderstark der Liebe Land. y Berlin 1897. zwei Bände in deutscher Uebersetzung und ein Band „Der König der.Schnorrer". . 2) ©eine „Lieder des Ghetto", von B. Feiwel aus hem jüdischen. Jargon ins Deutsche übertragen und mit Zeichnungen von C. M. Lilien ausgestattet, erschienen Berlin 1903. IggJluLeggg: Der Oroltrk. Eine chichte von L. v. Sacher-Mas och. I. /( infter Löbl Regenstreis war tu vollstem Maße das, was H' die Chassidim unter einem Prostek verstehen. Diese Bezeichnung wird, zwar jedem Zuteil, der nicht ihrer Lehre huldigt und auf die wundertätige Heiligkeit ihres Rabbt schwört, aber nicht ein Jeder verdient sie in gleichem Maße, und kaum ein Zweiter verdiente sie so sehr wie Amster Löbl Regenstreif. Ein Prostek ist so was wie ein Philister, ein Mensch, der sein Leben lang in den kleinen Sorgen, lächerlichen Freuden und erbärmlichen Leiden der Alltäglichkeit besangen ist und sich nie zu einem sicheren Gesichtspunkt, zu einer kühnen Tat, ja nur zu einem ungewöhnlichen Gefühl aufschwingen kann, und so ein Mensch war Amster Löbl Regenstreif. Wie sollte er kein Prostek sein? War es ihm vielleicht gegeben, den Titanen zu spielen, ihm, der eine Frau und elf Kinder zu ernähren hatte, der sechs Tage in der Woche das Land durchlaufen mußte, um sich am siebenten satt essen zu können, und mit drei anderen Familien in einem Zimmer wohnte, das nicht viel größer war als eine Hundehütte? Und hätte , seine arme gute Seele den Schwung besessen, sich trotzdem über den.Erdenstaub zu erheben, so hätte sich sein Dalles gleich einem Zentnergewicht an dieselbe gehängt und hätte sie wieder in den Schmutz herabgezogen. . Nicht umsonst nannten ihn die Chassidim einen Prostek, aberlmit noch . größerem Rechte wurde er von den anderen Juden ein Schlemiel gescholten. Wenn'es wirklich ein Dalles war, der ihm auf dem Halse saß, und es richtig ist, daß derselbe immer mehr zunimmt, je elender es seinem Opfer ergeht, so mußte der Dalles des armen Amster Löbl Regenstreif bereits den Umfang einer Lemberger Jüdin, oder doch wenigstens den eines Krakauer Prälaten erlangt haben. Ein Kamel in der Wüste, das Pferd eines polnischen Juden oder ein österreichischer Finanzminister kann nicht mehr geplagt sein, als es Amster Löbl Regenstreif war, aber in ihn: brannte ein helles Licht, das ihn auf seinen dunkeln Wegen leitete und tröstete: die innige Liebe zu seinem Weibe und seinen Kindern. Er ging am Sonntag früh vom Hause fort und kehrte erst am Freitag Abend zurück. Die Woche über wanderte er, sein Bündel, die Elle und die Wage auf dem Rücken, von Dorf zu Dorf, von einem Edelhof zum anderen. Aus den Worten, die er sprach, hätte man eine zweite Jliade oder Divina Comedia zusammensetzen können; mit den Schritten, die er machte, wäre man bequem nach Lemberg oder Czernowitz , gekommen. Hundert Hunde bellten ihn an, ein Viertelhundert Gendarmen verlangte seine vergilbten schmutzigen Papiere zu sehen, wenigstens ebensoviel Edelsrauen bedrohten ihn mit dem Kantschü. Alles dies rührte ihn nicht. Er schlief bei Nacht wenige Stunden auf dem Stroh eines Bauers oder Schänkwirtes, ^öder unter dem nächsten Baum, der über dem Straßengraben stand, er eilte vom ersten Morgengrauen bis Sonnenuntergang durch den Staub der Kaiserstraße und über die Steine der Feldwege, .er nährte sich einen Tag lang von einer Zwiebel oder einem Apfel und löschte seinen Durst an dem Brunnen, wo die Pferde getränkt wurden; und kam.der Abend, 'sgAjfrfaj «»;

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