Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1908)
- Date
- 1908-02-14
- Page
- Seite 82 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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$g/ einander zugetan, vereinigen sich erst: im Greisen alter, ohne ihren -Glauben-zu wechseln. Christian trägt am Sabbat der alten Lea das - schwere Gebetbuch bis zuM Eingänge der Synagoge- - nach und Lea bindet am Sonntage ihrem greisen Freunde-, wenn er sich anschickt, in die Kirche zu gehen, das weiße Halstuch um. Kompert belauschte die Herzen, die im Ghetto auch in jener starken Liebe schlagen, welche goldene Fäden spinnt. :bie sich trotz aller konfessionellen Gegensätzlichkeit um die . Menschenherzen schlingen. Die Leute des Ghetto reden bei Kompert mit ganz geringen Ausnahmen ein reines Deutsch. - Das ist wohl das Verdienst ihres Lehrers Arnsteiner mit seiner deutschen Partizipialkonstruktion. Eduard Kulte dagegen, der seinen Freund Kompert nachgeahmt hat, läßt in seinen mehr geistals gemütvollen Erzählungen aus dem mährischen Ghettos dessen Leute halb deutsch und halb den Jargon reden. Diese Mischung .hat etwas Gesuchtes, Groteskes, das dem Ganzen weniger einen humoristischen, wie beabsichtigt wird, als vielmehr einen komischen Anstrich gibt. Das Ghetto, das die -bisher genannten Dichter beschrieben Haben, existierte zu ihrer Zeit gar nicht mehr oder nicht ganz in der von ihnen geschilderten Gestalt. Das Leben, das sich, durch dasselbe; wie ein träger Fluß hinzog, hat sich ein neues Bett gegraben, in dem es mit den neuen Ideen, welche die moderne Weltanschauung in ihm erweckte, im rascheren Laufe der fortschreitenden Kultur stärkere Wellen schlägt. Das polnische Ghetto dagegen wurde von einigen Dichtern so geschildert, wie es zu ihrer Zeit wirklich war. SacherMasoch^) freilich, der das jüdische Leben dieses Ghetto nur äußerlich kannte,istiu seinen demselben gewidmeten amüsanten Erzählungen nicht immer tief in dasselbe eingedrungen. In Packender, fesselnder Weise hingegen beschreibtLeo Herzberg-Frankels die traurige Lage seiner Glaubensgenossen dies- und jenseits der Weichsel, wie sie ihm tatsächlich bekannt war. In seiner Skizze „Aus beu unteren Schichten" findet sich die Charakteristik eines frommen Klausners, der für die Schwerkranken betete und bei den Sterbenden wachte und nicht so viel verdiente, um seinen zahlreichen Kindern Brot geben zu können. Er bewohnte ein großes Zimmer mit noch zwei fremden Familien. Die eine derselben bestand aus einem jungen Ehepaare, in dem der Leichtsinn und die Not sich vermählten und die andere aus einer von ihrem gewissenlosen Manne verlassenen Frau, die aus dem Schiffbruche ihres Glückes nur ihren geliebten Buben. rettete, den sie aufs sorgfältigste erzog. Der arme Abraham Klausner betrat einmal vergnügt die Stube mit den Worten: . „Gitel, mein Weib, ich habe vierzig Kreuzer verdient." „Gib her," sprach die Frau, „damit ich dafür Brot kaufe." „Ja," antwortete er, „ich habe sie nicht mehr, denn siehe, unsere Mesusa ist possel geworden und da habe ich für das Geld eine neue Mesusa gekauft." Ein andermal kam er nach Hause mit der Botschaft, daß er in der Lotterie fünfzig Gulden gewonnen habe. „Herr Gott," sagte die Frau, „da sind wir ja Millionäre." „Ja," sprach er, „aber ich habe das Geld nicht mehr, denn ich habe dafür beim Sterbevereine zwei Gräber gekauft, damit wir, wenn wir nach hundert Jahren sterben, hübsch nebeneinander liegen können." „Awrumte," sprach die Frau, „du bist meschugge." Der größte Dichter des polnischen Ghetto, der Kompert an die Seite gestellt zu werden verdient, ist Karl Emil Franzos, 1) Eduard Kulte, „Geschichten", Leipzig 1869; „Die schöne Hausiererin", Prag. 2) „Polnische Zudengeschichten", Leipzig 1878, neue Folge das. 1881. 3) „Polnische Juden, Geschichten und Bilder", Stuttgart 1888. Dritte Auflage. - * der in seinen verschiedenen Dichtungen *) erzählt^ was er in der Judengasse daselbst erlebt und erfahren haü Er stammte aus Czortko.w in Galizien. Der fingierte Name Barnow, den er ihm beilegte, wurde bei ihm allmählich die Verkörperung des polnischen und russischen Ghetto mit seinem landesüblichen Schmutze, seinem Elende,- das zum großen Teile eine Folge des einseitigen religiösen Unterrichtes der Jugend ist, seiner äußeren Knechtschast, welche in Rußland die Knute und in Polen der Herrschsüchtige Adel verschulden, sowie seine innere Knechtschast des durch den krassen Aberglauben verfinsterten Geistes. Franzos geißelt diese Gebrechen mit» dem Ausdrucke , des wärmsten Mitgefühls. . Er führt uns in einer seiner Schriften in ein kleines, düsteres, dumpfes Zimmer, das Abraham Veilchenduft bewohnt, der Schulklopfer, Krankenpfleger, Totenwächter, und Schneider in einer Person war und sich, sein Weib und sechs Kinder nur durch Bettel ernähren kann. Nebenan steht' eine wackelige Hütte mit einem löcherigen Strohdache, geborstenen Lehmmauern und zerbrochenen, mit Papier verklebten Fenstern. Es ist das Cheder oder die Schule von Barnow, in der ein ganzer Haufen zerlumpter Knaben und Mädchen, auf ungedieltem Boden hockend, sich um den Lehrer und seinen Behelfer .scharen, die, ihr spanisch Röhrchen über deren Rücken schwingend, ihnen die Weisheit der hebräischen Fibel . verbringen, die Bibel im polnischen Jargon übersetzen und den Erwachsenen den Talmud erklären. Letztere heiraten, nachdem sie kaum die Schule verlassen haben, erhalten als Mitgift einige Jahre freie Station, damit sie ungehindert den Talmud studieren können, und pachten, wenn die selige Zeit um ist und sie mit Kindern reich gesegnet sind, eine Schnapsbude, hausieren in den Dörfern oder schnorren, wenn das Geschäft nicht geht. In der Not wandern die Leute zum Wunderrabbi von Sadagora; der eine sucht Heilung für sein krankes Kind, der andere einen Schwiegersohn für seine erwachsene Tochter, der dritte Ratin einem geschäftlichen Unternehmen und der vierte erfleht den glücklichen Ausgang eines Prozesses. Der Rabbi legt für alle Petenten beim, lieben Gott Fürsprache ein, deren Wärmegrad durch die ihm gereichte Gabe bedingt ist. In Prozessen tun sich die Juden von Barnow bei den gegen sie bestehenden Vorurteilen den Richtern gegenüber etwas hart. Ihre Töchter aber stoßen, wenn sie jung und schön sind, bei der herrschenden Klasse weniger auf Vorurteile. Ein Graf zum Beispiel, so wird in der Geschichte der Judith Trachtenberg erzählt, haßte die Juden bitter, liebte aber heiß eine Jüdin, die er trotz seines Ahnenstolzes nach harten Kämpfen heiratete. An jüdischen Frauenschönheiten fehlt es in Barnow nicht. Wir nennen nur die reizende Nanette Küssemich, die entzückende Tinka Groberklotz, die bezaubernde Bella Galgenstrick und die interessante Frau Flora Mist geborene Wohlgeruch.. Die viel umworbene Maria von Ronicki wohnt auch in Barnow, gehört aber nicht zur Haute voläe der Judengasse. Sie ist die Tochter des reichen Freiherrn Sigismund von Ronkcki, der vor seiner Taufe Schmule geheißen und als armer Judenbub in den Straßen Fladen und Zuckermandeln seilgeboten hat. In Barnow lebte auch Moschko von Parma, aber er war nicht von Adel, sondern der arme Sohn des Abraham Veilchenduft. h Von seinen Schriften seien hier nur genannt: a' „Aus Halbasien, Kulturbilder aus Galizien, der Bukowina, Südrußland und Rumänien", Leipzig 1896; b) „Vom, Don zur Donau. .Neue Kulturbilder aus Halbasien", 2 Bände, das. 1878; e) „Aus der großen Ebene. Neue Kulturbilder, aus Halbasien", Stuttgart . 1888; ä) Die Juden von Barnow", Stuttgart 1877; e) „Moschko von.Parma", Breslau- 1880; k) „Judith Trachtenberg", eine Erzählung, Breslau 1890 u. a. m.