Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1908)
- Date
- 1908-02-14
- Page
- Seite 81 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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** S''^£ '^'S 81 nach dein Talmud und dem ihnkodifizierenden Maimouides selbst hex messianische Große Gerichtshof -höchstens nur ganz momentan aufzuheben vermöchte. - Allein gesetzt,- der Herr Gutachter hätte Recht und jene Hilfe wäre möglich: der badische Oberrat und alle die Zahlreichen, die gleich ihm denken, bedürfen ihrer ja gar nicht, selbst vom allerorthodoxesten Standpunkte nicht. Handelt es sich doch hier gar nicht um Abschaffung der Opfergeseße selbst, sondern nur der flehentlichen Gebete um ihre Wiederherstellung. Der Herr Gutachter räumt ja sogar selber dem badischen Oberrate das Recht ein, in einem eventuellen messianischen Gerichtshöfe entsprechend seinen Ueberzeugungen von der Ueberlebtheit der Opfer für deren Aufhebung zu stimmen. Und da will er es ihm verwehren, diesen Ueberzeugungen gemäß, die Gebete einzurichten, und der überwältigenden Mehrheit wenigstens der deutschen Juden zumuten, dem Gotte der Wahrheit mit einer Lüge auf den Lippen, zu nahen? Selbst wenn das Gebetbuch des Oberrats statt der stillschweigenden Weglassung der Gebete um Wiederherstellung des Opferkultus direkte Bitten um Abschaffung der Opfer im künftigen Messiasreiche enthielte, dürfte es ihm der Gutachter nach dem gemachten Zugeständnis nicht verdenken; denn Bitten um Abschaffung sind nicht Abschaffung selbst. Das Ghetto in der Dichtung : Ei» Vortrag von Dr. Heinrich Groß-Augsburg. H. öher als alle Ghettos stand das uralte, sagenumwobene Prager Ghetto,demS.Kohn sein seltenes Erzählungstalent gewidmet hat. Aus seinen zahlreichen, auch andere böhmische Ghettos behandelnden Erzählungen^), in denen er das die Juden Betreffende mit allgemeingeschichtlichen Tatsachen geschickt zu verknüpfen pflegt. Heben wir nur die zwei folgenden hervor. Sein vorzüglichster Roman „Gabriel" knüpft an die Schlacht am Weißen Berge in Prag am 8. November 1620 an. Einer der gefeiertsten Heerführer des Königs Friedrich führte ein doppeltes Leben, in der Stadt als General Otto Bittet und im Ghetto, als Jünger der Talmudschule, Gabriel Mar. Hier suchte er in seiner Verkleidung seine ehemalige Braut, um sich an ihr zu rächen, weil sie ihn wegen des ihm vorgeworfenen, an seiner Geburt haftenden Makels verschmäht hat. Er fand sie, aber auch seinen unbekannten, bitter gehaßten Vater, mit dem er sich, nachdem er erkannt hatte, wie schwer derselbe seine Schuld gebüßt hat, versöhnt im Tode vereinigte. Gabriel, der mit aller seelischen Kraft gegen das mit dem Makel seiner Geburt auf ihm lastende Verhängnis ankämpft, mit sich sittlich über die ihn niederdrückende Empfindung zu erheben und schließlich in der allbesiegenden Liebe, die ihm mit dem eigenen Tode zuteil, wird, seine Ruhe findet, hat etwas von einem antiken tragischen Helden an sich, der sich ins Ghetto verirrt hat. Lustiger ist die zweite Erzählung von einem schlauen Schadchen, der einen Tag vor der Hochzeit den der Braut verhaßten Bräutigam geschickt so entführt, daß derselbe zur festgesetzten Zeit nicht erscheinen konnte, und im letzten Augen- 0 Von S. Kohn aus Prag erschienen unter anderem a) „Die Starken", Roman, Prag 1877, b) „Des Stadtschreibers Gast" und „Gerettete Ehre", Erzählungen- Leipzig, c) „Neue Ghettobilder", Erzählungen. Leipzig, ä) „Alte und neue Erzählungen aus dem böhmischen Ghetto", Zürich 1896 und e) „Gabriel", Roman, * Prag 1894, 3. Auflage. - - blicke, als die Gaste vergeblich warteten, den Jüngling herbei-, führte, den die Braut liebte und den' deren Vater aus Verlegenheit akzeptierte. Der Schadchen pflegte sich sonst um die Liebe wenig zu bekümmern, sondern bot die Herzen an, als ob sie von Lebkuchen, wären. Der hervorragendste, bahnbrechende Dichter des Ghetto, besonders des böhmischen, aus dem er selbst stammte, ist Leopold Kompert'), der wie mit Röntgenstrahlen in die jüdische Volksseeleleuchtete und die auf dem Grunde derselben sich regenden Gedanken und Empfindungen in ungewöhnlich schöner Form wiedergab. Wie der Spiritist angeblich die Erscheinungen der Geister, so übertrug er in Wirklichkeit auf die photographische Platte die Erscheinungen des Geistes, dex sich in der Judengasse beim Anbruche einer neuen Zeit in dem Drange kundgab, die Schranken der alten Gewohnheit zu durchbrechen und im Vollgenusse der jungen Freiheit, in der Aneignung einer höheren Bildung wie im .Wettbewerbe der Arbeit' jeder Art neue Lebensbahnen einzuschlagen. Von den Jdealgestalten der Kompertschen. Muse seien nur die folgenden erwähnt. Der „Schlemiel" ist allerdings nicht dem Ghetto allein eigen, sondern findet sich in hundert Spielarten in allen Breitegraden. Es gibt Sonntagskinder, denen alles Glück von selbst zufliegt und Pechvögel, in deren Händen das gediegene Gold zum Blech wird. Eines der „Kinder des Randars", ein sehr begabter Jüngling, bringt es trotz der Erfolge seiner Studien nur zu der bescheidenen Stellung eines Arztes in einem kleinen Orte. Das war damals das höchste, was ein Jude, wenn er studierte, erreichen konnte. Ein anderer Jüngling, dem fein Vater, ein Dorfgeher, unter schweren Opfern studieren ließ, wollte höher hinaus. Der Ehrgeiz drängte ihn zur Verleugnung seines Glaubens, die Liebe , zu seinen frommen Eltern führte ihn zu demselben zurück. Die Leute des Ghetto, die sich bisher nur dem Schacher Hingaben, wenden sich inner- und außerhalb desselben dem Handwerke zu oder finden Gefallen am Pfluge. Die. Schilderung dieses Strebens ist ein charakteristisches Moment bei Kompert. Die „Prinzessin", ein schönes, reiches Mädchen der Judengasse, das durch den Lehrer Arnsteiner, der die Jugend in die Geheimnisse der französischen Grammatik von Machät und der deutschen Partizipialkonstruktion eingeweiht hat, eine höhere Ausbildung erlangt hatte, ging zur Erholung aufs Land und verliebte sich daselbst in einen jüdischen stramnten Bauernburschen. Daß derselbe als Soldat gedient hatte, genierte sie wenig. Die Juden hatten die Scheu vor dem Soldatendienst überwunden. Kompert läßt einen Mann des Ghetto sagen: Wenn der König zum Kriege ruft, darf keiner Zurückbleiben, der eine gesunde Ader im Leibe hat. Wir hören auch von einem jüdischen Korporal sprechen, der im italienischen Kriege die silberne, und sogar von einem jüdischen Oberleutnant, der im Kriege die goldene Tapferkeitsmedaille erhalten hat. Aus einem Juden, sagt ein altes Sprichwort, kann man, wenn man richtig zu Werke geht, alles machen. Die- Leute des Ghetto zogen nicht selten in die Dörfer und wurden Bauern und lebten mit deren Bewohnern im besten Einvernehmen. Sie schlossen mit denselben mitunter Ehebündnisse. Eine kleine Raffenmischung, bei der die Liebe, die stärkste in dem Herzen tätige magnetische Kraft, versöhnend wirkt, gehört zu Komperts Lieblingsgedanken. Seine Erzählung „Christian und Lea" ist eine köstliche Idylle, die an die klassische „Philemon und Baucis" erinnert. Ein Christ und eine Jüdin, seit ihrer Kindheit in treuer Liebe Seine „Gesammelten Schriften" erschienen M 8 Bänden Berlin 1882 und in neuer Ausgabe Leipzig 1887,