Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1908)
- Date
- 1908-02-14
- Page
- Seite 79 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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die auch deine Söhne und-Töchter heilte umfaßt. Wie wechselvoll und traurig; auch ihr Schicksal im Abendlande zur Zeit des finstern Mittelalters gewesen, so waren es doch hauptsäch- , lich die Länder dieser Kultur, die sie. zur . Sitte, Zucht und . edler Menschlichkeit erzogen und ihre Wissenschaft der höchsten Entfaltung entgegenführte. Aus diesem Wissensquell schöpft jetzt das Judentum der gesamten Welt, und der Name „Aschkenasi", deutscher Jude, ist ja jenes Schiboleth desselben geworden. Blick umher! Wo ist noch das Ghetto, diese Prägestätte des uuter- - scheidenden Rassenmerkmals, so gänzlich verschwunden als in ' ' meinem Lande? Es findet sich nicht nur in Rußland, sondern auch in Holland, in England und in den Vereinigten Staaten, ist mithin nicht gerade ein Produkt alter Despotie, als vielmehr der Staatsunvernunft, die das Grundprinzip der Kultur, Nivellierung und Ausgleich, mißachtet. . Jedes partikularistische Anstreben ist verwerflich, da es die Kluft zwischen Bauern und Bürgern immer mehr erweitert und das gemeinsame Ziel der staatsbürgerlichen Verschmelzung in die Ferne rückt. Deutschland hat seiner politischen, geographischen Lage und dichten Bevölkerung wegen ganz besonders darauf Bedacht zu nehmen und heischt die volle Hingabe und. den ungeteilten Patriotismus aller seiner Mitbürger. Diesem Grundsatz wirkt der in deinem Namen betriebene Zionismus schnurstracks entgegen, denn ein Dualismus der Vaterländerei ist ein Nonsens, eine bewußte oder unbewußte Duplizität, abgesehen von der Unmöglichkeit und Zwecklosigkeit desselben. Nur ein Himmel, nur ein Vaterland. Die unglücklichen Parias in Rußland freilich, wo diese Idee wieder auserstanden, mögen sie immerhin im Herzen hegen, nur nicht deutsche Juden. Judäa: Dieser schon von meinem großen Sohne Jeremia während der babylonischen Gefangenschaft getadelte Gedanke ist ein Produkt der unglücklichen Zeitverhältnisse. Ist nicht der Antisemitismus, der meine Kinder gewaltsam zum Lände herausdrängt, der Vater, desselben? Ich habe ihn nicht erzeugt, denn ich verzichte schon lange auf den Wiederbesitz des heiligen Landes. Mein Witwensitz ist nur noch die Ruhestätte der Altgläubigen, die in der heiligen Erde, begraben sein wollen und ein Wallfahrtsort der.Anhänger dreier Religionen. Wie könnte ich mich auch zu einem solchen eitlen Wunsche emporschwingen, dessen Ausführbarkeit im Reiche der Unmöglichkeit liegt? Hatte ja auch das zweite Reich nur einen sehr kurzen Bestand, wie das erste. Die Theokratie verträgt sich eben nicht mit der weltlichen Monarchie. Das hat auch schon Samuel eingesehen,' der ernstlich davor gewarnt hat, wie auch Jeremia schon den Exulanten in Babylon riet, den salscheu Jubelrufern nicht Gehör zu geben. „Bauet Häuser, pflanzet Weinberge," läßt er ihnen sagen, „verheiratet Eure Söhne und Töchter und befördert das Wohl des Landes Eures Aufenthalts, denn damit ist auch Euer Wohl verknüpft." Als der mächtige Eroberer Cyrus sie wieder nach der - Heimat entließ, fanden sich kaum einige 40 000, die mit Serubabel davon Gebrauch machen wollten — der große und wohlhabende Rest blieb ruhig in Babel zurück.. Das war nach einem kurzen Aufenthalt von kaum 59 Jahren. Was erst würde geschehen, wenn jetzt, nachdem sie viele hunderte Jahre in die Länder des Abendlandes sich eingelebt haben, der Wunsch der Zionisten sich erfüllte und Jerusalem ihnen wieder offen stände? Verblendung, nichts als Verblendung oder Ruhmsucht und falscher Ehrgeiz, die alle schon in vergangenen Zeiten und in jedem Jahrhundert unter verschiedenen Formen auf Unkosten der Glaubensseligkeit ihr, Unwesen trieben und nur Unheil hervorriefen. Ich will sie nicht alle verdammen, denn viele vermeinen wirklich damit ein löbliches Werk zu üben und ihren . armen „Bxüdern zu dienen. Die Quelle dieser Verirrung bleibt aber das unglückliche Schicksal .meiner Kinder im Abendlandes Und solange dieses nicht aufhört, wird auch diese Verwirrung der Geister und der Zionstrieb nicht aufhören. Darum beschwöre ich Dich, liebe Schwester, Deinen Einfluß im europäischen Konzert zugunsten meiner verfolgten Kinder geltend zu machen. Germania: Ich will daran denken, was zu tun ist. Nur eins kann ich Dir mit Sicherheit versprechen: Erlange ich erst durch die Bagdadbahn größeren Spielraum in der Machtsphäre der Euphrat.- und Tigrisländer, so werde ich es mir angelegen sein lassen, dieselben durch Bewässerung und Bewaldung in den einstigen blühenden und fruchtbaren Zustand zurück zu verwandeln und zu. Wohnsitzen umzuschaffen für die vielen Hunderttausende, die, von der Unvernunft und der Böswilligkeit vernachlässigt, für die europäische Kultur ungeeignet sind und nur in gewohnter Weise auf asiatischem Boden leben möchten. Dies scheint mir die einzige richtige Lösung der Judenfrage zu sein. Damit gib Dich zufrieden. MkuorthodoLie? Von Dr. M. Steckelmacher-Mannheim. i. em Aufgebot des „Vereins zur Währung der Interessen des gesetzestreuen Judentums in Baden" "gegen das von dem badischen Oberrate herausgegebene Gebetbuch hat sich auch Herr Rabbiner Dr. Rosenthal in Breslau, das geistliche Oberhaupt des orthodoxen Teils der dortigen Gemeinde, mit' einem ausführlichen Gutachten zur Verfügung gestellt. Er erkennt' zwar in dem badischen Gebetbuche ein höheres Maß von Pietät für Beibehaltung des Hebräischen und des Gedankens der Auserwählung Israels als in anderen reformierten Gebetbüchern an, die er allesamt für ein Uebel hält, obgleich er „kleine Aenderungen in Nichtpflichtgebeten" —wogegen die sonstige Orthodoxie sich mit Macht wehrte — als gerechtfertigt ansieht. In der Hauptsache schließt er sich jedoch dem Gutachten des Herrn Dr. Feilchenfeld-Posen an. Indem wir auf die sehr zutreffende Beleuchtung dieses Gutachtens in dieser Zeitung verweisen, wollen wir uns im folgenden nur mit den Ausführungen des Herrn Dr. Rosenthal befassen. Neben der erwähnten Einräumung der Zulässigkeit von Aenderungen an den überlieferten Gebeten wirft ein eigentümliches Licht auf die Buntscheckigkeit unserer heutigen Orthodoxie das Zugeständnis des Herrn Dr. Rosenthal, daß „wir uns den zukünftigen Messias — auf dem der Geist Gottes ruhen wird, dessen Lendengurt die Gerechtigkeit und dessen Hüstengurt die Treue — nicht als Sprößling Davids dem Blute nach, sondern dem Geiste nach denken" müssen. Nun denn, dieser Messias behielt auch im neuen badischen Gebetbuch seine Stelle (siehe die Begründung in der Denkschrift des Oberrats S. 33 ff.). Nur die „Dynastie 'des Hauses David", der „Sprößling Davids" und ähnliche Bezeichnungen sind ausgeschaltet, weil diese Ausdrücke ohne Künstelei einen anderen Sinn als den einer Abstammung „dem. Blute nach" nicht zulassen. Der Herr Gutachter hält zwar dafür, daß man auch solche „buchstäbliche Auffassung nicht als verwerflich bezeichnen" könne — man beachte nur wieder diese Lockerung der Disziplin im orthodoxen Lager, Wegen großen Raummangels verspätet abgedruckt. Die Red,