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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-02-14 · Heft 7 (14.2.1908) · p. Seite 78

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 7 (14.2.1908)
Date
1908-02-14
Page
Seite 78 (sequence 8)
Language
German
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Wie stark, wie gewaltig anziehend ist doch der Reiz des Geheimnisvollen; wie verlockend sind die verbotenen Früchte! In die Höhe, zur reinsten Bewunderung des Schöpfungswerkes wird der Wissende gezogen, in die Tiefe der, der sich der Gefahren nicht bewußt ist. Wissen ist Macht, der Menschen Schmuck, der erhellt die Nacht; Unwissenheit: traurige Armut. Und wenn Goethe sagt, daß es nichts Schrecklicheres gäbe als tätige Unwissenheit, so haben schon unsere alten Weisen den „Am haarez“ als einen Feind und Zerstörer jeglicher Kultur wie die Sünde gemieden, so daß ein Lehrer ausrufen konnte: „An allen großen Schicksalsschlägen trägt der Am haarez die Schuld." Wollten mir nun Prüde, orthodox sich geberdende Naturen entgegnen, daß es früher, ohne die Aufklärung auch gegangen sei, ja daß es sich nicht mit der Züchtigkeit des Weibes vertrage, daß es ihr Sittlichkeitsgefühl verletze, geschlechtliche Dinge mit den Kindern zu erörtern, so unterstütze ich meine Forderung nach Wahrheit schon durch den Hinweis auf keinen Geringeren, als auf Samson Raphael Hirsch, der im „Chaurew" mit seinem an ihm gekannten flammenden Eifer Väter und Mütter geradezu beschwört, ihren Söhnen und Töchtern mit Rat.beizustehen, sie frühe zur Reinhaltung des Körpers und der Seele zu erziehen, da schon in der frühesten Jugend der „tierische Trieb" auf Abwege gerate. Und ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, daß dieser Trieb, der an sich durchaus natürlich ist, nicht selten durch den Einfluß der unzähligen geheimen Miterzieher zum Mißbrauch und vorzeitigen Gebrauch angeregt wird. Zum anderen die Gegenfrage: Haben unsere Mütter wirklich die Ueberzeugung gehabt, daß angesichts eines erwarteten Zuwachses der Familie die Kinder die Veränderung, die durch die Entwicklung des Individuums mit der Mutter vorgegangen, nicht bemerkt hätten? Und welches Kind dürste Wohl die größere Ehrfurcht und Liebe einer solchen Mutter zollen, dasjenige, das durch „sie" weiß, wieviel Herzblut die Mutter, dem Kinde leiht, wieviel Liebe sie ihm Zuströmen läßt, ja, wie sie manchmal ihr Mutterglück mit. dem Leben zahlt, und die darum in diesen Zeiten doppelte Verehrung und doppelte Liebe und Schonung erheischt, oder dasjenige, das in dem Zustand der Mutter etwas erblickt, was die „Sünde" hat werden lassen? Eine Mutter, die die „Geschichte vom Storch" ins Reich der Fabel verweist, erzieht durch ihre Wahrheitsliebe das Kind zur Wahrheit, und die Wahrheitsliebe ist die Triebfeder alles Guten und Schönen. Eine aufklarende Mutter erfüllt, das Kind mit Vertrauen zu sich; sie wird die Freundin des Kindes, das deren Rat in allen Stunden und Begegnissen des Lebens zu ihrem Glücke erbitten wird. Eine solche Mutter erzieht fröhliche Kinder, die an . Geist und Herz erstarken, die die Welt mit offenen Augen betrachten, die darum gefeit sind gegen Wind und Wetter. Jene Mutter aber, die bei der .kindlichen, von Wißbegierde zeugenden Frage nach der Lösung.des Welträtsels errötet, die nach Ausflüchten sucht, die etwa das Kind barsch abweist, eine solche Mutter gerade zeigt dem Kinde, daß das. Werden des Menschen auf „nicht ganz einwandfreiem Wege" geschehen müsse, die stößt das Kind ab in einer Angelegenheit, in der sie es zu sich emporziehen müßte und verführt es, sich Kunde bei / anderen zu holen. Eine solche Mutter hat dann, wenn das Kind anderweitig belehrt worden, das Vertrauen zu sich erschüttert, und die darf sich auch nicht wundern, wenn sie in schweren Zeiten, die keinem erspart bleiben, umgangem wird. Daher denn auch früher die „Furcht" vor den Eltern nicht immer „Ehrfurcht" in des Wortes schönster, heiligster Bedeutung war; daher denn auch oft die Kluft zwischen Kindern und Eltern. Die ehemalige Prüderie, die allerdings eine Folge des durch das Mönchswesen genährten Zeitgeistes war, dein das ganze Gebiet des Geschlechtslebens als Sünde galt, eines Zeitgeistes, der sich allen zivilisierten Menschen ausgeprägt hat, gehört in die Vergangenheit. Die Gegenwart, muß sich los^ lösen von dem Gedanken, daß' es nur Pflichten der Kinder gegen die Eltern gebe: es gibt auch Pflichten der Eltern gegen die Kinder. Und ganz besonders werden diejenigen jüdischen Mütter, die den Pflichtentreis der „Niddo“ aus mannigfachen- Ursachen nur teilweise beachten können, ihr Schuldkonto dadurch ausgleichen, daß sie über die Reinhaltung des Körpers und der Seele ihrer Kinder wachen, indem sie durch Belehrungen, die von heiligem Ernst und mütterlicher Liebe Kunde geben, ihnen den Born (nip'v) der reinen Lebensfreude, erschließen: zu ihrem Glück und zum Segen des Menschengeschlechts. Lion, Judäa und Germania. G Von S. Wiener. ermanta: Warum so betrübt, Schwester? Kannst Du den Verlust deines Landes noch immer nicht, verschmerzen? : Judäa: Nicht das ist es. Ich habe mich in das .Schicksal der trauernden Witwe längst gesunden. „Gefallen ist und kann nicht auferstehen die Jungfrau Israel; im eigenen Land liegt sie niedergeftreckt und niemand hebt sie aus." (Amos 5, 1.) Was tot ist, bleibt tot. Mein Gemahl Juda wird nimmermehr auferstehen, trotz aller Bemühungen meiner Söhne und Töchter. Was mich betrübt, ist zu sehen, wie diese heute Noch heimatlos in der Welt umherirren und aller Unbill ausgesetzt sind. Germania: Das ist die Fremdenfurcht und der unselige Streit der Glaubensmeinungen, der nicht zu Ruhe kommen will, und den weder eure noch unsere Priester sich redlich . Mühe geben, aus der Welt zu schaffen. Judäa: Und doch haben meine getreuesten Söhne, die Propheten Amos, Jesaja und andere, schon längst eine einzige reine Gottesverehrung gelehrt und einen Tempel auf Zion, verkündet, der alle Völker vereinen soll. Germania: Tahin will es nun nicht kommen. Auch der durch meine Söhne geschaffenen neuen Kultur ist es nicht gelungen, diesen alten Gegensatz zwischen Propheten und Priestern zu beseitigen und der edlen Menschlichkeit endlich zum Siege zu verhelfen. Judäa: Inzwischen verbluten meine unglücklichen Kinder und gehen dem Untergang entgegen. — Du solltest, Schwester, Dein Machtwort gebrauchen, Deinem unholden Nachbar gegenüber und ihn zu einer gerechteren Behandlung derselben zwingen. Germania: Dies geht aus zwingenden politischen Gründen nicht gut an. Die Eifersucht der Völker würde mir eine solche Rolle nicht gestatten. Ich wäre dann ganz isoliert und müßte für den Bestand meines Reiches zittern. Nach drei Seiten hin hat es sich von jeher gegen mächtige Gegner zu wehren gehabt, bis es das geworden ist, was es jetzt ist. Romanen, Kelten und Slawen lauern noch heute rachsüchtig. Als mein Sohn Arminius im Teutoburger Walde vor genau neunzehnhnndert Jahren das römische Joch zerbrach, darächte ich auch die durch Varus an dir begangene schwere Schuld, denn er nebst dem Kern der römischen Legionen blieb auf dem Platz. Das war der Beginn der neuen germanischen Kultur,

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