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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-02-14 · Heft 7 (14.2.1908) · p. Seite 77

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 7 (14.2.1908)
Date
1908-02-14
Page
Seite 77 (sequence 7)
Language
German
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ihnen lebenden, wenn auch, nur verkümmert vorhandenen Gottesfunken zu . entzünden, sie, soweit es angeht, zu nützlichen, brauchbaren und tüchtigen Menschen zu machen. - Die Bildung geistesschwacher Kinder aber setzt sachverständig geleitete Erziehungsstätten voraus; die Existenz besonderer Anstalten zur Erziehung und Unterweisung jugendlicher Geistesschwachen erscheint deshalb als eine große und ernste Notwendigkeit. Anstalten für schwachsinnige Kinder aber müssen allen hygienischen, unterrichtlichen und erziehlichen Maßnahmen und Einrichtungen der Erziehungsanstalten für Schwachsinnige entsprechen, den Anforderungen der Gegenwart gerecht werden und damit die Gewähr bieten für eine rationelle Behandluugs- und Unterrichtsweise . der Zöglinge. Die Errichtung .eines solchen Instituts wird - allezeit ein Ruhmesblatt in der Geschichte der beiden genannten Körperschaften sein und bleiben; denn viel, überaus viel hat die menschliche Gesellschaft gerade auf diesem Wege der Charitas und der Heilpüdagogik noch zu leisten, will sie nicht verschulden, daß ihre geistesschwachen Mitbrüder mangels entsprechender Erziehung und Pflege geistig und körperlich verkommen, ja oft zu gefährlichen Feinden des menschlichen Gemeinwesens werden. Die Arbeiten aus diesem Gebiete haben nicht nur philanthropische, pädagogische und psychiatrische Bedeutung, sondern sie dürfen auch ein gewisses Interesse vom sozialökonomischen Standpunkte beanspruchen. Viele schwachsinnige Kinder, die mangels entsprechender Anstalten ohne jede ihrem Leiden Rechnung tragende Erziehung bleiben, vertieren oft geradezu oder, werden Opfer brutaler Kindermißhandlungen, und die Oeffentlichkeit erfährt erst durch einen Gerichtssaalbericht das traurige Ende einer traurigen Jugend solcher unglücklichen Kinder. Die Schwachsinnigen aber, welche die. allgemeine Volksschule besuchen, bilden eine Qual für die Lehrer und einen Hemmschuh für die normalen Kinder. Deshalb muß das Bestreben ungeteilte und allgemeine Anerkennung finden, die schwachbefähigten von den normalen Kindern zu sondern, und man tut das jetzt mit der Einrichtung der sogenannten Nebenklassen oder Hilfsklassen oder Hilfsschulen. Mit der Einrichtung von Instituten für Schwachsinnige, Idioten und Epileptiker steht Deutschland heute an der Spitze aller Staaten. In der ersten Statistik, die, von Dr. Lähr herausgegeben, im Jahre 1874 erschien..und den Titel führt: „Die Jdiotenanstätten Deutschlands und der benachbarten deutschen Länder" finden wir bereits 2-7 Anstalten mit 1959 Pfleglingen aufgeführt. Sengelmann, der Gründer der Alfterdorfer Anstalt, setzte diese Statistik fort, und die in seinem „Jdiotophilus" (1885) erschienene Statistik zählt schon 32 Anstalten mit 4210 Insassen, und 1895 sind 46 Anstalten mit 9140 Zöglingen vorhanden. Heute zählen wir in Deutschland nahezu 100, genau 99 Anstalten, mit über 20 000 Zöglingen. Aus diesen Zahlen sehen wir am besten den rapiden Aufschwung, den die Errichtung von Jdiotenanstalten in Deutschland genommen hat. Es ist Nun interessant, an der Hand der neuen Statistik (1904) das Kontingent oder den prozentualen Anteil festzustellen, den die Juden an geistesschwachen Kindern liefern. Allerdings muß ich hier die Einschränkung machen, daß es mir nur möglich ist, den Anteil der Juden festzustellen, der in Anstalten untergebracht ist. Diese Ausstellung wird daher keinen Anspruch auf vollständige Richtigkeit erheben dürfen, da'doch viele schwachsinnige jüdische Kinder aus Mangel an einer bestehenden jüdischen Anstalt ohne Erziehung und Unterricht auswachsen oder in Privatpflege untergebracht sind. — Bemerken will ich hierbei noch, daß fast alle jene Anstalten, die heilpädagogischen Zwecken dienen, wenn sie auch jüdische Kinder aufnehmen, doch ausschließlich, christlich-konfessionellen Charakter tragen. Schon hieraus ergibt sich die starke Notwendigkeit, eine eigene jüdische Anstalt ins Leben zu rufen, in welcher die Zöglinge, neben ihrer geistigen Entwicklung und Ausbildung, auch zu Juden erzogen werden. Wie erschreckend groß der Prozentsatz ist, den die Juden an geistesschwachen Kindern stellen, ergeben übersichtlich die folgenden Zahlen. In Deutschland existieren 99 Anstalten mit zusammen 22 568 Zöglingen. Von diesen verteilen sich auf die einzelnen Bekenntnisse: 15 196 evangelisch 7 066 katholisch 261 jüdisch 45 einer anderen Konfession angehörig. Nach dieser Zusammenstellung kommen denmach auf 1000 Protestanten 0,41 Idioten „ 1000 Katholiken 0,36 „ „ 1000 Juden 0,44 „ Es ist wohl ganz gewiß, daß die Zahl der geistesschwachen jüdischen Kinder sich noch wesentlich steigern wird, wenn die vollständigen Zahlen vorliegen. Aber auch hieraus läßt sich schon ersehen, daß der Anteil, den die Juden an geistesschwachen Kindern stellen, ein wesentlich erheblicherer ist als der der anderen Konfessionen. Daher kann, man die Gründung einer jüdischen Anstalt für geistesschwache Kinder nur mit lebhafter Freude und Teilnahine begrüßen. Darum auf ans Werk — der Segen wird nicht ausbleiben. Ltnr Mtcht des Milchen Meibes. Aon Waisenhausdirektor L. Katz-Rybnik. 3nt Anschlüsse an einen Vortrag, den ich vor Mitgliedern des Vaterländischen Frauenvereins über die sexuelle Frage, über die Aufklärung hinsichtlich der Entstehung der „Krone der Schöpfung" gehalten, bat mich die Vorsitzende des genannten Vereins, eine nach Geist und Gemüt hervorragende Dame, ihr meinen Vortrag zur nochmaligen Lektüre zu überlassen. Dem Wunsche entsprach ich, obgleich das Manuskript, das -ursprünglich für die Michael Sachs-Loge in Königshütte bestimmt war, die Beleuchtung dieser Frage auch vom jüdischen Standpunkt aus enthielt. Da fand die Dame einen Passus von den drei Hauptpflichten des jüdischen Weibes, über den sie Aufklärung wüttschte. Aus der kritischen Lage, rettete mich die Erklärung, daß diese Pflichten begriffen: Wohltun (Zweck der (Mio), Sabbatheiligung (Hadloko) und Reinhaltung; von Körper und Seele (Niddo) und daß ihr Dasein oder die Nichtexistenz, die Beobachtung oder Verletzung dieser Pflichten, vornehmlich in der Hand der Mutter läge, der Priesterin des Hauses, der Pflegerin der Herzenseigenschasten. Und wenn ich zu dem letzten Punkt nicht nur durch das Wort, sondern auch durch die Schrift Stellung nehme, so geschieht das, weil ich es zwar für eine schwere, aber heilige Aufgabe des Erziehers halte, einmal in einer jüdischen Zeitschrift darauf hinzuweisen, wie die öffentliche Besprechung solcher Angelegenheiten, die tief in unser Leben, das welterhaltende, einschneiden, nicht unterdrückt werden darf. Naivetät und. Reinheit können nur durch Aufrichtigkeit, durch ^Natürlichkeit erzielt und erhalten werden, während Prüderie und die Scheu, die wichtigsten Lebensfunktionen wahrheitsgemäß zu erörtern, gerade zum Suchen auffordern.

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