Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1908)
- Date
- 1908-02-14
- Page
- Seite 76 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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den nächsten Austaüsch-Professor in-Berlin 'für das Schuljahr 1908 bis 1909 den Professor für soziale und politische Ethik an der Kolumbia-Universität, Dr. Felix -Adler, designiert habe. Diese Nachricht wurde seinerzeit Don dem Berliner Korrespondenten des „American Israelite“ dahin richtiggestellt, daß Roosevelt wohl Prof. Dr. Adler in Berlin vorgeschlagen habe, dieser jedoch von der preußischen Regierung abgelehnt worden wäre. Nun veröffentlicht das genannte Blatt ein Schreiben des bekannten Predigers Stephan S. Wise, in welchem u. a. folgendes gesagt wird: «In einem an Ihr Blatt gerichteten Schreiben des Herrn. Dr. Max L. Margolis wird behauptet, daß die Nominierung Dr. Felix Adlers von der Kolumbia-Universität als Theodor Roosevelt-Professor in Berlin nicht zur Kenntnis genommen, worden sei. In Richtigstellung dieser durchaus irrigen Meldung bitte ich feststellen zu wollen, daß Prof. Felix Adler tatsächlich von der Kolumbia-Universität als Theodor Roosevelt-Professor für das Jahr 1908 bis 1909 nach Berlin designiert und von der preußischen Regierung als solcher auch akzeptiert wurde. Auf der siebenten Tagung des Friedenskongresses in New Zork am 16. April 1907 stellte der Präsident Nicholas Murrah Butler von der Kolumbia-Universität Prof. Adler dem Kongresse mit folgenden Worten vor: „Prof. Adler ist nicht nur der Führer der New Aorker Gesellschaft für ethische Kultur und nicht nur Professor für soziale und politische Ethik an der Kolumbia-Universität, sondern — wie ich hiermit zum erstenmal mitzuteilen die Ehre habe — auf Betreiben des preußischen Ministers für Unterricht der erwählte Theodor Roosevelt-Professor an der Berliner Universität für das Jahr 1908 bis 1909." Ich habe nach dem Erscheinen der Berliner Meldung an kompetenter Stelle über die Angelegenheit Informationen eingeholt, und .ich bin in der Lage zu konstatieren, daß Prof. Dr. Adler in der Tat auf Betreiben des preußischen Unterrichtsministers nnd im Einverständnisse beider Teile als nächster Austausch-Professor nach Berlin gehen wird." Zu dieser Erklärung des Dr. Stephan A. Wise bemerkt die Redaktion des „American Israelite": Da Dr. Wise in der Lage ist, gut informiert zu sein, kann seine Behauptung als autoritativ und endgültig angesehen werden. Schwachsinnige Kinder. Bon S. Bein, Taubstummenlehrer. er Deutsch-Israelitische Gemeindebund und die Großloge für Deutschland gehen nun gemeinsam an die Lösung einer Kulturaufgabe, die der Gemeindebund anläßlich der Silberhochzeit unseres Kaiserpaares sich selber gestellt hat. Es wird jetzt mit dem Bau eines eigenen Heims für schwachsinnige jüdische Kinder begonnen. Dieses Heim soll Unterrichts¬ und Erziehungsanstalt zugleich sein. Es wäre nur wünschenswert, die Einrichtung des Heimes so zu treffen, daß es" einst ansreichen kann, allen schwachsinnigen Kindern jüdischen Glaubens in Deutschland seine Pforten zu öffnen; denn immer noch stellen die Juden unter den anormalen Kindern, den Idioten, Schwachsinnigen, Jmbeeillen, Taubstummen usw., den höchsten Prozentsatz, und diese Kinder in geeignete Anstalten unterzubringen, wird immer eine ernste und schwere Sorge bleiben. Darum stellen diese beiden großen Korporationen des deutschen Judentums mit der Errichtung eines solchen Instituts, das eine fühlbare Lücke in unseren heilpädagogischen Bestrebungen wohl einigermaßen auszufüllen imstande sein wird, sich und damit zugleich der ganzen deutschen Judenheit ein ehrendes, wohlverdientes Zeugnis aus. Jene Bestrebungen, auch den. „Armen am Geiste" Licht und Liebe, Lust und Lebenswärme zu bringen, stehen heute in ihrem'Kulminationspunkte, und diedeutscheJndenheit erfüllt hier nnreine Ehrenpflicht ihren unglücklichen Kindern gegenüber, sich' ihrer mit ■ et* barmender und helfender Liebe änzunehmen, - hie Härte ihres Schicksals soweit als möglich zu lindern und zu mildern, die Sonne der Nächstenliebe und Menschlichkeit ihnen leuchten zu lassen, ihnen eine frische; fröhliche, zufriedene Jugend zu geben. Hier ist ein neuer Zweig der pädagogischen Wirksamkeit erblüht, und diese Arbeit kann nur von Segen begleitet sein. Daß die jüdische Charitas sich , ihrer unglücklichen Kinder erst jetzt, also in verhältnismäßig später Zeit annimmt, das ist wohl in der Geschichte unserer Glaubensgenossen begründet; daß aber auch die Pädagogik sowie die ärztliche Wissenschaft an dem Lose der Geistesarmen nicht schon lange vorher ihre bessernde, helfende und pflegende Hand angelegt haben, das beweist ein Blick in die Geschichte des Jdiotenwesens. ' Die Fürsorge für blödsinnige und schwachbefähigte Kinder ist erst im vorigen Jahrhundert ein, Zweig der humanen Bestrebungen der Menschheit geworden. Man war früher allgemein der Meinung, daß es sich nicht lohne, den geistig Armen, den Stiefkindern der Natur, besondere Sorgfalt und Behandlung angedeihen zu laffen. Die Geschichte der Schwachsinnigenbildung wurde anfänglich mit der Behandlung der Geisteskranken, Kretinen, Taubstummen usw. verquickt, so daß es schwer fällt, genaue Darstellungen über ihre Anfänge zu gewinnen. Aber es ist ja auch gar nicht meine Aufgabe, im' Rahmen dieses Aufsatzes eine Geschichte der Schwüchsinnigenbildung zu geben, nur Nachweisen wollte ich, daß die Bestrebungen auf heilpädagogischem Gebiete zwecks Unterrichts und Erziehung der Schwachsinnigen jüngeren Datums seien, daß also die Inden, wenn auch etwas spät, so doch immer noch zur rechten Zeit auf den Plan treten. Es sind noch nicht 100 Jahre her, daß man sich der Geistesschwachen und Blödsinnigen annahm, und hier galt es zunächst, diese in geeignete Erziehungs- und Pftegeanstalten unterzubringen. Jedoch von einer Heilung und Besserung dieser Unglücklichen konnte keine Rede sein. Die Hilfe, die man diesen Unglücklichen brachte, beschränkte sich nur auf eine ihrem körperlichen und seelischen Leiden entsprechende Pflege. Erziehung und Unterweisung, als Ausgangspunkte der Bildung, waren für sie nicht vorhanden, daher bezeichnete man sie als bildungsunfähig. Es kann deshalb für vollkommen blödsinnige und bildnngsunsähige Individuen auch nicht Erziehungs- und Unterrichts-, sondern nur Versorgungs- oder Pflegeanstalten, Asyle oder Siechenhäuser geben. — Anders hingegen als mit btefen, den Bildungsunfähigen, steht es mit denjenigen Geistesschwachen, bei denen noch ein minimales Seelenleben wahrzunehmen ist, welches eine gewisse geistige Regsamkeit, Aufmerksamkeit und Auffassungsvermögen erkennen läßt. Solche geistesschwachen Individuen bezeichnen wir im Gegensatz zu den Bildungsunfähigen als noch bildungsfäh ig, da sie doch in irgend einer Weise sich und anderen nützlich gemacht zu werden befähigt sind. Mögen die in ihnen ruhenden Keime, die sich als entwicklungsfähig erweisen, noch so gering, mag der Nutzen noch so klein sein, der aus ihrem Tun ihrer größeren oder geringeren Umgebung erwächst; sie sind wesentlich von der reinen Passivit/it jener Pfleglinge verschieden, aus denen nichts herauszulocken, deren Denk- und Willenskraft zu nichts zu verwenden ist. Hier ist ein bedeutender spezifischer Unterschied, der bei Geistesschwachen verschiedenen Grades wohl zu beachten ist. — So kam es denn, daß man sich seit etwa 50 Jahren nun ganz besonders derjenigen annimmt, die, noch aus einer höheren geistigen Stufe als die Blödsinnigen stehen, also der Schwachsinnigen, und hier kommt es vor allem darauf an, den in