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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-02-14 · Heft 7 (14.2.1908) · p. Seite 75

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 7 (14.2.1908)
Date
1908-02-14
Page
Seite 75 (sequence 5)
Language
German
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Mitte vollkommen zu — alle Landes-, Konfessionsrücksichten dürfen irgend, eine Rolle in der Armee nicht spielen. Damit war die Debatte zu Ende, die auf die antisemitischen Abgeordneten Liebermann v. Sonnenberg, Köhler, Hilpert usw. einen so befriedigenden Eindruck machte, daß sie es gar nicht für notwendig hielten, in ihren zum Teil, sehr langen Reden darauf noch zurückzukommen. ♦ Zu der Klage der Christlich-Sozialen in Oesterreich über die „Verjudung" der Universitäten hat unter anderem auch der berühmte Chemiker Prof. I. H. van 't Hoff, Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften, Stellung genommen. Er erklärt folgendes: „Soll man sich auch zu der Rassenfrage äußern? Sie wurde ja hinzugezogen dadurch, daß der Angriff (Luegers) sich besonders gegen die Zunahme der jüdischen Einflüsse an der Wiener Universität richtete. Statistisch ließ sich auch feststellen, daß im Universitätspersonal das jüdische Element ziemlich übereinstimmend mit den Verhältnissen der Bevölkerungszahlen durch mehr als neun Prozent vertreten war.. Inwieweit dies zu Mißständen führt, entzieht sich meiner Beurteilung. Zeugen wie Billroth und Hyrtl wurden ins Feld geführt, um das zu beweisen. Als Fernstehender muß ich mich also auf Allgemeines und persönliche Erfahrungen beschränken. Vom allgemeinen Standpunkt ist es für die Frage der freien Forschung überaus wichtig, daß der Jude nicht dahin strebt, der Wissenschaft irgend ein Dogma aufzuzwingen. Im Gegenteil, die Geschichte zeigt, das; von der jüdischen Seite für die freie Forschung mitunter das Beste geleistet wurde, sowohl durch persönliche Leistung als durch , materielle Unterstützung. Meine eigenen Erfahrungen waren dementsprechend. In A-msterdam, wo die BevölkerungsVerhältnisse, was Juden betrifft, denjenigen tu Wien ziemlich entsprechen dürsten, habe ich nahezu zwanzig Jahre mit rund zehn Prozent jüdischer Kollegen ganz gut leben können. Unter meinen besten Schülern waren gerade auch Nichtarier, tind zu wiederholtenmalen wurde gerade von dieser Seite die Universität reichlich beschenkt. Handelte es sich, wie einmal, um einen teuren Laboratoriumsgegenstand, den schweren Platinapparat zur Darstellung des Fluors nach der letzten Entdeckung von Moisseau, so stellte alsbald Herr Rosenthal den fehlenden Scheck zur Verfügung; .wollte die Universität eine ihrer hervorragenden Stellung entsprechende Aula, so trat alsbald dafür Herr Lehmann ein; und als ich nach Berlin übersiedeln sollte, wurden von derselben Seite Mittel flott gemacht, um durch Gründung einer neuen Professur mich zu entlasten. Während der zehn Jahre in Berlin habeich dann einen unersetzlichen treuen Mitarbeiter gefunden in dem leider zu früh gestorbenen Meherhoffer, der ebenfalls.Nichtarier war. Was mich aber besonders stutzig gemacht hat auf dem Gebiete der Rassenbeurteilung und Nassenverurteilung ist. daß ich dreimal hier in Berlin erst bei der Beerdigung — und es handelte sich um berühmte Namen — entdeckte, daß es richtige Arier waren, die ich und viele mit mir im Leben nicht dafür gehalten hatten. Warum? Ja, das waren verschiedenartige Kleinigkeiten, die wir als Merkmale betrachtet hatten, und also auch bei den anderen Vorkommen können. Und so kommt man auf den allgemeinen menschlichen Grundsatz immer wieder zurück, daß man sich von sogenannten Rassen- oder Kastennationalen oder sonstigen Gruppeneigentümlichkeiten nicht unnötig beeinflussen lassen, muß und jeden Menschen für sich nehme, so wie er sich allmählich zeigt. Die vielseitigen Beziehungen, welchen die immer mehr erleichterten Verkehrsmöglichkeiten den Weg bahnen, gleichen natürlicherweise diese Gruppenmerkmale mehr und mehr aus und entwickeln schließlich den Menschen als davon ziemlich unabhängige Persönlichkeit." * durch die Trennung von Staat-und Kirche bedingten Neuordnung der Kultusverhältnifse ergaben, ließen eine Neuwahl, bisher nicht'zu. Eine Zeitlang war davon die ^Rede, überhaupt keinen Großrabbiner mehr eiyzusetzen, sondern den Gemeinden die autonome Regelung ihrer Kultusangelegenheiten zu überlassen. Indessen ist man von dieser Meinung wieder abgekommen und die Neuwahl erfolgte am 6. d. M., nachdem das neue Konsistorium gewählt worden war. Als Kandidaten waren genannt die Herren: Israel Levi, Rabbiner von Paris, ein Schwiegersohn Zadoc Kahns, I. H. Drehfuß, Großrabbiner von Paris, Alfred Levh, Großrabbiner von Lyon, Jsaac. Levy, Großrabbiner von Bahonne, Honel Meiß, Großrabbiner von Bordeaux. Wie man sieht, standen so ziemlich alle bedeutenderen Rabbiner Frankreichs auf der Kandidatenliste. Die Wahl fiel schließlich auf Alfred Levh, den Großrabbiner von Lyon, der wohl der Doyen des französischen Rabbinats ist. Er wurde am 14. Dezember 1840 in Luneville geboren und hat am Pariser Seminar seine Studien absolviert. 1866 wurde er Rabbiner in Dijon und 1880 kam er nach Lyon. Er ist Ritter des Ordens der Ehrenlegion. Auch auf literarischem Gebiete hat der neue Grand Habbin de France bereits mancherlei geleistet. Er schrieb u. a.: „La Deuil et les Ceremonies funebres chez les Isra£lites“ (Paris 1879), „Notice sur les Isra&ites du Duche de Lorraine“ (Paris 1885), „Notice sur les Israelites de Lyon“ (ebd. 1894), „Les Doctrines d’Israel“, Recueil de Sermons. Lyon 1896. Aus Rußland wird berichtet: Am 27. v. M. fand die erste Sitzung des Dumaausschusses für Glaubensfreiheit nach den Ferien statt. Es-kam eine Zuschrift der Kommission für die Angelegenheiten der orthodoxen Kirche zur Verlesung, in welcher gefordert wird, daß sämtliche Gesetzvorlagen, welche sich auf die Gleichberechtigung der nichtrussischen Religionen sowie auf das Verhältnis des Staates zu diesen Religionen beziehen, in das Ressort der Kommission für die Angelegenheiten der orthodoxen Kirche überwiesen werden. Auf Antrag des Abgeordneten Nisselowitsch wurde diese Forderung abgelehnt. Eine große und sehr, erregte Debatte rief der Bericht des Mitglieds der Rechten Tkatschow über die Gesetzvorlage betreffend das Verhältnis des Staates zu den einzelnen, nicht orthodoxen Religionen hervor. Tkatschow schlug nämlich vor, daß das Verhältnis der orthodoxen Kirche zum Staate unverändert aufrechterhalten bleibe. Was jedoch alle anderen Religionen betrifft, so sei bezüglich dieser eine vollständige Trennung der Kirchen vom Staate durchzuführen, wobei es diesen Religionen gesetzlich verboten werden soll, ihre religiösen Lehren zu verbreiten, das heißt ein Uebertritt zu diesen Religionen sei als Vergehen gegen das Gesetz zu verfolgen. An der Debatte über diesen Bericht haben sich sämtliche Parteien beteiligt. Es kam vorläufig zu keinem Beschlüsse. Die Parteien einigten sich dann, daß der Abgeordnete Bogdcmowitsch namens der Opposition einen- Gegenbericht verfasse, welcher zusammen mit dem Berichte Tkatschows in einer der nächsten Kommissionssitzungen, zu welcher auch ein Vertreter des Innern sowie der Oberprokurator des Synods geladen werden, zur eingehenden Beratung gelangen soll. Die franzos ischen Juden haben wieder einen. Grand Rabbin. Seit dem Tode Zadoc Kahns (das ist also seit fast zwei Jahren) war der Posten des Großrabbiners von Frankreich nicht wieder besetzt.- Die Schwierigkeiten, die sich aus der Wie wir schon gemeldet, soll der nächste amerikanische Austausch-Professor der bekannte Dr. Felix Adler sein. Ein amerikanisches Blatk brachte vor Wochen die Mitteilung, daß der Präsident der Vereinigten Staaten, Theodor Roosevelt, als

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