Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1908)
- Date
- 1908-02-14
- Page
- Seite 74 (sequence 4)
- Language
- German
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Diese Maßregel wird ohne Zweifel den Fortbestand der bereits vorhandenen jüdischen Mittelschulen gefährden und bie Eröffnung neuer Unterrichtsanstalten verhindern. Zwar wird nttt dem Besuch einer Realschule oder, wie es dort heißt, einer Kommerzschule nicht etwa der spätere Eintritt in, eine Hochschule bezweckt; aber wenigstens gewährt die Abschlußprüfung in' den genannten Mittelschulen das Recht des einjährigen Dienstes im Heere. Daß jeder jüdische Familienvater, wenn er die Mittel nur einigermaßen aufbringen kann, darauf bedacht ist, seinem Sohn die Berechtigung zum Einjährigendienst zu verschaffen, wird man wohl begreifen. Denn der einfache Militärdienst in Rußland ist überaus lang und hart, sür einen zivilisierten Menschen kaum erträglich. Rur um ihren Söhnen eine Erleichterung zu verschaffen, bringen sehr oft jüdische Eltern das hohe Schulgeld auf. Es ist ja gewiß kein Vergnügen, mehrere Jahre, in der Blüte des Jünglingsalters, in der Kaserne unter der- . rohten, stets betrunkenen und zotenreißenden analphabetischen Rekruten zuzubringen, dort sich die rohe Behandlung eines betrunkenen und ungebildeten Offiziers gefallen lassen zu : müssen. Wer diesem Schicksal entgehen kann, sucht ihm natürlich zu entgehen. Wenn in der antisemitischen Presse oft über die Scheu der Juden gegen den Militärdienst alberne Witze gemacht werden, so wäre den Witzbolden zu gönnen, daß sie einige Jahre Ln einer russischen Kaserne zubrächten. Wenn ihnen nicht aller Sinn für Gerechtigkeit abhanden gekommen ist, würden sie dann wohl über die Juden etwas milder urteilen. .Die Frage ist nun: was beabsichtigt die Regierung mit dieser neuen Schikane? Findet sie einen wünschenswerten Zustand darin, daß die jüdische Jugend vom Besuch der höheren Schulen absolut fern gehalten wird? Als Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts die Beschränkung beschlossen wurde, glaubte die Regierung damals, dafür einige Gründe ängeben zu müssen. Es sei nicht recht, daß die Juden über ihr Zahlenverhältnis hinaus die öffentlichen Schulen füllen; durch eine zu starke Zahl jüdischer Schüler verlieren die Schulen ihren . christlichen Charakter; der „schädliche Einfluß" der jüdischen Schüler nähme dort überhand; der revolutionäre Geist fände dadurch Eingang bei der Schuljugend. Nehmen wir nun an, dieses alles sei richtig und wahr, so mag man doch zufrieden sein, wenn die Juden sich . auf eigene Kosten Realschulen errichten, so daß ihre Kinder mit der frommen, „gutgesinnten" christlichen Schuljugend gar nicht in. Berührung kommen. Die gesunden Schafe sind somit vor der Ansteckung durch die räudigen geschützt. Aber das Ganze ist. Unsinn,. und die berüchtigten schwarzen Hundert würden darin eine unverdiente Ehrenkränkung erblicken, wenn man ihnen vernünftige Erwägung zutrauen wollte. Sie werden nur von dem Wunsche beherrscht, die Juden zu. ärgern und zu schikanieren. Das erreichen sie in vollem' Maße. Denn die .Schulnot macht sich bei der jüdischen Bevölkerung am stärksten fühlbar, und es ist wahrlich nicht abzusehen, was daraus noch werden soll. Aber die zivilisierten Staaten in Europa und Amerika wetteifern in ihrem Bestreben, die Freundschaft Rußlands zu erlangen. Nachdem Gottes Strafgericht über. diesen Staat gewaltet hat, bleibt er noch immer ein gleichwertiger Bundesgenosse der zivilisierten Völker. Um die Unterdrückten kümmert sich-aber kein Mensch. Die Wache. Verl in/12. Februar, m R e i ch s t a g konnte man bei der Beratung des 'Militär- Etats am 7. b. M. ba§feX6s @<$auft)ie]Cerleöetv das wir schon so oft' mit angesehen haben : Eine vorsichtige, sehr vorsichtige Mahnung von liberaler, Seite,, die Zurücksetzung der Juden in der Armee betreffend, so nebenbei, „unter anderem", und daraus die Antwort von seiten der Regierung/daß von einer solchen Zurücksetzung der Juden nicht die Rede sein könne usw. usw. Inzwischen aber bleibt natürlich alles beim alten und kein Jude wird iy Preußen Reserveoffizier. Selbstverständlich nur deshalb, weil sie alle absolut ungeeignet und unbefähigt sind! In Bayern sind sie aber merkwürdigerweise befähigt und geeignet. Denn dort wurden' in der vorigen Woche fünf jüdische Oberleutnants zu Hauptleuten, acht. Leutnants zu Oberleutnants der Reserve,' elf Oberärzte zu Stabsärzten und eine größere Anzahl von Assistenzärzten zu Oberärzten der Reserve ernannt. Wir geben im folgenden die Verhandlung über die Sache nach dem stenographischen Bericht wieder: Abg. Dr. Mugdan: Mein Freund Eickhoff hat vor mehreren Jahren einmal Klagen über die Ungerechtigkeiten vorgetragen, denen die Soldaten jüdischer Konfession ausgesetzt sind. In dieser Beziehung ist leider eine Besserung nicht eingetreten. Ich spreche nicht etwa davon — das will ich mit Absicht heute nicht tun —, daß man indische Einjährige noch immer zurückhält, Reserveoffizier zu werden. Nein, die Sache ist schlimmer. Mir sind Fälle bekannt, in denen von vornherein der eintretende junge Mann, nur weil er Jude war, also zu einer Zeit, in der man von seinen Fähigkeiten körperlicher und geistiger Natur noch gar nichts wußte, von gewissen Jnstruktionsstunden sofort'zurückgehalten wurde, die andere nehmen müssen, die es eventuell zum Reserveoffizier bringen. Mir. sind Fälle bekannt, in denen beim Eintritt des Einjährigen sofort in einer bestimmten Liste der Vermerk gemacht wurde, daß der junge Mann jüdisch ist.- Kurzum, ich kann leider nicht davon abgehen, zu behaupten, das; die Deutschen jüdischer Religion bei unserem Militär nicht gleiches Recht finden wie die anderen, und das darf eine Armee, diedie Pflanzstätte des Rechts sein soll, nicht auf sich sitzen lassen. Was nun die Beförderung zum Reserveoffizier anbelaugt, so ist diese nicht nur deu Einjährigen jüdischer Religion, sondern auch vielen mittleren Beamten versagt. Generalleutnant Sixt v. Armin, Departementsdirektor im Kriegs-. Ministerium, stellvertretender Bevollmächtigter zum Bnndesrat sür das Königreich Preußen: Es ist ferner erwähnt worden, es komme vor, daß Mannschaften jüdischer Konfession von vornherein bei ihrem Diensteintritt schlechter behandelt würden, irgendwie zurückgesetzt würden hinter ihren Kameraden. . Meine Herren, es sind keine einzelnen Fälle genannt worden, ich kannalso auf einzelnes nicht eingehen und beschränke mich aufdie ganz allgemeine Bemerkung, daß, wenn das geschieht oder geschehen äst, es selbstverständlich i m h öchsten Grade zu mißbilligen ist. Was die Wahl von Reserveoffizieraspiranten aus den Mannschaften des Benrlaubtenstandes zu Reserveoffizieren anlangt, so liegt sie. wie den Herren bekannt ist, in der Hand des Offizierkorps des Beurlaubtenstandes, und es muß ihm im einzelnen Falle überlassen sein, die Momente pflichtmäßig zu ermessen, die ausschlaggebend sind, ob der junge Mann Reserveoffizier werden soll oder nicht. Am nächsten Tage machte noch der Abg^ Dr. Müll er-. Meiningen folgende Bemerkung: Meine Herren, auch sonst fordern die Ausführungen des Herrn Vertreters der Militärverwaltung Widerspruch heraus. Ich will bloß von zwei Bemerkungen sprechen. Er meinte, in ganz Deutschland könne jeder Subalternbeamte auch Offizier werden. Gewiß, in der Theorie hat jeder Soldat den Marschallsstab im Tornister, aber in der Praxis sieht die Sache etwas anders aus. Wir müssen immer wieder darauf Hinweisen — und da stimme ich den Herren in der