Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1908)
- Date
- 1908-02-07
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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der Vorsitzende-dos Gemeindevorstandes) Herr Otto Wolfs, ein Schüler des Verstorbenen und Herr Lehrer Wertheimer aus Heldenbergen, der Vorsitzende des Israelitischen Lehrervereins im Großherzogtum Hessen, dessen Mitbegründer und langjähriges Vorstandsmitglied der Verblichene war. Ehre seinem Andenken! .§. Nürnberg, 3. Februar. In der Versammlungshalle des israelitischen Friedhofs hat gestern vormittag eine Gedächtnisfeier für den verstorbenen Rabbiner Dr. Ziemlich stattgefunden. Die Beteiligung bewies, wie die Tätigkeit des Mannes, der Jahrzehnte hindurch hier gewirkt hat, fortdauernd in bestem Andenken steht. Herr Rabbiner Dr. Freudenthal schilderte das Wirken des Verstorbenen, dem auch namens der Verwaltung der israelitischen Kultusgemeinde Herr Kommerzienrat Gallinger Worte des Dankes widmete. Die Trauerversammlung begab sich dann an das dieser Tage aufgestellte, nach dem Entwurf des Herrn Architekten Hinderer gefertigte Grabdenkmal. Mit einer Schlußansprache des Herrn Rabbiner Dr. Chone endigte die erhebende Feier. * Zweibrücken, 29. Januar. Die unter Leitung des Kgl. Bezirksamtmannes heute nachmittag im Stadthaussaale dahier tagende Versammlung der Synagogenvorstände des Rabbinatsbezirks Zweibrücken genehmigte einstimmig den Antrag des Bezirksrabbiners Dr. Meyer auf Verlegung des Rabbinatssitzes nach Homburg (Pfalz). Dieser Beschluß wird der Regierung zur Genehmigung unterbreitet. =* Karlsruhe, 2. Februar. Der Aufruf zur Gründung einer „Liberalen Vereinigung" in der badischen Landessynagoge hat folgenden Wortlaut: „Die aufrichtige Friedensliebe der liberalen Glaubensgenossen, die auch die religiösen Bedürfnisse Andersgesinnter gern anerkennen und in weitherziger Weise befriedigen Helsen, wird von den orthodoxen Parteigängern — nicht zu verwechseln mit den duldsamen und friedlichen Anhängern der orthodoxen Glaubensrichtung — als Schwäche ausgefaßt, die stch alles bieten läßt, so daß sie keinen Anstand nehmen, ihr Judentum als das alleinberechtigte zu proklamieren, in ihren Blättern, Versammlungen und Flugschriften die Liberalen zu beschimpfen und jeden noch so berechtigten Fortschritt als Abfall zu brandniarken. Uns werfen sie die beklagenswerten, aber immerhin nur vereinzelten Fälle von Bekenntniswechsel vor, wie sie zu allen Zeiten und bei allen in der Minderheit befindlichen Religionen aus äußeren Gründen stattgefunden haben, während doch die Orthodoxie selbst, als sie noch die Alleinherrschaft besaß und über Zwangsmittel verfügte, die Abtrünnigkeit nicht zu verhindern vermocht hat. Uns wollen sie ihre Methode der religiösen Erziehung aufzwingen, obwohl es ihnen sogar in ihren abgesonderten Religionsgesellschaften nicht gelingt, das jüngere Geschlecht in den Bahnen der „Gesetzestreue" festzuhalten. Unverantwortlich stürmen sie gegen die staatliche Organisation unserer Landessynagoge an, die wir hochherzigen Fürsten und erleuchteten Staatsmännern verdanken und die jetzt bald hundert Jahre besteht. Ihren Einfluß hoffen sie zu steigern, wenn sie die Autorität von Oberrat und Synode untergraben, ohne sich darum zu kümmern, daß die Vernichtung dieser Organisation die schwerste Schädigung aller jüdischen Interessen, der religiösen wie auch der bürgerlichen, bedeuten würde. Solchem, den Frieden gefährdenden, beleidigenden und verderblichen Tun muß, wie es vor kurzem bei den Ausschußwahlen in Freiburg und neuerdings in Frankfurt a. M., der zweitgrößten israelitischen Gemeinde des Reichs, mit glänzendem Erfolge geschehen ist, mit aller Entschiedenheit, zugleich aber, behufs dauernder Abwendung jeder Reaktion, systematisch und nachhaltig entgegengetreten werden. Ein stetes und lebendiges Zusammenwirken der Gesinnungsgenossen in Stadt und Land tut dringend not. Wir fordern daher alle liberalen Glaubensgenossen unseres Landes auf, sich zu einem Bunde zusammenzuschließen, der fest, auf dem Boden des Judentums steht, aber aus diesem nicht Rückschritt, sondern einen der Zeit entsprechenden Fortschritt erstrebt, der unsere bewährte Organisation in unverändertem Ansehen erhalten soll, der nicht Spaltung, sondern Einigung, nicht Vergewaltigung der einen oder anderen religiösen Richtung, sondern, entsprechend dem Geiste des Judentums, Frieden und Gerechtigkeit für alle in der Landessynagoge vereinigten Richtungen will, der aber auch bereit ist, mit größtem Nachdruck Uebergriffe und Friedensstörung von orthodoxer Seite zurückzuweisen. Bei unserm Vorgehen sind wir der Zustimmung aller wahrhaft 3 — — :: , ' religiös und liberal gesinnten Israeliten des Landes gewiß. Aber auch die religiös Gleichgültigen sollten bedenken, daß, wenn auch sie selbst sich von der äußeren Uebung des Judentums fernhalten, es sich zugleich darum handelt, in welchem Geiste ihre Kinder im Religionsunterricht der Schule erzogen werden sollen. Alle endlich müssen sich vor Augen führen, welchen Wert die Organisation unserer Religionsgemeinschaft auch für unsere bürgerliche Stellung im Staate hat und daß wir diese mit jener schützen müssen. Möge diese Erkenntnis allseitig sich Bahn brechen und durch massenhaften Anschluß an unsere Vereinigung zu imposantem Ausdruck gelangen. Mitglieder können alle Glaubensgenossen, ohne Unterschied des Geschlechts, vom vollendeten 18. Lebensjahre an werden, die sich zu dem für alle gleichmäßig festgesetzten Jahresbeitrag von Mark verpflichten und die Bestrebungen unserer Vereinigung fördern, mindestens aber anerkennen wollen. Sobald die ausgefüllten Einzeichnungslisten vorliegen, werden wir eine konstituierende Versammlung einberufen. Inzwischen gilt in jeder Gemeinde der in der Liste Erstunterzeichnete als Vertrauensmann, an den man sich in Angelegenheiten der Vereinigung wenden wolle. Selbstverständlich ist auch jeder der Unterzeichneten zur Auskunfterteilung bereit. Das provisorische Landeskomitee. (Es folgt eine lange Reihe von Unterschriften der besten Männer des Landes.) v. Strntzbnrg, 28. Januar. Das israelitische Konsistorium des Unter-Elsaß, das nominell aus acht Mitgliedern zu bestehen hat, zählt neben dem Oberrabbiner von Straßburg soeben nur ein Mitglied. Der Präsident des Konsistoriums Dr. Gustav Levy ist soeben gestorben, wenige Wochen im Tode voraus ging ihm der Schriftführer Asch, die Wahl von drei Mitgliedern, die im Dezember stattfand, wurde von der Regierung annulliert und ein Mitglied hat soeben seine Demission gegeben. Die Neuwahlen sind auf Mitte Februar bereits angesetzt. Oesterreich-Ungarn. □ Wien, 3. Februar. Wie erinnerlich, hat der vor zwei Jahren verstorbene Baron Nathaniel Rothschild in seinem Testamente zwanzig Millionen Kronen für die Errichtung einer allgemeinen Heilanstalt für Nervenkranke bestimmt, in welcher Kranke ohne Unierschied der Konfession Heilung finden sollten. Das Stiftungskuratorium ist ebenfalls interkonfessionell, wobei den Juden ein äußerst geringer Einfluß gewahrt wurde. Wie recht die einflußreichen Persönlichkeiten der Wiener jüdischen Gemeinde hatten, als sie — leider erfolglos — Baron Rothschild von einer Stiftung abzubringen versuchten, die bei der heutigen Strömung den Juden wenig Nutzen bringen und dem Hause Rothschild nicht einmal den Dank der Herren von Wien eintragen würde, beweist die nachfolgende Stilblüte des unter dem Protektorate des Piusvereines erscheinenden Parteiorganes der Christlich-Sozialen, der „Reichspost". Dieseleistete sich nämlich vorige Woche folgende Notiz: „Ein Rothschildspital in Ober-St. Veit. Den Bewohnern von Ober-St. Veit droht eine Gefahr, gegen die sie sich jedoch mit aller Energie und Ausdauer zu wehren gewillt sind. Es soll ihnen nämlich das unangenehme Geschenk eines Rothschildspitales gemacht werden. Bedeutet schon die Errichtung eines Krankenhauses für einen Bezirksteil, der bisher zu den Sommerfrischen der Wiener zählte und sich in ein Villenviertel ausgestalten soll, an sich eine schwere Schädigung, so würde sie in diesem Falle doppelt nachträglich sein, denn die armen Bewohner von Ober- St. Veit würden damit der Gefahr einer totalen Verjudung ihrer hübschen Gegend ausgesetzt werden, die natürlich eine ganz erhebliche »Verschlechterung aller Verhältnisse zur Folge hatte. Die zweifellos durchaus jüdische Aerzteschaft des geplanten Spitals würde eine Ansiedlung jüdischerGeschäftsleute im Orte zur Folge haben, die die seit Jahrzehnten ansässigen Inhaber der alten Geschäfte wenn nicht verdrängen, so doch schwer schädigen würden. Die Absicht, einen Bezirk, der zu den besten Forts der christlichsozialen Partei gehört, durch die Anlage eines Rothschildspitales zu verjuden, muß deshalb im Interesse der Bewohnerschaft mit allen Mitteln hintangehalten werden und deshalb sind auch die. bedrohten Ober-St. Beiter der Unterstützung aller maßgebenden.christlichen Kreise gegen die Aufdrängung des bedenklichen Geschenkes sicher." Es ist wohl überflüssig, auf die „Moral" dieser Geschichte hinzuweisen. Sie schreit von selbst so gewaltig, daß