Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1908)
- Date
- 1908-02-07
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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deshalb nicht mehr anderweitig vergeben werden. Dem Geschlecht nach gehörten 185 dem männlichen und 261 dem weiblichen an; dem Alter nach waren 212 Personen Erwachsene und 234 Kinder. In Freistellen waren 307 Pfleglinge ausgenommen, die Wohnung, Verpflegung, Bäder und sonstige Kurmittel, auch ärztliche Behandlung ganz unentgeltlich erhielten, während 139 Personen einen kleineren oder gröberen Teil der Selbstkosten der Anstalt als Verpflegungsentschädigung zahlten. Davon kamen aus Berlin 301. aus dev Provinz Posen 39, aus Schlesien 34. aus Pommern 26, aus Westpreußen 19, aus dem Königreich Sachsen 8, aus der Provinz Brandenburg und Hessen-Nassau je 5, ans Rußland 4, aus der freien Reichsstadt Hamburg 3, aus der Provinz Sachsen und dem Herzogtum Anhalt je ein Pflegling. Zu der kleinen russischen Kolonie, die bei uns in diesem Jahre Zuflucht suchte und fand, gehörte, wie wir zu erwähnen nicht unterlassen mögen, wieder das Opfer eines Pogroms. Der Anstaltsbetrieb währte vom 23. Mai bis 29. September. Trotz der überaus ungünstigen Witterungsverhältnisse im verflossenen Sommer ist die Pflegezeit im Berichtsjahre ohne jeden ernsten Zwischenfall, ohne intermittierende Erkrankung schwerer oder auch nur leichterer Art verlausen. i. Posen, 31. Januar. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hielt am 22. d. hu großen Saale des Apollotheaters eine überaus stark besuchte Versammlung ab. Es waren wohl über 1000 Personen anwesend, die Saal und Logen bis auf den letzten Platz füllten. Der Vorsitzende, Rechtsanwalt Kirschner, eröffnete die Versammlung, indem er die Delegierten aus der Provinz begrüßte und mit ehrenden Worten des verstorbenen Komiteemitglieds Herrn Buchhändlers Jolowicz gedachte. Sodann nahm der Landtagsabgeordnete Rechtsanwalt Dr. Cohn aus Dessau das Wort zu seinem Vortrage: „Wie wahrt der deutsche Jude sein Recht?" In beredten Worten schilderte der Vortragende die vielfachen Zurücksetzungen, die die jüdischen Glaubensgenossen von früher Jugend an zu erdulden haben. Die verfassungsmäßig gewährleistete Gleichberechtigung stände immer noch auf dem Papier. Die Verwaltungskörper fragten bei allen Anstellungen nach wie vor nach der Religion des Bewerbers. Dieses, dem Wortlaute und der Idee des Gesetzes widersprechende Verhalten der staatlichen Organe veranlasse zahlreiche Uebertritte zur staatlich bevorzugten Religion aus rein äußerlichen Gründen, uni sich finanzielle Vorteile oder eine Stellung als Beamter zu verschaffen. Selbst im Handwerk, in der Industrie und im Kaufmannsstande hätten die Juden mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Die einflußreichen Organe im Staatsleben setzten oft geradezu eine Prämie auf Feigheit und Gesinnungslosigkeit. Es sei die Aufgabe der mannigfachen jüdischen Organisationen, auf die schwächeren Charaktere erzieherisch einzuwirken und ihnen das Rückgrat zu stärken. Der Redner schilderte sodann die Tätigkeit des deutsch-israelitischen Gemeindebundes, des Verbandes der deutschen Juden, des Hilfsvereins, der jüdischen Logen, der mannigfachen neueren Bestrebungen und zuletzt in eingehender Weise die Tätigkeit der größten und einflußreichsten Organisation: des Zentralvereins. Er wies darauf hin, daß der Zentralverein, in den Wegen Gabriel Rießers wandelnd, zuerst den Juden klar gemacht habe, , daß sie einen Anspruch auf volle Gleichberechtigung hätten, und daß sie nach Recht und Verfassung ebensogut Staatsbürger seien, wie die Angehörigen anderer Bekenntnisse. Als der Redner am Schluffe seiner Darstellungen die Versammlung zu unermüdlicher Tätigkeit und zur Propaganda im Sinne des Zeutralvereins aufforderte, folgte minutenlanger stürmischer Beifall seinen Worten. In wirkungsvoller Weise führte sodann der Vertreter des Zentralvorstandes, Rechtsanwalt Dr. Brodnitz aus Berlin, die vom ersten Vortragenden angeregten Gedanken weiter aus. Auch den Worten des zweiten Referenten folgte lauter Beifall. Zum Schluffe dankte Rechtsanwalt Kirschnerden Rednern und teilte mit, daß in der nächsten Zeit eine Mitgliederversammlung stattfinden solle, in der die formelle Konstituierung einer Ortsgruppe siattfinden werde. n. Breslau, 28. Januar. Am 27. d. M. beging das Jüdischtheologische Seminar im Festsaal der Anstalt die Gedächtnisfeier für den Gründer, in Verbindung mit der Feier von Kaisers Geburtstag. - Dem Jahresbericht geht ein wissenschaftlicher Aufsatz des Seminarrabbiners Professor Dr. I. Lewy: „Interpretation des vierten Abschnitts des palästinaischen Talmudtraktats Nesikin" voran. Herr Seminarrabbiner Professor Dr. S. Lewy hielt auch einen längeren wissenschaftlichen Vortrag über „Die Spuren der talmudischen Literatur im griechischen und römischen Altertum". Im Anschluß daran fand durch Professor Lewy die Ueberreichung der Rabbinatsdiplome und die feierliche Entlassung von drei Hörern, der Herren Dr. Golinski Dr. Italiener und Dr. Schreiber, statt. Im Namen der Entlassenen richtete Herr Dr. Schreiber an die Dozenten Worte des Dankes und des Abschieds. Zur Bewerbung um den Joseph Lehmannschen Preis war das Thema: „Untersuchung des Targum-Schein zu Esther auf seine Quellen" gestellt. Der eingegangenen Arbeit, verfaßt von Herrn Dr. Wolfsohn, wurde der Vreis zuerkannt. Chorgesang eröffnete und schloß die würdige Feier. Aus dem Jahresbericht der Anstalt, der soeben erschienen ist, entnehmen wir noch, daß von früheren Zöglingen der Anstalt folgende in neue Aemter berufen worden sind: Herr Dr. Wilde zum Rabbiner in Magdeburg, Herr Dr. Freund oon Ostrowo zum Ortsrabbiner in Hannover, Herr Dr. .Freudenthal aus Danzig zum Rabbiner in Nürnberg, Herr Dr. Kälter aus Potsdam zum Rabbiner in Danzig. Von den neu Entlassenen tritt Herr Dr. Golinski am 1. Februar sein Amt als Rabbiner in Pilsen an, während Herr Dr. Italiener schon seit Juli v. I. in Darmstadt als großherzoglicher Landrabbiner tätig ist- M. Hamburg, 31.Januar. In der Sitzung des Repräsentantenkollegiums der Gemeinde sind die statutenmäßig ausscheidenden Gemeindevorsteher, die Herren Dr. Max Cohen Und Alfred Levy, einstimmig wiedergewählt worden. Eine längere Debatte rief ein Antrag des Herrn Alexander Levy hervor, der die Beseitigung, unwürdiger Zustände auf den Begräbnisplätzen Grindel verlangt. Es wurde hervorgehoben, daß namentlich auf dem portugiesischen Begräbnisplatze die alten Grabsteine vollständig verwahrlost sind, worüber Herr Professor Cornill-Breslau, der vor kurzem den Friedhof besuchte, sein Erstaunen ausgesprochen hat. Es wurde folgender Antrag des Herrn Dr. Samson angenommen: Das Repräsentantenkollegium beschließt, an den Gemeindevorstand die Anfrage zu richten, ob ihm bekannt ist, daß der Friedhof am Grindel sich teilweise in. einem unwürdigen Zustand befindet, und welche Maßnahmen der Vorstand zur Beseitigung dieses Zustandes und des Wiedereintritts solcher Zustände zu ergreifen gedenkt." Schließlich fand noch folgender weiterer Antrag des Herrn Alexander Levy betreffend die Gemeinde- Bibliothek einstimmige Annahme: Das Repräsentantenkollegium beantragt, beim Gemeindevorstand zwecks Ergänzung der geordneten und katalogisierten Gemeindebibliothek einen Betrag von 300 Mark jährlich auszusetzen; auch ist der Betrag bereits in das Budget von 1908 nachträglich einzustellen. Zugleich wurde eine aus einem Gemeindevorsteher und zwei Repräsentanten bestehende Kommission gewählt, um für Neuanschaffungen von Büchern Sorge zu tragen. n. Darmftadt, 2. Februar. Am 26. v. M. starb nach mehrjährigem Siechtum der emeritierte Lehrer und Kantor der hiesigen Religionsgemeinde (Hauptgemeinde) Heinrich Oppenheimer. Mit ihm ist eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Stadt dahingegangen. Als Fünfundzwanzigjähriger trat er sein Amt in unserer Gemeinde an, das er 45 Jahre mit seltener Pflichttreue und mit großen Erfolgen bekleidete. Mit allen Fasern seines Jchs hing er an demselben, und nur ungern zog sich der Siebzigjährige vor sechs Jahren in den wohlverdienten Ruhestand zurück. Mit hervorragenden Stimmitteln ausgerüstet und. mit feinem musikalischen Verständnis begabt, war es ihm schon früh gelungen, sich hier einen Namen als Sänger zu machen. In den öffentlichen Konzerten des Mozartvereins, eines der ersten Männergesangvereine der Residenz, war er ein stets freudig begrüßter Solist. Seine Verdienste um denselben wurden auch durch seine Ernennung zum Ehrenmitglieds dankbar anerkannt. Auch der Großherzog würdigte seine Tätigkeit in Gemeinde und Stadl durch eine zweimalige Ordensverleihung. Die Beerdigung fand am 18. v. M. unter zahlreicher Beteiligung statt. Die Trauerfeier wurde durch einen ergreifenden Gesang des Mozartvereins eingeleitet. In Vertretung des zurzeit abwesenden Ortsrabbiners hielt alsdann Herr Rabbiner Dr. Salseld-Mainz die Trauerrede, in der er den Verstorbenen unter Zugrundelegung des Bibelwortes II. 18,21 als einen stets hilfsbereiten Menschen, als einen gewissenhaften Beamten und als treuforgenden Familienvater schilderte. Ferner sprachen am Grabe