Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1908)
- Date
- 1908-02-07
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 -— " ' '? $C£ man sie vielleicht auch in den beteiligten Kreisen hören und in Zukunst danach handeln, wird. — Der provisorische Vorsitzende der Prager Handelskammer, kaiserlicher Rat Leon Bondy, und sein Bruder Otto Bondy haben ans Anlaß des im vorigen Jahre erfolgten Todes ihres Vaters, Herrn . Gottlieb Bondy, gewesenen Präsidenten der Prager Handelskammer, einen Betrag von . 100 000 Kronen dem Prager Kunstgewerbemuseum, zum Ankauf von Kunstgegenständen und 30 000 Kronen für wohltätige Zwecke gewidmet. Herr Gottlieb Bondy, der auch als Forscher in der Geschichte der Juden in Böhmen sich einen Namen gemacht hat und unter dem als, Präsidenten der Prager Handelskammer das. Kunstgewerbemuseum in Prag gegründet wurde, war der erste Präsident derselben. — In dieser Woche starb hier Frau Witwe Minna von Leon im Alter von 30 Jahren. Die Verstorbene war die Stammmutter einer angesehenen jüdischen Familie, deren Nachkommen fast alle allmählich zum Christentum übergetreten sind. Es liegt eine tiefe Tragik in dem Umstande, daß die alte Frau alle ihre Kinder mit Ausnahme eines getauften Sohnes überleben mufite. Innerhalb eines Jahres geleitete sie zwei Söhne zu Grabe. Die Frau des österreichischen Ministerpräsidenten Baron Beck ist eine Enkelin der verstorbenen Frau von Leon. Ihre Exzellenz Freifrau von Beck wurde als Jüdin geboren und war in erster Ehe mit dem Sektionschef a. D. Baron Doczy (vormals Dux) verheiratet. Diese erste Ehe .wurde noch nach jüdischem Ritus vollzogen, da sowohl Herr Döczy als auch Frl. Mayer (dies der Mädchenname der Freifrau von Beck) damals noch dem Judentume angehörten. Inzwischen haben sich Leide taufen lassen. An dem Leichenbegängnisse der Frau von Leon haben der Herr Ministerpräsident samt Gemahlin teilgenommen. Interessant ist es, daß das Leichenbegängnis nachmittags um 21/2 Uhr stattfand, obgleich jüdische Leichenbegängnisse in Wien vorschriftsmäßig nur vormittags stattfinden dürfen. Diese Abweichung von der Ziegel wurde auf besonderen Wunsch des Ministerpräsidenten gestattet, der am Vormittag beruflich verhindert gewesen wäre, an dem Leichenbegängnisse teilzunehmen. Auch am Nachmittag konnte er nur der Zeremonie im Trauerhause anwohnen, da er an diesem Tage um S1/2 Uhr zu jener denkwürdigen Beratung der Christlichsozialen ins Rathaus eilen mußte, in welcher — wie aus den. Tagesblättern bekannt — zwischen dem Ministerpräsidenten und den Antisemiten „ein vollständiges Einverständnis" hergestellt wurde. Am . Grabe der Frau von Leon verrichtete Oberrabbiner Dr. Güdemann ein kurzes Gebet. — Der Vizepräsident der Budapester Waren- und Effektenbörse, Herr I a c q u e s S i m0 n, hat den erblichen ungarischen Adel mit dem Prädikat Bogläv“ erhalten. — Zwei hochbetagte Männer sind vergangene Woche in Ungarn gestorben. Der eine, Alexander Brodh in Tisza-Karacsonyfalva, war 101 Jahre alt und hatte am ungarischen Freiheitskriege vom Jahre 1848 in hervorragender Weise teilgenommen. Der zweite hieß M oritz Glanz, war Synagogendiener in Paks und erreichte ein Alter von 104 Jahren. Von Msh und Fern. — Die Deuts che Orientgesellschaft beginnt foebeit eine auf drei Monate berechnete Unternehmung, die den Zweck hat, die Ruinen Jerichos genauer zu durchforschen, deren Ausgrabung bereits durch Prof. Sellin begonnen war. Die Expedition besteht aus den Herren: Prof. Sellin als Leiter, Prof. Watzinger als Archäologe und Regierungsbaumeister Langenegger als Architekt. — Der Privatdozent Dr. Adolf Buschke, dirigierender Arzt der Abteilung für Hautkrankheiten am Rudolf Virchow-Krankenhause, hat den Prosessortitel erhalten. — Am 31. d. M. ist hier der Justizrat Max Aronsohn uw 51. Lebensjahre gestorben. — In Stolp ist am 28. v. M. Dr. Eduard Wolfsberg im 78. Lebensjahre gestorben. Derselbe war jahrzehntelang Religionslehrer in Königsberg i. Pr. — Die rote Kreuzmedaille III. Klasse hat Frau Kommerzienrat Jda Wolfs in Posen erhalten. — In Breslau wird die Industrieschule fürjüdische Mädchen in städtische Verwaltung übergehen. In die städtische Schnldeputation wird gemäß dem Volksschulunterhaltungsgesetze Rabbiner Dr. Rosenthal eintreten. — In Hanau und Würzburg haben die Magistrate die Eingaben des Tierschutzvereins, das Schächten im Schlachthof zu verbieten, abgelehnt. In letzterer Stadt hat die beabsichtigte Gestattung der Beisetzung von Aschenurpen in der Reihe der Gräber auf dem israelitischen Friedhofe zu ■ einem Protest an die Staatsbehörde seitens der Orthodoxen geführt. Zugleich hat man sich in diesen Kreisen zu - einem „Verein zur Wahrung und Förderung religiöser Interessen innerhalb der Kultusgemeinde" zusammengeschlossen. — Rechtsanwalt ‘ Dr. Nord mann in Mülhausen, der bei der Regierung die Verlegung des, Sitzes des oberelsässischen Konsistoriums von Colmar nach dem viel stärker bevölkerten Mülhausen beantragt hatte, ist der Bescheid zugegangen, daß dieser Frage, die von prinzipieller Bedeutung ist, erst nach den Wahlen näher getreten werden kann. Da gesetzlich vier Mitglieder in Colmar wohnen müssen, konnten die beiden auswärtigen Kandidaten bei der Nachwahl nicht mehr in Betracht kommen. — Das Jewish-College in London hat den Bewerbern um den Singer-Preis folgende Aufgabe gestellt: „Die Institution des Versöhnungstages mit besonderer Berücksichtigung von Dr. Hoffmans Widerlegung der Bibelkritik." — Vor einigen Tagen starb in Jassy einer der, gefeiertsten rumänischen Dichter, Roneti Roman, im Alter von 60 Jahren. Roman war Jude und ist anch aus dem jüdischen Friedhof zur ewigen Ruhe bestattet worden. Die rumänische Gelehrtenwelt sandte der trauernden Familie zahlreiche herzliche Beileidskundgebungen; eine überaus große Menschenmenge gab dem Verstorbenen „rumänischen" Dichter das letzte Geleite; die rumänischen Blätter schreiben spaltenlange Nekrologe über den gefeierten Nationaldichter und unterschlagen natürlich das heikle Moment, daß Roneti Roman als Jude geboren und als solcher gestorben ist. Roneti Roman hat sich besonders als Dramendichter hervorgetan. In seinen Dramen behandelte er hauptsächlich Ereignisse aus der Geschichte Rumäniens. Vor acht Jahren schrieb'er ein Drama „Menasse", das mehr als 30 Aufführungen in einem Jahre erlebte; es ist der grollende Aufschrei einer ^gekränkten > Judenseele gegen die große Unbill, welche Rumänien den Inden seit Jahr und Tag zusügt. In seiner Jugend — vor mehr als dreißig Jahren — schrieb Roman unter dem Namen Moses Roman noch viel hebräisch. Später widmete er sich ausschließlich der rumänischen Literatur und erhielt das rumänische Bürgerrecht. Von dieser Zeit an galt Ronati Roman als der bedeutendste rinnänische Dichter der Neuzeit. — Die Blätter melden, daß der neue russisch e Unterrichtsminister Schwarz die den Juden von seinem Vorgänger erteilte Erlaubnis. Mittelschulen mit OeffentlichkeitSrecht der Staatsschulen zu errichten, zurückgezogen hat. Am 4. d. M. fand in Petersburg in der großen Synagoge die feierliche Einweihung der „Akademie für die Wissenschaft des Judentums" statt. — In Poltawa spielte sich in der Appellationsinstanz ein sensationeller Prozeß ab, und zwar wegen des von Juden geübten Selbstschutzes gegenüber einem im Jahre 1905 inszenierten Pogrom. Angeschuldigl war eine ganze Familie Schimschilewitz. Das Urteil lautete gegen alle auf Deportation nach Sibirien. — Dem Pariser „Matin" wird aus Konstantinopel gemeldet: Die türkische Regierung hat die Bewilligung erteilt, daß die Grabstätten der biblischen Patriarchen (die Höhle Machpelah), sowie die übrigen biblischen Grabmäler mit elektrischer Beleuchtung versehen werden. In Mekka und anderen mohammedanischen Wallfahrtsorten ist die elektrische Beleuchtung schon seit längerer Zeit eingeführt. — In besonderer Gunst beim Sultan steht, wie aus Konstantinopel berichtet wird, Pros. Dr. Bier, der ehemalige Assistenzarzt des verstorbenen Prof. Dr. Bergmann. Seit einem Jahre ist Prof. Dr. Bier- Leibarzt des Sultans, und der Sultan läßt keine Gelegenheit vorübergehen, um seinem ärztlichen Berater sein Wohlwollen zu bezeigen. So schickte er ihm kürzlich wieder eine Reihe von Geschenken, darunter zwei überaus wertvolle Teppiche. — In Khartum hat sich eine jüdische Gemeinde organisiert. — Der Professor des Zivilrechts an der Rechtssakultät des Khedive in Kairo, Ugo Lusena, hat jüngst sein 25jähriges Jubiläum unter allgemeiner Teilnahme gefeiert. — Der offiziöse Telegraph bringt folgende Nachricht: „Es hat sich herausgeftellt, daß viele gänzlich unwahre Berichte ans Fez von einem dortigen französischen Agenten im Judenviertel stammen und daß dieser Agent seine entstellten Berichte an jüdische Berichterstatter allereuropäischen Häuser verteilte." Selbstverständlich ist diese Beschwichtigungsnote absolut unrichtig.