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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-02-07 · Heft 6 (7.2.1908) · page 15

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
– (sequence 15)
Language
German
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, 72. Jahrgang. Nr. 6. Dkl OklNk1llÜk8ütk. 7‘ Februar 1908- Veilsge zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". Korrklpondrn?en und Mschrichtm. Deutschland. s. Berlin,. 2. Februar. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur hielt am 30. v. M. Herr Dr. I. Elbogen einen außerordentlich interessanten imb mit lebhaftem Beifall ausgenommenen Vortrag über das Pariser Sanhedrin von 1807. Die Beziehungen Napoleons zu den Juden, die Motive seiner Judengesetzgebung wurden eingehend geschildert. Ebenso die Tätigkeit des Sanhedrin selbst. Der Vortrag war eine Art Jubiläumsfeier für diesen großen historischen Akt, 'der für die bürgerliche Gleichstellung fast in allen europäischen Staaten von Bedeutung gewesen ist. — Aus den auswärtigen Vereinen: In Tilsit sprach Frau Kantor Schidorowski über das Thema „Aus den Dichterlverken neuzeitlicher jüdischer Dichter", in Sch neidemühl Rabb. Dr. Le Wh-Nenstettin über „Der alte und der neue Glaube", in Lissa Rabb. Dr. Bäck über „Die Namen der Juden", in Nawitsch Justizrat Nürnberg-Lissa über „Gabriel Rießer", in Czarnikau Rabb. Dr. Wehl über „Die mosaischen und talmudischen Bestimmungen über die Reellität in Kauf und Verkauf", in Ratibor Dr. Heinrich Loelv e-Berlin über „Kulturelle Streifzüge im jüdischen Orient", in Zwickau Rabb. Dr. Fuchs-Chemnitz über „HöreIsrael!", in Hattingen Dr. I. E. Poritzkh-Berlin über „Heinrich Heine", in Köln Rabb. Dr. Rosenthal über „Maimonides", in Frankfurt a. M. Dr. I. Heinemann über „Wirtschaftliche Arbeit und ihre Wertschätzung im alten Israel", in Mannheim Frau Johanna Wolfs-Friedeberg-Karlsruhe über „Jüdische Frauentypen in der deutschen Dichtung". I. Berlin, 2. Februar. Unter zahlreicher Beteiligung von Damen und Herren fand am 28. v. M. die Generalversammlung des Vereins „Jüdische Lesehalle und Bib liothek" im Vereinslokal Oranienburgerstraße 28 statt. In einer inhaltsvollen und warinempfundenen Eröffnungsrede schilderte der Vorsitzende des Vereins, Dr. Max Ginsberg, die ersprießliche und segensreiche Wirksamkeit der seit dreizehn Jahren bestehenden jüdischen Lesehalle und Bibliothek, welche sich die Verbreitung jüdischen Wissens und die Pflege der jüdischen Geschichte und Literatur innerhalb der weitesten Kreise unserer Gemeinde zur Aufgabe gestellt hat. Die Lesehalle, in der 74 jüdische Zeitungen ohne Unterschied der Parteirichtung aus den verschiedenen Ländern ständig ausliegen, war im Jahre 1907 überaus rege besucht und oft überfüllt: betrug doch die gesamte Jahresbesuchsziffer 23 174 Personen! Auch die Bibliothek, welche 6048 Bände jüdischen Inhalts umfaßt' wurde im verflossenen Jahre in reichem Maße benutzt: 2814 Bücher — nahezu 50 Prozent! — wurden an 327 verschiedene Personen ansgeliehen. Das Lesepublikum setzte sich aus den mannigfachsten Be-, rufen und Ständen zusammen. Das Institut entwickelt sich immer mehr zu einer bedeutenden Sammelstätte jüdischen Wissens und fruchtbringender Belehrung über Juden und Judentum. Die an den Verein gestellten Ansprüche sind infolgedessen in stetiger Steigerung begriffen. Leider aber wachsen die Vereinsmittel nicht in demselben Maße, so daß viele berechtigte Anforderungen nicht befriedigt werden können. Der Vorsitzende richtete daher an die Anwesenden einen warmen Appell, für den Verein durch Werbung neuer Mitglieder tatkräftig zu wirken. Und es wäre sehr zu wünschen, daß dieser Mahnruf in den weitesten Kreisen der Berliner Gemeinde gehört und befolgt werde! Alle Freunde des Judentums, seiner Geschichte und Literatur sollten dafür Sorge tragen, daß dieses Institut, die älteste und größte populäre jüdische Lesehalle und Bibliothek im Reiche, die in vielen Städten als Vorbild diente, nicht fortwährend gegen finanziellen Mangel anznkämpfen habe und dadurch in der durchaus nötigen weiteren Krastentfaltung behindert werde. Im April d. I. bezieht der Verein ein neues, größeres und zweckentsprechenderes Heim, in der Oranienburgerstraße 58 p. v., wodurch seine Ausgaben für Miete sich um 1000 Mark jährlich vermehren werden, abgesehen von den Kosten des Umzuges, baulicher Veränderungen im neuen Lokale, Anschaffungen und dergleichen, die auf zirka 1500 Mark geschätzt werden. Und auch dazu bedarf es neuer Einnahmequellen. Aus dem seitens des verdienstvollen Schatzmeisters, Herrn Benas Levy, erstatteten Kassenbericht ist zu ersehen, daß die Einnahmen des Vereins im verflossenen Jahre 5466 Mark betrugen, eine Summe, die für die gesteigerten Bedürfnisse und Anforderungen nicht ausreicht. Herr Dr. Karpeles dankte im Namen der Mitglieder deni Vorstande für seine hingebungsvolle und unermüdliche Tätigkeit für die Pflege des Judentums und seiner glorreichen Geschichte und Literatur. Es wurde besonders betont, daß das Institut von hervorragendem Werte auch für unsere Heranwachsende Jugend ist, indem es bei dieser die Begeisterung für das Judentum weckt und fördert. Derartige Institutionen bieten auch das geistige Rüstzeug im Kampfe gegen den Antisemitismus, der sich heute gerne mit einem wissenschaftlichen Mäntelchen umhüllt. Für die Apologetik, die Verteidigung des Judentums und seiner erhabenen Lehren bedeutet die jüdische Lesehalle einen nicht mehr zu entbehrenden Faktor innerhalb unserer Gemeinschaft. Mögen der Anstalt viele treue Fretrnde und Förderer entstehen, die ihr größere Mittel durch Beiträge und Stiftungen zuführen! Ein so bedeutender und segensreich wirkender Verein verdient das wärmste Interesse und die tatkräftigste Förderung. 8. Berlin, 31. Januar. Am 29. d M starb plötzlich hier der Nervenarzt Dr. Martiu Bloch im 41. Lebensjahre. Er tvar zuerst Assistent von Prof. Mendel und verblieb in dieser Stellung noch viele Jahre, als er sich schon niedergelassen hatte. Bloch war in der Berliner Aerzteschaft eine bekannte Persönlichkeit; man sah ihn regelmäßig in den wissenschaftlichen Vereitle», wo er auch selbst häufig das Wort nahm. Seine wissenschaftlichen Arbeiten zeichnen sich durch Gediegenheit und Kürze aus. Auf dem Gebiete der sozialen Medizin und Hygiene war er eifrig tätig; er war Mitbegründer der Gesellschaft für soziale Medizin, Hygiene und Medizinalstatistik, und nahm hier besonders zu Fragen der Unfallbegutachtung das Wort. In der sozialärztlichen Bewegung spielte er eine große Rolle; bis vor wetrigen Monaten war er Schriftführer des Vereins der freigewählten Kassenärzte, mehrere Jahre gehörte er der Aerztekammer an. Die vielen Kollegen, mit denen er Schulter an Schulter tätig war, schätzten ihn wegen seines klaren Urteils, seiner persönlichen Liebenswürdigkeit, "vor aüenr aber wegetr seines unbeugsamen und unbedingt zuverlässigen Charakters. Der so früh Dahingeschiedene hinterläßt eine jugendliche Witwe, Tochter des allbeliebten Geheimen Sanitätsrat Rothmann, und sechs Kinder. Ehre seinem Andenken! 8°. Kolberg, 29 Januar. Das hiesige jüdische Kur Hospital versendet seinen 33. Jahresbericht. Die jährlichen Beiträge sind wie überall, so auch hier zurückgegangen, der Ausfall konnte indessen gedeckt werden durch einmalige Schenkungen einzelner Wohltäter. Einnahmen und Ausgaben balancieren mit 45 386.13 Mark. Das Grundvermögen schließt mit einem Wert von 43 1 483.25 Mark ab, von denen aber nur 158 800 Mark nutzbringend anlegbare Werte sind, das übrige besteht in Grundstücksnoten usw. An weiteren interessanten Daten entnehmen wir dem Bericht: Die Anzahl der Personen, die wegen Aufnahme in die Anstalt bei uns vorstellig wurden, ist gegen das Vorjahr wieder erheblich gewachsen, indem 1240 Aufnahmegesuche zu erledigen waren. Nach eingehender Prüfung wurde 529 Personen die Aufnahme zttgebilligt, während der Nest der Bittsteller notgedrungen abgelehnt werden mußte. Aber nur 486 Personen haben von der ihnen zugebilligten Wohltat Gebrauch gemacht, ttnd zwar 446 als volle Pfleglinge des Hauses, uttd 40 Personen, die ihrem eigenen Anträge gemäß nur freie Solbäder in nuserer Badeanstalt und ärztliche Behandlung erhielten. Von den 43 Personen, die in die Anstalt nicht eingetreten sind, hat wieder nun ein Teil so früh abgesagt, daß über ihre Plätze zugunsten anderer Bittsteller verfügt werden konnte; ein großer Teil aber blieb wieder ohne jede Abmeldung aus, und ihre frei gewordenen Plätze konnten auch

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