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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-02-07 · Heft 6 (7.2.1908) · p. Seite 72

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
Seite 72 (sequence 14)
Language
German
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Glanz durch die Fensterscheiben dringt. Der in ihnen be-- findliche Menschenschwarm verursacht solch ein Lärmen und Tosen, als wären es erschreckte Bienen, denen man alle Ausgange versperrt hätte. Joel richtet beim Vorübergehen das Köpfchen hoch und sucht neugierig diese erschreckten Bienen, doch erblickt er nur eine auf einem Kopfe schwankende Mütze, oder eine Haube. Die Reihe der erleuchteten Häuser endet am Eingänge einer engen und dunklen Gasse, welche Netel und Joel auf eine hölzerne Brücke führt. Unter der alten, verfaulten Brücke windet sich das mit Eis bedeckte Flüßchen. An seine Ufer klammern sich hohe, alte, krunnne, schwankende und zur Erde sich neigende Zäune; Häuser, deren Mauern nach verschiedenen Seiten auseinander streben; sonderbare Gebäude, Schuppen oder Holzspeicher, unordentlich aufeinander gestapelt, sich gegenseitig unterstützend und über das User geneigt, daß es scheint, als könnten sie jeden Augenblick einstürzen und den Fluß mit Staub verschütten. Jetzt, bei eingetreteuer Dunkelheit, bemerkt man in ihnen Feuerstreifen — kleine, von rötlichem Licht flammende Fensterchen —, sie erzählen von einem Leben, so elend, düster und vergessen, wie die Stätte, welche es beherbergt. Netel und Joel bleiben auf der Brücke stehen. Wie oft sie auch hier abends vorüberkommen, so müssen sie sich wenigstens einen Augenblick auf das dünne, unter ihrem Drucke schwankende Geländer lehnen und rings um sich blicken. Jst^s ein unsichtbares, gütiges Wesen, welches sie auzieht, oder lockt sie die Stille dieses Ortes und der Mondschein? ' Die kleinen, niedrigen Häuschen vermögen nicht den mächtigen Horizont zu verdunkeln, au welchem der matt leuchtende Mond dahinzieht. Joel betrachtet ihn und die grundlose düstere Tiefe, in welcher er verschwindet. Hier herrscht Schweigen, während es in den menschlichen Häusern lärmt und tobt. Auch dort ist's still, soweit das Eisband reicht. Es macht erst eine Windung, dann eine zweite, durchzieht einen weißlicheu, undeutlichen Gegenstand, schlängelt sich in den Nebel und verschwindet. Was bedeutet dieses weiße Band? Ich weiß es nicht; leise berührt er den schwarzen, auf das Geländer gestützten Ellbogen seines Großvaters, und mit der andern Hand auf die Stelle hinweisend, fragt er: „Was ist das?" . ' Netel sucht lange jenen Gegenstand in der Ferne, ehe er ihn wahrnimmt. ' „Das ist eine Mauer, dort stand einst ein Haus, jetzt ist's schon zerstört." Eine Mauer. Joel sieht's jetzt ganz deutlich. Und nun weiß er auch, was sich hinter der Mauer befindet. Der Nebel hängt über den Feldern (denn dort ist keine Stadt mehr), und die Berge sind weiß vom Schnee — und sehen ganz anders aus wie im Sommer. Netel denkt nicht an die Berge. Sein Blick hat einen auf ben Schutthaufen fallenden Lichtstrahl aufgefangen — einen roten Sabbatsträhl, welcher, einem kleinen Fenster entströmend, den Schmutz beleuchtet. Dieser Strahl beunruhigt und rührt ihn zugleich, dem: er blickt auf den vergoldeten Schutthaufen, auf die funkelnde Eisdecke und sieht barin den Fingerzeig Gottes, dessen unendliche Güte nicht nur den Reichen, sondern auch den Armen und Elenden gestattet, vor seinem Altar zu erscheinen. Netel möchte gern seine Gedanken Joel mitteilen, doch fehlen ihm die Worte; daher berührt er ihn nilr ganz leise, so wie vorhin der Enkel ihn berührt, und zeigt ihm den vergoldeten Haufen, das funkelnde Eis, dann streicht er mit der Hand - über Joels.Arm, über dessen Kops und läßt noch lange sein Auge liebevoll aus ihm ruhen. * Sie gehen fort, so langsam, als ob sie bedauerten, etwas oder jemand zu verlassen, als ob sie sich vor dem Kommenden fürchteten. Es treibt sie ein mächtiger, unüberwindlicher Drang, welcher die Greise durch die Pforte der Erinnerungen dem Grabe zuführt, und welcher gute, kindliche Herzen in den .Strudel des Hasses und Egoismus hinabreißt. Netel ist schon gestorben, und der kleine Joel ist heute Jonas Baum, Kaufmann. Sein Blick besitzt noch immer so viel Sanftmut wie Esthers Augen, aber feine Seele ist voll Verachtung für . . . welke Blätter! Er selbst ist ein starkes Blatt, welches vor Eintritt des Winters — nicht abfallen wird! Das alte Haus wurde abgerissen. Literarische Mitteilungen. Aphorismen von Dr. E. Kalischer. Bonn, Carl Georgi, Nniversitäts-Buchdrnckerei und Verlag. 1907. — Wie ich sie liebe, die Aphorismen von Ernst von Feuchtersleben, Marie von Ebner-Eschenbach und Isolde Kurz, die so tiefe Lebenswahrheit, Lebensweisheit und Lebensknnst, soviel Geist und Gemüt künden und darum so' mächtig zum Herzen der Leser dringen. Vor mir liegt ein Bändchen „Aphorismen", das sich diesen würdig, anreiht, und dessen Wert in meinen Augen noch steigt, denn der Autor ist ein Rabbiner,' und dieser Rabbiner ist seit einer langen Reihe von Jahren mir ein treu- , bewährter Freund. Selbstverständlich interessieren uns in erster Reihe die geistvollen Aussprüche des Verfassers über Religion, aber auch nicht minder die über Ethik, Kunst, Kultur,. Volksseele usw. Es sei mir gestattet, eine kleine Blütenlese aus den: reichen Schatze anzuführen. „Das Ideal erreichst du so wenig, wie der Wanderer je dahin kommt, wo der Himmel sich mit der Erde berührt. Religion entsteht ebensowenig auf Kommando wie Kunst. Es ist ein Irrtum unserer Tage, daß die Religion bloß auf Ethik hinaus laufe. Eine der erbärmlichsten Auffassungen der Religion ist die, sie als Fessel für das wilde Volk zu betrachten. Liebenslvürdigkeit ist ein Panzer. Es gibt Gedanken, die den gefüllten Blumen gleichen, welche, so herrlich sie prangen, unfruchtbar sind. Kultur läßt, sich nicht erkaufen, nicht erschwindeln, sie will in sauren: Schweiß erarbeitet sein. Die Religion gleicht dem Paradiese. In der Menschenseele entspringt der Stron:, der jenes tränken muß. Versiegt er, wandelt das Paradies zur Wüste sich um. Eine der gefährlichsten Arten von Halbbildung ist die religiöse. Sühne ist noch nicht Versöhnung. Der Herzensharte ist geneigt, Menschen mit weichem Herzens für unaufrichtig zu halten. Das Beste in Religion, Kunst und Wissenschaft kann nicht gelehrt werden. Recht angebrachter Schmuck erhöht'die Schönheit, falsch angebrachter die Häßlichkeit. Mancher Iknsinn hat sein Leben aus tausend Jahre gebracht. Religion ist Gottesberehrung, Pietät Menschenverehrung. Der ärgste Hochmut trägt den Mantel der Bescheidenheit. Wer bloß fremde Geistesschätze aufgesammelt hat, ist aufs höchste ein Schatzverwalter, ninnner ein wirklich reicher Mann. Ein unerfahrener Greis und ein erfahrenes Kind — traurig ist beides. Kleider u:achcn Leute, nicht Menschen. Heutzutage meinen viele: Wenn Reden Silber ist, ist Schreien Gold. Nicht immer ist der Sieger auch der Kämpfer gewesen. Die meisten Menschen sind Sklaven. Wenn gewisse Leute von ihren Gefühlen sprechen, hat man den Eindruck, wie wenn sie von einem fernen, fremden Lande erzählen. Nie sind sie dort gewesen; sie haben nur eine Reisebeschreibung gelesen. Oester als man glaubt werden die Eltern durch die Kinder erzogen." Es ließe sich noch gar viel des Schönen und Guten anführen! Wir können das höchst interessante Büchlein denkenden Lehrern und Lehrerinnen warm empfehlen; und seinen Flug in die Weite nur mit den: aufrichtigen Wunsche begleiten, daß es die wohlverdiente große Verbreitung finde. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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