Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1908)
- Date
- 1908-02-07
- Page
- Seite 71 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Mrlkk Slsttrr. Memoiren ei.nes alten Stadtviertels. Von Felix Brodowski. III. glätte Esther gelebt, so würde sie von allen ihren Enkeln am tj meisten den kleinen Joel, Viktors Sohn, geliebt haben. Dieser Knabe ist ihr ähnlich. Er besitzt ihre grauen, lebhaften Augen, in welchen sich die rege, von Güte und Sanftmut überfließende Seele widerspiegelt; ihr wohlgeformtes, schmales Mschen mit den beweglichen Nasenlöchern; den reinen, dunkelbraunen Teint, welchen zuweilen Blässe, zuweilen ein rötlicher Hauch überzieht; die kleinen, weißen Zähne und den kleinen Mund. Es, ist etwas in diesem Knaben, so wie einst in Esther, das unaufhörlich schäumt, ihn aufregt und ihn träumerisch inacht. Er wird so schön wie Esther sein, aber ob er auch so gut sein wird"? Dieser Gedanke beunruhigt Netel sehr. Warum sind Viktor und Salomon nicht so, wie ihre Eltern waren? Warum gibt^s heute so viele solcher Leute wie Glik? Ehemals gab^s deren nicht so viele, und wenn die Eltern anständige, ehrliche Leute waren, so wurden, ihre Kinder ebenso. Netel konnte sich nicht vorstellen, wie'man sein Leben anders gestalten konnte, als es bei ihm gewesen, wie man — nicht arbeiten konnte. Inzwischen wuchern plötzlich uin ihn herum .eine Menge solcher Gliks auf, und seine eigenen Söhne befreundeten sich mit den neuen Lebensbedingungen, verstanden sie, machten sie sich zunutze — heute wollen sie nicht glauben, daß man anders leben kann, und stehen, dem eigenen Vater fremd gegenüber. Ist er, Netel, daran schuld, daß seine Söhne nicht arbeiten, sondern von Wucher und Prellerei leben? Wie sollte er dies verhindern, wenn er nicht wußte, wie und wann eine solche große Veränderung in der Welt eintrat? Heute weiß er nur, daß ihm viele Dinge nicht gefallen. In diesem Hause hat man nie eine Klage, über erlittenes Unrecht gehört — und jetzt werfen Viktor und Salomon so viele arme Leute hinaus, welche bitten kommen, daß man ihr verpfändetes Hab und Gut nicht verkaufen solle. Was tun, damit Joel besser würde als sein Vater? Was tun, damit Joel Berge, Wälder und endlose Ebenen sähe, und damit er im Alter nicht bedauern brauchte, daß er keine Zeit hatte, zu lieben? Netels Gedankengang stockt plötzlich; eine merkwürdige Unruhe und Reue ergreift ihn. Er sehnt sich von neuem danach, sich vor jemanden zu beklagen: „Warum ist mein Alter nicht zufrieden und ruhig, worin habe ich gefehlt?" Sabbat. Ein ruhiger Winterabend bricht an. Begeben wir uns in das jüdische Viertel. Die Straße geht bergab mit schwachem Gefälle. Sie ist fast leer und wird mit jedem Moment ruhiger. Hin und wieder knarren noch' irgendwo die Angeln rasch geschlossener Türen, ertönt das Klirren vorgelegter Eisenstäbe oder das Knirschen eines von einer Mädchen-, Knaben- oder Greisenhand umgedrehten Schlüssels. Vor einem Augenblicke noch wars hier lärmend und belebt; man weiß nicht, wann sich alle zurückgezogen haben, und wie eilig es ihnen war, kann inan an den Verspäteten und Eilenden erkennen. Die. Gesichter 71 der Männer drücken nichts weiter als fieberhafte Ungeduld ' und Eile aus; es scheint, daß ihrer nach dem einen vollbrachten Frondienste ein zweiter harrt; dagegen sind die Mädchen vergnügt, eilen, als ob sie der Frost vertriebe, welchen sie nicht lieben, oder die Langeweile, welche sie in den Läden gefangen hielt, gehen zu zweien, zu dreien, zu vieren, schaudern vor Kälte, stoßen sich an, lachen, laufen — und mit ihnen verschwinden die letzten Spuren des Straßenlebens und -lärmens. Hier und dort sieht man durch die Fenster brennende, vielarmige Leuchter. Die Reichen beginnen den Sabbat zu feiern, und die Armen sind mit der Arbeit noch nicht fertig. Soeben rollte ein Wagen; ein alter Jude treibt gewaltsam das Pferd an. Beim Eingänge eines Kellers wälzen drei ebenfalls alte Juden ein großes Faß herab. Sie beeilen sich, schreien, stoßen ihre Last mit solchem Haß vorwärts, als wärs ein. getöteter Feind, den man so schnell wie möglich in der Dunkelheit des Grabes verbergen muß. Vielleicht schämen sie sich nur ihrer verspäteten Arbeit, welche den Feiertag schändet; gleich werden sie beten gehen. Sie sind alt, müde, abgearbeitet. arm, unwissend, doch mit Aufwendung aller Kräfte bemühen sie sich noch eine Weile, das Faß, in welchem ihr armes Leben dahinfließt, in den Schoppen der Ruhe hinabzurollen, während sie selbst nach dem rätselhaften Orte, Tempel genannt, hineilen werden, um sich in die.Betrachtung des großen und dicken Vorhanges zu versenken, welchen nur die Hände der Rabbiner berühren und in welchem die Stinune des Kantors verhallt. Hinter diesem Vorhang ruht die Unendlichkeit und Unsterblichkeit. Also selbst diese armen Schlucker lockt sie! Ihr Hauch ist's. der über dem Stadtviertel schwebte, das Leben auslöschte, den vergänglichen Schaum der täglichen, elenden, irdischen Mühen wegblies. Ah, ah! Netel betet auch, und der kleine Joel ebenfalls. Wird die Hand des Rabbiners und die Stimme des Kantors ein wenig den Vorhang zurückschlagen, damit sie das von ihm verhüllte unendliche Licht schauen mögen? Die Straße schließt eine kleine, steinerne Brücke ab, welche auf einem einzigen, über den schmalen Fluß gespannten Bogen, ruht. Weiterhin befinden sich noch einige Häuser, rechtwinklig zur Straße, am Fuße des Hügels, dessen kahler, von Tonerde rötlicher Rücken zwischen den Mauern der Gebäude durchschimmert. Auf dem Gipfel des Hügels — ein altes Kirchlein. . . . Die Straße belebt sich für einen Augenblick. Aus dem schmalen, zur Synagoge führenden Gäßchen strömt ein Haufen schwarzer Gestalten, zerfließt rasch, verstreut sich in dem Viertel, während das Echo der lauten Reden die einschlummernden Häuser aufschreckt. Nur zwei stumme Schatten bleiben zurück — sie gleiten langsam in der Dunkelheit an der Mauer entlang und nur, wenn sie der Mondschein oder der Glanz der Laterne beleuchtet, erkennt man in ihnen menschliche Gestalten. Warum eilen Netel und Joel nicht an den häuslichere Herd zurück, warum gehen sie so langsam, als ob sie etwas abstieße von dem Orte, welchem sie zustreben, und sie an jenem zurückhielte, welchen sie verlassen? Weil ihre von Gebet und Gesang erfüllte Seele sich für einen Moment losgerissen hat von der Welt, in welcher sie dahinwelkt. Weil aus ihrer Tiefe ein Ton zu ihnen drang, der sonst im alltäglichen Leben unvernehmbar ist, und welchen sie festhalten möchten, damit er noch andere, gleich schöne hervorriefe. Darum eilen sie nicht, sondern gehen langsam und wählen den längsten Weg. Die Häuser, an welchen sie vorübergehen, sind summenden Bienenstöcken ähnlich, im Innern mit Strahlen versehen, deren