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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-02-07 · Heft 6 (7.2.1908) · p. Seite 70

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
Seite 70 (sequence 12)
Language
German
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7 ssäWWc m«,; ftammte ans einem portugiesischen" Geschlechts, das, wie viele andere aus Spanien und Portugal vertriebene Juden, in Amsterdam eine Zuflucht gefunden hatte. Von seinen Glaubensgenossen in den Bann getan, entwarf er unbeirrt sein epochemachendes pantheistisches System, dessen springender Punkt die Einheit Gottes und der Welt oder des Geistes und der Materie überhaupt ist. Auerbach hat in seinem ihm gewidmeten Buches in romanhafter Schilderung seines geistigen Werdeganges in populärer Fassung die Grundzüge der Philosophie desselben dargelegt, die auf die späteren Denker einen außerordentlichen Einfluß geübt hat und in unzähligen Schriften behandelt worden ist. Aus der dunkeln holländischen Judengasse ist ein Licht ausgegangen, das seine erhellenden Strahlen auf den Geist des christlichen Abendlandes geworfen hat. Minder bedeutend war ein anderer Denker derselben Judengasse, ein älterer Zeitgenosse Spinozas, Ilriel Acosta (1591—1640). Aus einer Familie stammend, die in Porto gezwungen zum Christentum übergetreten war, und selbst eine kirchliche Würde bekleidend, floh er nach Amsterdam und kehrte daselbst zum ursprünglichen Glauben seiner Väter zurück. Wegen seiner freisinnigen Aeußeruugen, namentlich über die Verbindlichkeit der überlieferten rituellen Gesetze, würde er von dem Amsterdamer Rabbiner in beit Bann getan und entleibte sich. Er war ein schwankender Charakter, dem der Mut fehlte, die ganze Konsequenz seiner Ueberzeugung zu tragen. In dieser Schwäche eignete er sich nicht zur Rolle des tragischen Helden, die er in Gutzkows Tragödie* 2) in dem ihm angcdichteten Konflikte zwischen seinem Geiste und seinem Herzen oder zwischen seiner religiösen Ueberzeugung und seiner Liebe zur Tochter Manasses Vanderstraten spielt. Die Schilderung der prächtigen Villa des letzteren im herrlichen Garten außerhalb der Stadt und der mit den größten Werken der Kunst ansgeschmückten Stadtwohnung paßt allerdings nicht zu der Vorstellung, die wir uns vom Ghetto machen, aber es ist derselbe finstere Geist der Unduldsamkeit gegen jede freiere religiöse Regung, der in den glanzvollen wie in den elenden Häusern des Ghetto geherrscht hat. Die deutschen Juden, mehr wie die holländischen bedrückt und daher auch weicher gestimmt, haben den Bann nicht so streng gehandhabt. Eine deutsche Banngeschichte mit dem versöhnenden Abschlüsse, in dem die Liebenden sich nicht wie Acosta und seine Braut töten, sondern einander heiraten, erzählt Leopold Stein in seinem reizenden Drama „Haus Ehrlich".») Eine lustige Banngeschichte ist, wie erzählt wird, in einem ungarischen Ghetto passiert. Der Rabbi hatte einen Gutsbesitzer wegen Religionsschändung in den Bann getan. Nachträglich tat ihm, nachdem die reichen Geschenke in Naturalien, die er von demselben oft erhalten hatte, ausblieben, das Geschehene doch ein wenig leid. Einige Monate später erschien der Gebannte mit einem großen Korbe voll Geflügel beim Rabbi. Letzterer, vermutend, daß der Sünder reuigen Gemütes sich durch ein großes Geschenk von dem Banne frei machen wolle, begrüßte, zur Versöhnung geneigt, den Mann freundlich mit den Worten: „Was wünschen Sie, mein Lieber?" „Rabbi," antwortete der Gutsbesitzer, „ich habe eine Bitte an Sie. Vor mehreren Monaten wurde ich von Ihnen in den Bann getan und fühle mich seitdem körperlich wohler denn je. Seit einiger Zeit will mein Geflügel gar nicht gedeihen. .Die Hühner legen keine Eier und die Gänse MW bleiben mager. Da dachte ich, der Bann, der mir so gut getan hat, könnte auch ihnen nützen. Rabbi, sind Sie so gut und tun Sie mir mein Geflügel, das ich mitgebracht habe, in den Bann." Die Luft zu scherzen vergeht unswenn wir-der Schrecken des deutschen Ghetto gedenken. Heinrich Heine, der Weltschmerzdichter, hat in seinem „Rabbi von Bacharach", einer seiner besten prosaischen Schriften, die ein Torso geblieben ist, den tiefempfundenen Schmerz des Stammes ausgedrückt, dem er entsprossen ist. Grelle Streiflichter über das Ghetto im allgemeinen und das deutsche im besonderen werfen die zahlreichen hübschen „Jüdischen Erzählungen" von M. Lehman. Eine derselben behandelt wie eine Novelle von W. Hauff den jüdischen Finanzministei Süß'Oppenheimer, der nach dem Tode seines Herrn, Karl Alexander, Herzog von Württemberg wegen seiner schamlosen Finanzwirtschaft 1438 in Stuttgart gehängt wurde. In Süß' Adern rollte gerade soviel arisches wie semitisches Blut. Neben dem schuldigen Halbjuden Süß fielen im Mittelalter, namentlich im westlichen Deutschland, .Tausende unschuldiger Juden. Das Frankfurter Ghetto, eines der größten, hat oft unter den Verfolgungen stark gelitten. Die Schilderung desselben in Spindlers Roman „Der Jude"0 ist wenig zutreffend. Der Jude gilt in demselben als Habsüchtig und jeder häßlichen Tat fähig. Der Dichter ist nur insofern gerecht, als er denselben in einer Christin ein würdiges Pendant zur Seite stellte. Der Niedermetzlung der Bewohner dieses Ghetto 1346 durch die sogenannten Geißelbrüder, Flagellanten, hat M. Klapp eine ergreifende Skizze gewidmet?) Letzterer schrieb mehrere Ghettogeschichten, darunter eine unter dem Titel „Die Gräfin Dalles". Das ist aber keine spezielle Ghettofigur, sondern eine Persönlichkeit, die man auch in der modernsten Gesellschaft'antrifft. Einen heiteren Hintergrund haben die beiden von A. Bernstein») verfaßten, meisterhaften Geschichten aus dem Ghetto der Provinz Posen: „Mendel Gibbor" (der Starke) und „Vögele der Maggid" (der Prediger). Beide sind voller Humor. Mendel, ein Hausierer, ist stark an der Kraft seines Körpers und .seines Entschlusses, ein Bauer zu werden. Seinem jungen Weibe gibt die Großmutter die folgende goldene Regel in die Ehe mit: Der Mann muß stark sein im Tun und sänftiglich vom Herzen, das Weib aber stark vom Herzen und sänftiglich im Tun. In der zweiten Geschichte herrscht sprudelnder Witz,'mit dem die talmudische Dialektik Purzelbäume schlägt. In einem Ghetto ist am Sabbat plötzlich der den ganzen Ort umspannende Draht, genannt Eruw zerrissen. Das war fatal. Die Leute konnten ihre Sabbatkugel nicht h olen und durften nicht einmal ihre Schnupftücher über die Gasse tragen, es sei denn, daß. sie sie wie einen Handschuh um die Hand oder wie einen Gürtel um den Leib banden. . Einer Frau passierte das Malheur, daß ihr Bub, mit dem sie ausgegangen war, auf der Straße das Schnupftuch fallen ließ. Was sollte sie tun, da sie doch das Schnupftuch auf der Straße nicht aufhebeu und wieder umbiuden durfte. Ein glücklicher Gedankefiel ihr ein. Sie warf den Buben so geschickt auf das Schnupftuch, daß sie ihn samt demselben zugleich aushob, das sie ihm bei dieser Gelegenheit um den Leib band. Das Vaterland war gerettet! h Spinoza, ein Denkerleben; erste Ausgabe Stuttgart 1837. 7..Auflage, daselbst 1880. -) Uriel Acosta, Trauerspiel, erste Ausgabe 1847. ») Haus Ehrlich oder Die Feste, Drama in fünf Auszügen von Leopold Stein, Leipzig 1863. h „Der Jude", .deutsches Sittengemälde aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Stuttgart 1824. 2) Michael Klapp. Zweierlei Juden, Erzählungen, Prag 1860. ») Mendel Gibbor, Novelle aus dem Kleinleben einer jüdischen Gemeinde. Berlin 1842. Vögele der Maggid. Eine Geschickte ans dem Leben einer kleinen jüdischen Gemeinde. Leipzig 1885.

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