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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-02-07 · Heft 6 (7.2.1908) · p. Seite 69

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
Seite 69 (sequence 11)
Language
German
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ergreifender Weise die wichtigsten Szenen des jüdischen Hauses zur klaren Anschauung. In ihnen: spiegeln sich die sprichwörtliche Reinheit des Familienlebens, die liebende Fürsorge in der Erziehung und Heranbildung der Kinder von der Wiege bis zum Traualtar und die Pietätvolle Heilighaltung der väterlichen Sitte, namentlich in der Feier der religiösen Feste wider. „Die Malerei," sagt ein griechischer Dichter, „ist eine stumme Poesie und die Poesie eine redende Malerei."^ Die genannten Bilder führen uns einige Typen des Ghetto in solcher Anschaulichkeit vor, daß wir, wie bei allen Werken der echten darstellenden Kunst, in den Mienen der dargestellten Personen deutlich lesen, was ihre Seele bewegt hat. Die Dichtung belebte sie, wie Pygmalion nach der griechischen Sage das von ihm selbst gestaltete Gebilde einer Jungfrau, für das er leidenschaftlich erglühte, belebt hat. Sie gab ihnen die Sprache, indem sie in ihren Erzählungen aus dem Ghetto dessen Bewohner so reden läßt, daß die tiefsten Empfindungen ihres Gemütes in aller Bestimmtheit zum Ausdrucke kommen: der. Schmerz über ihr trauriges Los, die stete Furcht vor ihren haßerfüllten Feinden, die Sorge um das tägliche Brot, der Glaubensmut, der sie stark machte im Ertragen, und die Liebe, die wie Frühlingswehen über die noch halb erstarrten Fluren durch ihre Herzen zog. Das Ghetto - bietet uns viel Abschreckendes, bei. dessen Anblick sich uns die Brust schier zusammenpreßt. Die Dichtung verstand es, ihm einige interessante Seiten abzugewinnen, die uns versöhnend stimmen. Sie sonderte das Gute und Edle von den Schlacken und verwandelte wie der Berggeist Rübezahl die gebrechlichen Scherben iir blinkendes Gold. Die Ghettodichtung ist zu einem ziemlich starken Literaturzweige angewachsen. Nur die wichtigsten Schriften derselben will ich Ihnen im engen Rahmen meines Vortrages, wie in einem Kaleidoskop vorführen, und zwar nur diejenigen, welche das Ghetto direkt behandeln, nicht aber die Juden oder das Judentum schlechthin zum Gegenstand haben?) Zu den letzteren Schriften gehören zum Beispiel die beiden Dramen Lessings „Die Juden" und „Nathan der Weise". In dem ersten wird das Vorurteil gebrandmarkt, in dem viele gegen die Juden, ohne sie zu kennen, befangen sind. Im zweiten Drama wird ein einzelner Jude, der Held der Dichtung wegen seiner seltenen edlen Gesinnung als Beispiel hingestellt, das zum Piedestal dient, auf dem das herrlichste Denkmal der religiösen Duldung errichtet wird. Ich nenne nur noch den Roman des polnischen Dichters Kraszewski „Der Jude", der völlig vorurteilsfrei die eigenartigen Eigenschaften des jüdischen Charakters schildert, wie er sich unter den drückendsten Verhältnissen entwickelt hat, unter denen die Juden lebten?) Letztere waren die Verstoßenen der Gesellschaft, und ihr tragisches Geschick war es, das dem jüdischen Dichter Michael Beer (1800—1833) den Anstoß zu seinem Trauerspiele „Der Paria" gegeben hat, dessen Handlung er an das Ufer des Ganges verlegte. Es würde uns zu weit sichren, alle die Dichtungen in Betracht zu ziehen, in denen ein einzelner Jude eine Rolle'spielt, wie zum Beispiel in Shakespeares „Kaufmann von Venedig". Die Erzählung, nach der Shylock, der blutgierige jüdische Wucherer, auf seinen Schein besteht, seinem Gläubiger, wenn derselbe seine Schuld h Lessing. Vorrede zu seinem Laokoon. 2) Viel Lesenswertes enthält die von I. Brandeis in Prag nach dem Muster der Reclamschen Universal-Bibliothek herausgegebene »Jüdische Universal-Bibliothek", Nr. 1—71. a) Aus dem Französischen ins Deutsche übertragen von H. Gold-- schmidt, 1890. nicht bezahlen könne, das ihn verpfändete Pfund Fleisch uuszuschneiden, stammt aus einer uralten bereits in der Römerzeit bekannten Parabel, welche die Gegensätze zwischen dem strengen, rücksichtslosen Rechte und der Billigkeit zum Ausdruck bringen wollte. In dieser alten in der Dichtung vielfach gestalteten Parabel ist von einem Juden nicht die Rede. Erst im Jahre 1378 hat ein italienischer Dichter Giovanni Fioreutino in einem Romane den hartherziger Wucherer zum Juden und ihm folgend hat Shakespeare denselben zum Helden seines Dramas gemacht?) Die Hauptperson in Grillparzers Drama „Die Jüdin von Toledo", ein Ausbund der Koketterie und verbuhlter Tücke, ist die entartete Tochter ihres Stammes. Der Jude in Hebbels „Genoveva", der nur wegen seines Glaubens leidet, ist die Verkörperung des Märtyriums seines Stammes. Ergreifend ist sein Ausruf: „Für jeden Stein in Zion will der Herr ein Herz, das brach, und eine Wunde, die nicht heilt und nicht verharnscht." Mosenthals effektvolles Drama „Deborah"2) verfolgt die Tendenz, auf den Gegensatz der Konfessionen versöhnend zu wirken. In Gutzkows Roman „Fritz Ellrodt" wird dieselbe versöhnende Seite angeschlagen. Lea ist ein Kind des Ghetto, aber aus demselben zu einer vornehmen, vollendeten Satondame herausgewachsen, die durch ihre Schönheit und feine Bildung den edeldenkenden, aber doch in den Vorurteilen seines Standes befangenen Reichsgrafen Fritz Ellrodt in reinster Liebe fesselt. Alle die genannten Dichtungen hängen doch nur sehr locker mit dem Ghetto zusammen. Von den dasselbe behandelnden Dichtungen sind auch diejenigen auszuschalten, die sich desselben nur als bloßer Staffage bedienen. Dahin gehört unter anderen der sozialistische Roman „Soll und Haben"3), in dem Gustav Freytag, gegen die Juden wenig freundlich gesinnt, um das der redlichen Arbeit hingegebene deutsche kaufmännische Bürgertum zu verherrlichen, als dessen Folie einige abgefeimte Schurken aus dem Breslauer Ghetto herausgegriffen hat. Beitel Jtzig ist ein kriminalistisches Genie, das sich selbst in der Judengasse für Geld hätte sehen lassen können, aber ein verkommener christlicher Advokat war es, der ihn dazu gemacht hat. Manche Fehler, die man den Juden im Mittelalter vorgeworfen hat, sind auf Rechnung der Behandlung zu setzen, die sie erfahren haben. Aus demselben Breslauer Ghetto, und zwar der „Fechtschule", einer Art von Karawanserei, namentlich für polnische Juden, stammte der edle, weichmütige Dichter Ephraim Kuh, dem Berthold Auerbach in seinem Buche „Dichter und Kaufmann"^) ein Denkmal gesetzt hat. Der unglückliche Ephraim Kuh. der in persönlicher Beziehung . zu Lessing stand und in Berlin zu dem Kreise gehörte, der sich um Mendelssohn schaÄS, hat in dem Widerstreite zwischen der alten, frommen Anschauung des Ghetto und der neuen geistigen Strömung, die sich seit Mendelssohn immer mehr Bahn brach, seinen inneren Halt verloren und ist entgleist. War er doch der Schüler eines scheinheiligen polnischen Rabbi, der. öffentlich aufs peinlichste nach der talmudischen Satzung lebte und im geschlossenen Kreise seiner Gesinnungsgenossen Voltaire verhimmelte und am Sabbat die Pfeife rauchte. Wie aus dem Ghetto von Breslau ein schwacher Dichter, so ist aus dem von Amsterdam einer der größten Philosophen, Baruch (Benedikt) Spinoza (1632—1644), hervorgegangen. Er 0 Vergl. Grätz, Monatsschrift 1880, Seite 334 ff. 2) Budapest 1850 u. a. - 3) Leipzig 1855, 3 Bände, 1893 40. Auflage. 4) „Dichter und Kaufmann", ein Lebensgernälde aus der Zeit Moses Mendelssohns. 1. Auflage Stuttgart 1839, 7. Auflage daselbst 1871.

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