Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1908)
- Date
- 1908-02-07
- Page
- Seite 68 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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... 111 6tz entschiedene Besserung, glaube ich, können wir heute schon verzeichnen. Ebenso ist ein reger Sinn für den Sederabend, für Chanuka, für das Offenbarüngssest geweckt worden, während die Bußfeste unvermindert ihre religiöse Macht auf die Gemüter behauptet haben. Ich fürchte nicht für die Zukunft des Judentums. In manchen Dingen wird es vielleicht ein neues werden, sicherlich kein schlechteres, als es ehemals gewesen ist. Religionsphilosophie und Ethik auf der einen Seite, der synagogale und häusliche Sabbat- und Festknltus auf der andern werden den Juden aller Stände das Judentum wieder verstehen und lieben lehren. Ohne Opfer wird diese Wandlung sich natürlich nicht vollziehen. Die Gleichberechtigung hat unser religiöses Leben zu unvorbereitet angetroffen. Das muß jetzt verarbeitet, innerlich verarbeitet werden. Opfer wird es, wie gesagt, noch manche kosten, aber der Ausgleich zwischen Kulturleben und Judentum wird zustande gebracht. Nach und nach werden sich beide ineinander einleben. Es muß ja zu diesem Ausgleiche kommen. Eine allgemeine Fahnenflucht ist undenkbar, das religiöse Bedürfnis ist auch im gesetzesfreien Juden vorhanden und sehnt sich nach Betätigung; das Judentum muß sich sonach in der Judenheit wieder zurechtfinden und wird sich zurechtfinden. An den modernen Rabbinern liegt es, das große Werk zu vollbringen.. Noch nie seit Jochanan den Zakkais Zeiten hat der Rabbiner eine so schwere Gottesarbeit geharrt. Werden sie sich derselben gewachsen zeigen? Das Material dazu haben wir reichlich, fehlt nur die notwendige Unabhängigkeit. „So soll auch das feste Gehalt," sagt Obermeyer, „das heutzutage die Rabbiner... für ihre priesterliche Tätigkeit beziehen, als Aequivalent für den Entgang eines anderen Broterwerbes betrachtet werden.... Als Diener der Oeffentlichkeit sollten sie in Betätigung ihrer Amtspflichten keine Geschenke von Privaten annehmen.... Trauungen, Totenbestattungen und sonstige von der Religion vorgeschriebene Funktionen vorzunehmen, ist ihre Pflicht" (S. 75 f). „Die . Ausnutzung der Religion zum Geschäft, die Vorliebe für Geschenke hat den Rabbinern naturgemäß jede Autorität über die Geister benommen und außerdem ihr einstiges Ideal, durch Gelehrsamkeit hervorzutreten, viele Schüler um sich zu scharen mtt> der Wissenschaft zu dienen, ganz vernichtet" (S. 76f). Wie auf jeder Seite dieses Buches, so ist auch hier viel Uebertreibung um ein Korn Wahrheit. Die Rabbiner von heute sind nicht geldgieriger als die von ehedem, und die Annahme von Geschenken hat noch keinen gehindert, wissenschaftlich sich hervorzutun. Trotz alledem ist es wahr, daß. die materielle Abhängigkeit des Rabbiners nur zu oft die Schwingen seines Idealismus knickt, ihm manchmal Schweigen auferlegt, wo er reden sollte. Der Rabbiner stand muß zum Wohle des Judentums unabhängiger werden. Vor allem durch innerkirchliche Organisation. Nicht Verbände, sondern Instanzen brauchen wir, religiöse Instanzen, die Beschlüsse und Entscheidungen fassen, die den einzelnen außer Verantwortung setzen. Vollständig schließe ich mich dem Rufe Obermeyers an nach Abschaffung aller „Nebeneinkommen". Den Rabbiner soll mit seinen Gemeindemitgliedern keinerlei Geldangelegenheit freundschaftlich oder feindlich zusammenführen, er soll nur Lehrer, nur Erzieher, nur Gottesmann sein. Ein geistig nnd materiell unabhängiger Rabbinerstand ist berufen, das Judentum in Freiheit und bürgerlicher Assimilation zu erhalten und zu entwickeln. Das Ghetto in der Dichtung. Ein Vortrag von Dr. Heinrich Groß-Äugsburg. - I. ie im erlöschenden Glanze der niedergehenden Sonne alles in der Natur, selbst was grau in grau gehüllt ist, im goldenen Dämmerlichte erscheint, so tritt uns die düstere Vergangenheit verklärt in strahlender Gestalt entgegen. Die Erinnerung streift die häßlichen Züge weg und zaubert uns nur das Schöne vor die Seele. So vergessen wir oft die rauhe Wirklichkeit unserer Jugend und blicken aus das, was sie uns an Reiz geboten hat, mit wehmutsvoller Sehnsucht zurück, wenn wir auch das, was gewesen ist, nicht wieder herbeiwünschen. So geht es auch uns Israeliten, wenn wir, unsere Vorzeit mit der Gegenwart vergleichend, des Lebens unserer Altvorderen gedenken. Dieselben wohnten im Mittelalter allerorten in einem ihnen angewiesenen besonderen Quartiere, Judengasse oder nach dem Italienischen Ghetto genannt, das meistens von den anderen Stadtteilen völlig getrennt, da und dort auch mit Mauern umgeben war und dessen Tore nachts oder angesichts drohender Volksaufstände geschlossen waren. Da das Ghetto sich nicht in die Breite erweitern konnte, verengten sich bei der zunehmenden Bevölkerung desselben die Gassen, und die schmalen Häuser stiegen maßlos in die Höhe. Die Reinlichkeit hat dadurch nicht gewonnen und die Bequemlichkeit ist nicht größer geworden. In einem engen Raum eingezwängt,^ auf den dürftigsten Erwerb beschränkt und von der übrigen bürgerlichen Gesellschaft rechtlich und sozial ausgeschlossen, kamen sich seine Bewohner wie Gefangene vor und hatten keinen sehnlicheren Wunsch, als den, ihre Fesseln zu sprengen. Nachdem die Schranken des Ghettos gefallen waren, stürmten seine Bewohner im hellen Jubel über die gewonnene Freiheit hinaus, in der sie ihre Jahrhunderte lang niedergehaltenen geistigen Kräfte im vollsten Anschlüsse an die aufstrebende Kultur der Menschheit ungehemmt entfalteten. Wie Dornröschen aus dem todesähnlichen Schlummer erwachend, suchten sie die Schrecknisse der Vergangenheit wie böse Träume aus ihrem Gedächtnisse zu bannen, um in der ungeteitten Hingabe an die Gegenwart ihre Freude am rüstigen Schaffen und Wirken nicht zu vergällen. Nach und nach aber drängte sich vieler:, nachdem der im neu angebrochenen Volksfrühling gepflanzte Freiheitsbaum die erwarteten Früchte nicht getragen hatte, die Erinnerung an das Ghetto wieder auf, dessen Leben und Weben bei aller Herbheit doch auch seine Lichtseiten hatte. Die Erkenntnis der früheren Verhältnisse wird von der gerechten Würdigung des allmählich sich entwickelnden Volkscharakters erheischt. Die moderne jüdische Geschichte, welche nur die Wahrheit sucht, photographiert jenes Leben getreu wie es war. Die Sage, welche in den Sippurim') wiedergegeben ist, hüllt es in den Nebel der frommen Legende. Die Kunst malt es, indem sie einige ihm entlehnte charakteristische Motive so wirksam in frischem Farbenschmelz ausgestaltet, daß das längst Erstorbene, das sie darstellt, auf uns den Eindruck des in voller Wirklichkeit pulsierenden Lebens macht. Von den großen Meistern dieser Richtung der Malerei ist Moritz Oppenheim am bekanntesten. Seine „Bilder aus dem altjüdischen Familienleben"2), zu denen Leopold Stein einen vortrefflichen, erläuternden Text geschrieben hat, bringen in 1) Sippurim. Ghettosagen, jüdische Mytben und Legenden, Volksausgabe, herausgegeben von I. Brandeis, II. Auflage, Präg 1889. 2) Dieselben wurden nach den Originalgemälden des Professor. Oppenheim photographiert und erschienen mit dem Text von Leopold Stein in Frankfurt a. M. 1901.