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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-02-07 · Heft 6 (7.2.1908) · p. Seite 67

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
Seite 67 (sequence 9)
Language
German
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London richtig stellt. Vom Ausschuß 111 ist die Resolution eingereicht worden, den Gemeindevorständ zur Prüfung der Frage zu veranlassen, iü wieweit eine Dezentralisation der Gemeinde resp. die Einrichtung einzelner Synagogenbezirke ausführbar erscheine; zu dieser Frage soll der Antrag Blumenthal-Cohn eventuell als Material verwendet werden. Bei der namentlichen Abstimmung fiel dieser Antrag mit 10 gegen 7 Stimmen; sämtliche Liberalen stimmten selbstverständlich dagegen. Unter dem gleichen Stimmenverhältnis fiel auch der Antrag Blumenthal-Cohn selbst. — Der Rechnungsabschluß der Synagoge Rykestraße ergibt einen Minderverbrauch von 918,42 Mk. Zu diesem Punkt richtete Pros. Blaschke die erneute Anfrage an den Vorstand, wann endlich die Orgel in dieser Synagoge eingeführt werden würde, woraus Herr Syndikus Lilienthal erwiderte, daß der Vorstand sich hierüber noch nicht schlüssig gemacht habe. — Es wurde alsdann eine Teuerungszulage denjenigen Beamten gewährt, die mindestens seit dem 1. Januar 1907 im Gemein bedienst stehen und einschließlich der Nebeneinnahmen ein Einkommen von höchstens 3000 Mark jährlich beziehen; die Verheirateten werden 100 Mk., die alleinstehenden 50 Mk. als Zulage erhalten. Zur Ausführuug dieses Beschlusses ist ein Betrag von insgesamt 15350 Mk. erforderlich. — Den Rest der Sitzung füllten einige unwesentliche Bewilligungen aus. — MM- Modernes Judentum. Von Dr. I. Ziegler-Karlsbad. III. ndacht verlangt vor allem Gewohnheit. Mich erschüttert mächtiger Orgelklang, und Chorgesang erhebt meine Seele 51t Gott. Wer will mir das ahsprechen? Man weist oft höhnisch aus die Orgelsynagogen hin, die vor Leere gähnen, und fragt: Hat die Orgel ihren Zweck erfüllt? Sind nicht unsere Synagogen mit ihrem alten Ritus allsabbatlich voll von Andächtigen? Es ist wahr, die Orgel macht es nicht, und wenn wir wüßten, daß die Abschaffung der Orgel das Judentum retten könnte, ich glaube, selbst der nwdernste Rabbiner opferte die Orgel herzlich gern. Wer weiß aber, wieviel mehr Juden der Synagoge an den Festen ferngeblieben wären, hätte man dem modernen Menschen den modernen Tempel nicht eingerichtet! In Berlin sind zumeist Orgelsynagogen- und ich glaube, der Tempelbesuch läßt dort nichts zu wünschen übrig. Ob alle diese Besucher auch ohne Chor und Orgel kämen, ist mindestens fraglich. In Wien ist in den Gemeindetempeln keine Orgel. Ob jedoch eine Orgelsynagoge nicht Hunderte in den Tempel brächte, die heute nicht dahin gehen, wer könnte das rundweg verneinen? Wie immer jedoch, die Behauptung, in den Orgelsynagogen fehle die Andacht, ist eine durch nichts zu rechtfertigende Uebertreibung. Nur muß mit allen Mitteln dahin gearbeitet werden, daß auch die gesetzesfreien Juden das Bedürfnis empfinden, an Sabbaten und Festen religiöse Andacht und Belehrung im Gotteshaufe zu empfangen. Ad vocem Belehrung und Predigt. Herr Obermeyer entwirft ein Bild von dem modernen Rabbiner und der modernen Predigt, das aufs allerentschiedenste zurückgewiesen werden muß. „Der Rabbiner von heutzutage," so lesen wir bei ihm, „ist bloß ein „Meschubad" . . . Sein Ideal, sein Streben ist es also, sich mit den Vorständen gut zu verhalten. Beziehungen mit den Reichen anzuknüpfen — das trägt was . . . . Schon in den Rabbinerseminarien . . . wird heutzutage das Hauptgewicht auf die Predigt gelegt ... Er wird in die Mysterien der Homiletik eingeweiht, das heißt in die Kunst, Bibelverse und haggadisch-talmudische Aussprüche umzudeuteln, zu verzerren und zu verrenken . . . Die Predigten sind nicht mehr das. was sie ehemals waren, nämlich Belehrungen über den geistigen Inhalt des Judentums . . .. Der Prediger ... soll vielmehr dem Publikum gefallen, sich bei ihm eittschmeicheln. . . . Die moderne Predigt ist mit schuld an dem Verfall des Judentums, der immer mehr zunehmenden Verflachung des jüdischen Kultus." (S. 78 [.) Wir Juden pflegen bitter Klage zu führen über die Generalisierung, wie alle über einen Kamm geschoren werden, wie mancher Christ, weil ihm ein Jude nicht zu Gesicht steht, Antisemit und Judenfresser wird, die alte Hamangeschichte. Was soll man aber sagen, wenn Juden die Stirne haben, den Rabbiner stand in den Kot zu zerren, weil sie bei dem einen oder andern Rabbiner manches gesehen haben, das getadelt werden kann? Ich hätte Herrn Obermeyer geraten, die Zustände unter den mittelalterlichen Rabbinern etwas eingehender kennen zu lernen, ehe er die alten Rabbiner auf Kosten der modernen in den Himmel zu heben beschlossen hat. Sehr dienlich wären ihm da Güdemanns „Quellenschriften" gewesen. Seite 49 f. ist Salomo . Lurias Klage abgedruckt über die Rabbiner seiner Zeit. Er schreibt: „Leider sind der Ordinierten zwar viele, aber der Wissenden wenige, und die Kenntnislosen nehmen zu . . . Dennoch üben auch sie ohne Besitz von Weisheit die Herrschaft über die Gemeinde und die Gelehrten aus, legen in Bann, erlauben Verbotenes und ordinieren Schüler, die nicht bei ihnen studiert haben, es liegt ihnen eben nur an der Bezahlung und dem Entgelt, welche sie dafür erhalten, und ihre Borträge dienen nur der Gewinnsucht." Ein anderer wieder klagt: „Zurechtweisung verdienen jene lügenhaften Prediger, die seit kurzem aufgetreten sind, welche die Dinge verdrehen und ein Gebilde der Täuschung, ein spitzfindiges Erzeugnis eitlen Scharfsinns den Zuhörern darbieten . . . Sie bemühen sich, auf gewaltsame Weise und durch Verdrehung einen Zusammenhang zu erkünsteln, und suchen damit den Beifall der Menge zu erschleichen." (S. 139 f. a. a. O.) Wer möchte nach diesen zwei Zitaten, denen ich noch manch anderes beifügen könnte, den Rabbinerstand der verflossenen Jahrhunderte in Bausch und Bogen verurteilen? Und doch wage ich es zu behaupten, daß diese so wegwerfend behandelten modernen Rabbiner im Durchschnitt für die religiöse Erziehung der Jugend, für die Belehrung der Gemeinde, in Erfüllung ihrer humanitären Pflichten mehr leisten, als ihre orthodoxen Vorgänger, ich spreche auch da nur vorn Durchschnitt, geleistet haben. Man braucht ja nur zu sehen, was die orthodoxen Rabbiner in Ungarn, Galizien und Rußland und wer weiß, ob nicht auch in Bagdad, im Durchschnitt heute leisten. Eine Verwahrlosung der Jugend ist gerade oft in orthodoxen Gemeinden eingerissen, wie sie schlimmer nicht gedacht werden kann. Von Belehrung ist kaum noch die Rede, das Gotteshaus ist eine Stätte oft des unwürdigsten Benehmens. In welchem Gegensätze zu dieser inneren Verwahrlosung steht die Tätigkeit des modernen Rabbiners in. der Schule, im Gotteshause, in der Loge, in Literaturvereinen. Man kann getrost sagen: Was noch vom Judentum gerettet wurde, nachdem die alten Rabbiner es halb zugrunde gerichtet haben, ist durch das begeisterte und selbstlose Auftreten des modernen Rabbiners, durch seine hingebungsvolle Tätigkeit geschehen. Wird einmal der synagogale Kultus an Sabbaten und Festen im modernen Judentums Wurzel gefaßt haben, wird er auch beitragen zur Neubelebung des häuslichen Kultus. Der Freitag Abend wird früher oder später die Sabbatweihe auch in die Familie 'zurückbringen, wenn auch die Sabbatruhe derzeit immer mehr verloren geht. Eine ’’ “ ' •*'* 7 *■

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