Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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; Macher waren Zentrumsleüte, der Hauptagitator ein klerikaler Chefredakteur; an der mit der Gründung verbundenen Vereinszeitung arbeiteten vorwiegend Zentrumsleute. Das Zentrum drückte dem Verein keineswegs sein Siegel ans. Unter, den Mitgliedern waren auch Liberale. Aber die Klerikalen machten das ganze vielleicht ohne Wissen der Liberalen zu einer antisemitischen Zentralstätte. In den , im Jahre 1902, dem Gründungsjahre, erlassenen Statuten hieß es in § 4: „In den Verein „Bayerwald" können als ordentliche Mitglieder ausgenommen werden erwachsene Personen beiderlei Geschlechts von unbescholtenem Charakter und christlicher Konfession." Im Vereinsheft von 1906 finden wir die reformierten Statuten abgedruckt. Da heißt es in § 3: „In den Verein „Bayerwald".können als ordentliche Mitglieder ausgenommen werden Personen beiderlei Geschlechts von unbescholtenem Charakter und deutsch-nationalen Stammes." Inzwischen war dem Prinzregenten das Protektorat angeboten und dieses von ihm auch angenommen worden. Der Prinzregent war also der Protektor eines antisemitischen Vereins geworden! Er selbst hat die Verhältnisse augenscheinlich nicht geprüft, und diejenigen, die ihn zur Uebernahme des Protektorats veranlassen, wahrscheinlich auch nicht. Aber das antisemitische Protektorat war da. Im Jahre 1902 hatten die Gründer trotzdem wohlhabende niederbayerische Juden veranlaßt, dem Verein beizutreten, sie sind auch beigetreten, aber man hat sie alsbald veranlaßt, wieder auszutreten. Ende 1906 scheint der Judenparagraph aus den Statuten gestrichen worden zu sein. Es ist aber nicht möglich, Bestimmtes hierüber zu erfahren oder die neuen Statuten zu erhalten. 1. Muttchen, 19. Januar. Am 15. d. M. ist hier der frühere Direktor des Wölfischen Telegraphenbureaus Emanuel Deutsch im 73. Lebensjahre gestorben. Die Beerdigung des allgemein geachteten Mannes fand am 17. d. unter sehr zahlreicher Beteiligung weiter Kreise statt. Unter den Trauergästen befanden sich viele Mitglieder derPresse, darunter der Nedaktionsstab des Süddeutschen Korrespondenzbureaus und Abordnungen des Münchener Journalisten- und Schriftstellervereins und der Pensionsanstalt. Rabbiner Dr. Werner sprach in der ehrenden Gedächtnisrede von einem langen, segensreichen Leben, das sich besonders in charitativen Werken betätigte. Am Grabe widmete Direktor Tr. Jessen einen von warmer Anerkennung beseelten Nachruf im Namen des Süddeutschen Korrespondenzbureaus und zugleich namens des Münchener Journalisten- und Schriftstellervereins und der. Pensionsanstalt: „Der Verstorbene hat ob seines edlen, abgeklärten Wesens, das auf den drei Grundlagen eines warm für die Mitluenschen schlagenden Herzens beruhte, bei allen, die mit ihm in Berührung kamen, hohe Wertschätzung genossen; jederzeit, mit Rat und Tat stets bereit, ist er für die Förderung der Humanitären Interessen der Schriftsteller und Journalisten eingetreten; drei Jahrzehnte lang stand er unentwegt in der journalistischen Berufstätigkeit, und, was seinen schönsten'Ruhmeskranz bildete, er hat keinen Feind und Gegner gehabt." Der Verstorbene war ein Abkömmling der bekannten Rabbinerfamilie Deutsch in Schlesien und blieb bis zum Tode ein treuer Anhänger des überlieferten Judentums. Ehre seinem Andenken! 6. Karlsruhe, 22. Januar. Vor einiger Zeit hat sich in Baden ein „Verein zur Wahrung der Interessen des gesetzestreuen Judentums" gebildet, der durch seine Hetzereien in unser friedliches Ländchen Uneinigkeit zu tragen drohte. Demgegenüber ist nun erfreulicherweise jetzt eine „Liberale Vereinigung der Israeliten Badens" begründet worden, die allgemeines Interesse und die wärmste Teilnahme erregt. Wie notwendig die Schaffung eines solchen Zentrums für die Anhänger des modernen Judentums war, kann die Tatsache bezeugen, daß schon vor der definitiven Begründung der neuen Vereinigung ein Flugblatt des orthodoxen Vereins dagegen erschienen ist, in dem vor dem Beitritt zu der liberalen Vereinigung' in beweglichen Worten gewarnt wird. Daneben fehlt es natürlich nicht an falschen Behauptungen und an Verdrehung von Tatsachen und Beweggründen. Aber das alles ist Nebensache — die Hauptsache ist und bleibt die erfreuliche Begründung der „Liberalen Vereinigung", die sicher eine ersprießliche Wirkung auf den religiösen Fortschritt in unserem Musterländchen haben wird. i. Strafiburg i. C., 19. Januar. Am.vorigen Sonntag verstarb hier, wie schon kurz mitgeteilt, nach kurzem Krankenlager, Sanitätsr at Dr. Gustav Levy. Wer erinnert sich der bekannten Persönlichkeit Levhs nicht? Gleich beliebt bei Arm und Reich, erfreute sich Dr. Levy der größten Popularität. Geboren im Jahre 1835 in dem lothringischen Städtchen Saarburg, kam er als junger Mann mit seiner Familie nach Straßburg,, wo er nach glänzenden medizinischen Studien 1858 promovierte und sich kurze Zeit darauf als Arzt niederließ. Sein Onkel, der bekannte Straßburger Arzt Dr. Ruff, starb schon Ende der fünfziger Jahre, und der junge Levy übernahm seine Nachfolge. Als Arzt der kaiserlichen Tabakmanufaktur hatte der junge Doktor Gelegenheit, in das soziale Elend der Armen Einblick zu erhalten. Da opferte sich Levy für die Armen und Minderbemittelten! Bei Kälte und Wärme, bei Wind und Wetter war er auf dem Posten, wo und wann es hieß, der Menschheit zu helfen. Er ließ sich nie von den Minderbemittelten honorieren. Im Gegenteil, er brachte ihnen die Medizin und Lebensmittel ins Haus. In den Jahren der menschenwürgenden Cholera war es Levy, der unter Hintansetzung seines eigenen Lebens den armen Pestkranken wohltuende Linderung brachte. Und im Kriegsjahre 1870/71 pflegte Dr. Levy Tage und Nächte hindurch die Verwundeten. Wie viele unserer Mitbürger erinnern sich noch des jungen Arztes, der in aufopfernder Art und Weise auf den Wällen stand, wo die feindlichen Kugeln an seinem Kopfe vorbeifausten, auch für die Verletzten sorgte? Am 1. September 1870 fiel in Sedan sein geliebter Bruder, der französische Artillerieleutnant Adolf Levy. Mit tiefem Schmerz in der Seele ging Dr. Levy seinem humanen Werke noch mehr nach. Das Rote Kreuz stellte Dr. Levy ein Ehrendiplom für seine großen Taten aus. Sein anderer Bruder Emil war französischer Generalarzt und hatte die Feldzüge Mexiko, Krimkrieg und 1870—71 mitgemacht. Levy wirkte auch beinahe 40 Jahre als Arzt des hiesigen Bürgerspitals in segensreichster Weise. Er bekleidete daselbst während Jahrzehnten das Amt als Direktor der ersten medizinischen Klinik. Dr. Levy gehörte von Mitte der 70 er Jahre bis zu seiner Auflösung dem Gemeinderat der Stadt Straßburg an. Auch nach der Wiedereinsetzung des Gemeinderats wurde Dr. Levy von dem Wahlbezirk Krutenau-Finkweiler mit großer Mehrheit immer wieder gewählt. Seine Tätigkeit im Eemeinderat war eine ersprießliche. Er war einer der geachtetsten und geschütztesten Mitglieder des Stadtrates. Er gehörte dem Gemeinderat bis 1902 fortgesetzt an. Levy war endlich seit dem Ableben des Bankiers Blum-Auscher Präsident des Israelitischen Konsistoriums des Unter-Elsaß. Durch seine großen Eigenschaften, seinen vorzüglichen Charakter, seineMenschenliebe eroberte sich der geschätzte Mann dieHerzen aller, die ihm näher traten. Er leitete die Geschäfte desKonsistoriums mit Energie und mit Milde. Er hatte ein williges Ohr für alle, die mit einer Bitte an ihn herantraten. Dr. Levy war geschätzt nach oben und unten, Dr. Levy war der würdige und vornehme Repräsentant des Judentums. Die Israeliten verlieren in Dr. Levy ihren eifrigsten, tapfersten und nobelsten Fürsprecher, die Stadt Straßburg einen ihrer besten und sympathischen Mitbürger, der aus der Veranstaltung zahlreicher Wohltätigkeitsunternehmungen, und zwar für alle Konfessionen, seinen Namen in die Herzen der Mitbürger eingegraben hat. Vor drei Jahren erhielt Dr. Levy den Titel Sanitätsrat. Anläßlich seines 50jährigen Doktorjubiläums fiel ihm der Kronenorden lll. Klasse zu. Vor einigen Wochen noch präsidierte der Verewigte dem 80. Geburtstag feines Kollegen Professor Köberle. Von Franz Schell ist ein vorzügliches Porträt des Verstorbenen erhalten. Möge er in Frieden ruhen! Oesterreich-Ungarn. . Wien, 26. Januar. Die Hilsner-Affäre wird nun doch weiter verfolgt. Der Abgeordnete Breiter hat sich mit dem jüdischnationalen Klub in Verbindung gesetzt, um eine besondere parlamentarische Kommission zu schaffen, die sich mit der Affäre Hilsner beschäftigen soll. Die Kommission soll eine energische Kampagne ins Werk setzen, um dem unschuldigen Opfer einer willkürlichen Justiz endlich zur Freiheit zu verhelfen. Die erste Sitzung dieser Kommission fand unmittelbar vor Schluß der parlamentarischen Session statt. Natürlich glänzten die Hausjuden des Polenklubs durch Abwesenheit. An der Spitze der Kommission, von deren weiterem Wirken man hoffentlich bald hören wird, steht der als Parlamentarier und als Gelehrter gleich bekannte Professor Dr. Maszaryk. — Der „Allgemeine Oesterreichisch-Jsraelitische Bund" hat nach langer Zeit wieder