Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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gelten, woraus ihnen auf ihrer Reise durch Rußland zahlreiche Veschwernisse erwachsen. Insbesondere ist es für sie sehr schwer) den für die Rückreise nach Deutschland unerläßlichen Ausgangsstempel zu' erhalten und in den ersten Hotels ausgenommen zu werden. Nun ist allerdings richtig, daß der deutsch-russische Handelsvertrag' die jüdischen deutschen Handlungsreisenden den christlichen nicht in allen Beziehungen gleichgestellt hat; vielmehr erstreckt sich die Gleichstellung nur auf einige Punkte, wie Gültigkeitsdauer .des Paßvisums und der 'Legitimationsscheine für die Grenzzone, Erteilung der Gewerbescheine und Gebühren dafür. Allein wenn auch hiernach nicht von Verstößen gegen den bestehenden Handelsvertrag gesprochen werden kann, so ist doch die ungleiche Behandlung der christlichen und der jüdischen Handlungsreisenden ganz und gar unberechtigt, und es ist dringend zu fordern, daß endlich jeder Unterschied in der Behandlung der jüdischen und christlichen Handlungsreisenden völlig wegfällt. Auf dieser Forderung wird man im Interesse des deutschen Handels und des Ansehens der deutschen Handlungsreisenden um so mehr bestehen müssen, als es den Anschein hat, als ob die russischen Behörden von den Handlungsreisenden anderer Länder den Nachweis der Religion nicht verlangten, und deshalb die Maßregel in weiten Kreisen als eine speziell gegen Deutschland gerichtete Schikane betrachtet wird. Man kann es hiernach nur mit Freuden begrüßen, daß jetzt die Handelskammer zu Oppeln an maßgebender Stelle dahin vorstellig geworden ist, daß durch weitere Vereinbarungen mit der russischen Regierung die ungleichmäßige Behandlung der jüdischen und christlichen Handlungsreisenden seitens der russischen Behörden endgültig beseitigt werde. — Chemnitz, 20. Januar. Oberbürgermeister Dr. Beck, der neue sächsische Kultusminister, empfing eine Deputation der israelitischen Religionsgemeinde zu Chemnitz, welche ihm durch ihren Vorsitzenden, Herrn C. Ladewig, nochmals den herzlichsten Glückwunsch zu seiner Ernennung zum Staats- und Kultusminister zum Ausdruck brachte und gleichzeitig wärmsten Dank aussprach für das Wohlwollen, welches der Herr Oberbürgermeister den Bürgern jüdischen Glaubens in seinem bisherigen Wirkungskreise jederzeit erwiesen hat. Der Redner schloß mit den herzlichsten Wünschen für das Wohlergehen des neuen Herrn Kultusministers. Der Minister erwiderte, erinnernd an die Begrüßung der israelitischen Religionsgemeinde bei feinem Aintsantritt, daß er die Entwicklung der israelitischen Religionsgemeinde stets mit Interesse verfolgt habe, und da ihm in seinem neuen Amte besonders die Fürsorge für die Religion obliege, werde er das Gedeihen der Chemnitzer israelitischen Religionsgemeinde weiterhin mit Interesse verfolgen. Nachdem sich der Herr Minister noch, mit den einzelnen Mitgliedern der Deputation unterhalten hatte, wurde diese in freundlichster Weise von ihm verabschiedet. * Seesen a. H., 21. Januar. Am 15. d. M. fand.in der Turnhalle der Jacobson schule eine erhebende Gedächtnisfeier anläßlich der Wiederkehr des Todestages des im vorigen Jahre verstorbenen Direktors Prof. Dr. P hilippson statt. Sein Amtsnachfolger, Direktor Dr. Friedland, gab einen geschichtlichen Ueberblick über die mehr als 20 jährige Wirksamkeit des Verstorbenen an der Spitze der Anstalt, die unter Philippson nach den räumlichen wie inneren Verhältnissen bedeutend gewachsen ist. Unter ihm wurden Bauten, wie das Alumnatsgebäude, die Turnhalle, das Jsolierkrankenhaus und die Amtswohnung des Direktors im Gesamtbeträge von 417 000 Mark errichtet. Philippson richtete auch das Realprogymnasium ein, welches als solches vom braunschweigischen Ministerium kurz vor seinem Tode anerkannt wurde. Die Frequenz der Schule ist ganz besonders durch Zuspruch seitens der Stadt und nächsten Umgebung gestiegen. Der erste Oberlehrer der Anstalt, Dr. Schäfer, welcher Philippson seit Anbeginn seines Direktoriums kannte, gab ein fesselndes Bild des Entschlafenen, den er als einen geistreichen Lehrer und liebevollen Erzieher, schilderte, der selbstlos und unermüdlich für die.Schule lebte. Hierauf überreichte ein Schüler der Anstalt im Namen früherer und gegenwärtiger Zöglinge ein von dem Leipziger Porträtmaler I. Krupenie gemaltes Oelbild (Kniestück), das die dankbaren Schüler des Verstorbenen gestiftet haben. Der Name des Künstlers ist den Lesern dieser Zeitschrift nicht, unbekannt, da Krupenie ein Meister ist, dessen Bildnisse manches jüdische Gemeindehaus und manches Logenheim zieren. Ein,Mitglied des Stiftungs-Kuratoriums, Justizrat Dr. Jul. Jacobson aus Berlin, dankte dsm Komitee für:die Schenkung und sprach dem Künstler seine Anerkennung über das wohlgelungene Werk aus, das die edlen Züge : des um die Entwicklung der Jacobsonschule so hochverdienten Mannes in künstlerischer. Auffassung und größter Naturtreue den gegenwärtigen und künftigen Schülergenerationett vor Augen führt. Ein von Gesanglehrer Germer geführter Chor begann und schloß die Feier, die auf die kleine Schulgemeinde einen tiefen und nachhulstigen Eindruck machte. . r.;. - e. Dessau, 26. Januar. Wie uns mitgeteilt wird, hat die von der Baronin von Cohn-Oppenheim-Stistung gegründete „Baronin von Cohn -Oppenheim - Kasse für die anhaltischen israelitischen Kultusbeamten" durch landesherrliche Resolution vom 24. Dezember. 1907 das Recht einer juristischen Person erhalten. Die Kasse wird den Beamten der anhaltischen israelitischen Kultusgemeinden Ruhegehalt, das nach fünfjähriger Dienstzeit mit einem Drittel ihres Gehaltes beginnt und sich um jährlich zwei Prozent bis zu fünfundsiebzig Prozent steigert, und ferner den Witwen der Beamten die Hälfte des etwaigen Ruhegehalts als Witwengehalt gewähren. Um das Interesse der Beamten zu erhalten, werden dieselben mit einem Prozent ihres Einkommens zu Beiträgen herangezogen. Im übrigen gibt die errichtete Stiftung neben einem angesammelten Fonds von etwa 20 000 Mark einen jährlichen Beitrag von 6000 Mark, wodurch die Erfüllung der Aufgaben der Kasse gesichert erscheint. Die Verwaltung liegt in den Händen eines siebengliedrigen Vorstandes, der .sich aus vier Mitgliedern der Verwaltungen der Kultusgemeinden zu Dessau, Bernburg und Eöthen, ferner dem Landesrabbiner und zwei weiteren Gemeinden zusammensetzt. Handelt es sich hier auch nur um einen kleinen Kreis von Personen, so ist doch vom sozialen Standpunkte aus die Wohltat, die wiederum mit den Mitteln der edeln Baronin von Cohn-Oppenheim ermöglicht wird, freudig zu begrüßen. o. Frankfurt a. M., 24. Januar. Die Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler will einem weiteren Kreise in Lichtbildvorträgen die von ihr aufgesammelten Arbeitsmittel vorführen. Sie will im laufenden Jahre zu diesem Zwecke zunächst auch hier zwei Vorträge halten lassen, die Direktor Frauberger von Düsseldorf übernommen hat. Der erste Vortrag „Ueber Synagogenbauten in alter und neuer Zeit" hat dieser Tage in der Frankfurt-Loge bei gutem Besuch stattgefunden. Der Vortragende führte von alten Synagogen mehrere Proben der romanisch-gotischen Gruppe (Worms), der spanisch-maurisch-jüdischen Gruppe (Toledo), mehrere italienische (Padua, Venedig) und Synagogen der polnischrussischen Gruppe vor, wo in friedliebenden Zeiten unter dem Schutze der Behörden, der deutschen Kaiser, der maurischen Kalifen, der Verwaltung des Kirchenstaates und norditalienischen Fürsten und der Polenkönige die Mittel zum Bau schöner Synagogen verwendet werden konnten. Er schilderte den Zusammenhang mit Italien bei der polnisch-russischen Gruppe und speziell bei den Steinsynagogen zur Zeit der Königin Bona, die mit einem judenfreundlichen König vermählt war. Auf die eigenartigen polnischen Holzshnagogen (Saratow, Berditschew) folgte die Beschreibung mehrerer im Frankenlande aufgefundener Holzsynagogen mit reicher dekorativer Bemalung, die von jüdischen Künstlern im 17. Jahrhundert ausgeführt sind. (Es existieren heute noch etwa 100 Holzsynagogen; von den wenigen deutschen eine im benachbarten Königstein.) Die magere Ausbeute an künstlerisch wertvollen Arbeiten des 18. Jahrhunderts wurde gestreift und fortgefahren mit den Schilderungen , der durch Napoleon I. veränderten Verhältnisse für die Juden überhaupt, der Entwicklung im Synagogenbau von der orientalischen zur gotischen Bauweise, von dieser zum romanischen Kuppelbau bis zum neuesten Bau der israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M., über dessen künstlerische Qualität bei rituell richtiger Lösung — im Gegensatz zu anderen modernen Synagogenbauten, die sich in ihrer inneren Einrichtung kaum von einer katholischen Kirche unterscheiden — sich der Vortragende in. begeisterten Worten aussprach. e. München, 24. Januar. Erbauliche Geschichten werden in den hiesigen Blättern von dem sogenannten „Bayerwald" erzählt. Im Jahre 1902 wurde ein „Waldverein Straubing" gegründet, dessen Zweck es war, den bayerischen Wald zu erforschen, literarisch zu behandeln und ihn für den Fremdenverkehr zu erschließen. Die