Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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72. Jahrgang Nr. 5. Berlin, 31. Januar 1908. Vrtlsge zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums. korrrlpondrnsrn und Mschrichten. Deutschland. 8. Berlin, 27. Januar. Wir freuen uns, unseren Lesern heute eine Mitteilung machen zu können, die,sicher ihnen allen ebensolche Genugtuung gewähren wird, wie uns: die Begründung einer großen, ganz Deutschland umfassenden „Liberalen jüdischen Vereinigung" ist gesichert, und der Zusammenschluß der liberalen Vereine für jüdische Angelegenheiten in größeren Städten zu diesem Zweck bereits perfekt. Wie erinnerlich, ging die Anregung hierzu von einem Aufsatz ans, den Herr Rabbiner Dr. Vogelstein in Stettin im vorigen Jahre in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" veröffentlicht hat. Seither wurde unausgesetzt an dem Plan gearbeitet, der nun bald der Allgemeinheit unterbreitet werden und sicher in allen freisinnigen Kreisen lebhafte Teilnahme finden wird. 8. Berlin, 25. Januar. Der soeben zur Ausgabe gelangte dreizehnte Jahresbericht des Vereins „Jüdische Lesehalle und Bibliothek" legt abermals beredtes Zeugnis für die ersprießliche Wirksamkeit dieses wahrhaft segensreichen Institutes ab. Im Lesezimmer liegen ständig 74 jüdische Zeitungen, und zwar 36 deutsche, 6 englische und amerikanische, 7 hebräische, 14 jüdisch-deutsche, 3 französische, 2 russische, 2 polnische, 2 rumänische und 1 bulgarische, aus.. Der Bücherbestand umfaßt 6084 Bände jüdischen Inhalts, welche sich ans folgende Fächer verteilen: Belletristica 954, Kulturgeschichte 322, Hebraica 897, Literaturgeschichte 182, Philosophie und Religionswissenschaften 251, Kultus, Ritus. Gebetbücher 246, Geschichte 568, Philologie 133, Erziehungs- und Unterrichtswesen 126, Biographien 151, Philosemitica 357, Antisemitica 34. biblische Literatur 229, rabbinische Literatur 212, Erbauungs-Literatur 233, Zeitschriften 661, Schriften über Vereine 279, zionistische Literatur 103, Kirche, Mission 38, Varia 62. Von diesen 6084 Bänden waren im Berichtsjahre 2814 — nahezu 50 Prozent — ausgeliehen. Die Bibliothek wurde 1761 mal von 327 verschiedenen Entleihern in , Anspruch genommen. Auch die Lesehalle war im Jahre 1907 überaus rege besucht und oft überfüllt: stellte sich doch die Besuchsziffer auf 23 174 Personen. Es verkehrten in dem Institut jüngere und ältere Gelehrte. Rabbiner, Kantoren, Schriftsteller, Redakteure, Lehrer, Aerzte, Kaufleute, Fabrikanten, Maler, Rentiers, Studenten. Schüler, Lehrlinge, Handwerker, Arbeiter, Kassenboten usw., denen allesamt willkommene Gelegenheit geboten wurde,. Belehrung und Anregung zur weiteren Fortbildung zu schöpfen und sich über alle jüdischen Angelegenheiten eingehend zu orientieren. Die Mitgliederzahl hat sich auf 404, die Summe der Einnahmen auf 6109 Mark erhöht, denen Ausgaben von 4717 Mark gegenüberstehen. Den Vorstand bilden die Herren: Dr. Max Ginsberg. Vorsitzender; Professor Dr. Moritz Schäfer, Stellvertreter; Benas Levy, erster Schatzmeister; Carl Schwarz, Stellvertreter; Dr. Theodor Zlocisti. erster. Dr. Erich Alexander, zweiter Schriftführer; Heinrich Frankel, Dr. Hirsch Hildesheimer, Dr. Gustav Karpeles, Professor Dr. M. Philippson, Oberlehrer Dr. Felix Rosenberg. Karl Schiff, Gustav Spiewkowski und Rabbiner Dr. Joseph Stier. 8.' Berlin, 24. Januar. In der Generalversammlung der W i s s e n s ch a f t l i ch e n Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen am 7. v. M. erstattete der Schriftführer den Jahresbericht, nach welchem neun Sitzungen mit sieben Referenten bezw. Vorträgen und drei gemeinsame Ausflüge stattgefunden haben. Darauf erfolgte der Kassenbericht durch den Schatzmeister und die Wahl des Vorstandes. Der bisherige Vorstand wurde wiedergewählt. — Nach mehreren Mitteilungen durch den Vorsitzenden begründete sodann Kollege Dr. Fiegel seinen Antrag aus Fortfall des Sonntags- Unterrichts in den Religionsschulen, welcher jedoch nach eingehender Diskussion bei der Abstimmung abgelehnt wurde. Der angekündigte Vortrag des Kollegen Flanter „Zur Methodik des biblischen Geschichtsunterrichts" konnte infolge der vorgerückten Zeit erst in der nächsten Sitzung erfolgen. Der Vortragende behandelte an diesem Abend sein Thema nur in großen Umrissen, versprach aber einen zweiten Vortrag, der sich eingehender mit einem enger umgrenzten Gebiete befassen soll. In dieser Sitzung erstatteten auch die Delegierten für den Lehrerverbandstag in Hannover, die Kollegen Auerbach und Hanfs. Bericht über ihre Tätigkeit auf demselben. Auf Ersuchen der wissenschaftlichen Vereinigung hält Rabbiner Dr. Kellermann eine Reihe von Vorträgen für die Mitglieder der Vereinigung und zwar über das Thema „Die Bergpredigt und die Ethik des Judentums". In liebenswürdiger Weise hat das Kuratorium der Lehranstalt' für die Wissenschaft des Judentums einen Hörsaal in der neuen Lehranstalt für diese Vorlesungen zur Verfügung gestellt. Die Vorlesungen finden bis auf weiteres jeden Sonnabend statt. 8. Berlin, 26. Januar. Das jüdische Genesungsheim zu Lehnitz für Frauen und Mädchen soll in diesem Jahre bereits am 1. März wieder eröffnet werden. Mit Rücksicht darauf, daß in den Sommermonaten das Heim stets überfüllt ist, empfiehlt es sich für Erholungsbedürftige, ihre Gesuche um Aufnahme in das Heim, unter Beibringung eines ärztlichen Attestes, sofort an das Bureau des Vereins Jüdisches Genesungsheim, Rosenstr. 2/4. zu richten. 8. Berlin, 27. Januar. Zum Direktor des königlichen Kupferstich kabinetts ist soeben Dr. Max I. Friedländer, der zweite Direktor des Kaiser Friedrich-Museums, ernannt worden. Friedländer, dessen verdienstvolle Wirksamkeit in der Berliner Gemäldegalerie als Wilhelm Bodes hervorragendster Mitarbeiter überall geschätzt ist, wurde am 5. Juni 1867 zu Berlin geboren. Er stammt aus der alten und bekannten Juwelierfamilie. Nach dem Universitätsstudium in Leipzig und München Promovierte er mit seiner gehaltreichen Erstlingsschrist über Albrecht-Altdorfer, den liebenswürdigen Maler von Regensburg^. Seine weiteren Forschungen bewegten sich vor allem auf dem Gebiete der altniederländischen und altdeutschen Malerei, zu deren ersten Kennern er zählt. Direktor des Kaiser Friedrich-Museums wurde er nach dessen Eröffnung. 8. Berlin, 25. Januar. Am 24. d. M. ist hier der Rechtsanwalt und Notar Justizrat Samuel Goldmaun im 62. Lebensjahr gestorben. Er war früher lange Jahre Rechtsanwalt in Danzig und gehörte auch dem Vorstand der Anwaltskammer in Marienwerder an. Im November 1898 siedelte er nach Berlin über und ließ sich beim Kammergericht eintragen. Drei Jahre später ging er zum Landgericht t und wurde bald darauf auch Notar. Er hat sich noch jüngst als juristischer Schriftsteller einen Namen gemacht, indem er einen vortrefflichen Kommentar zum Handelsgesetzbuch herausgegeben hat. Ehre seinem Andenken! _ 8. Hohensnlzir, 22. Januar. Zum Provinzial-Landtagsabgeordneten wurde gestern in Mogilno von den Vertretern der umliegenden Nachbarstädte einstimmig der Stadtverordnetenvorsteher von Hohensalza, Fabrikbesitzer Dr. Leopold Levy, gewählt. In der gestrigen Stadtverordnetensitznng wurde zum stellvertretenden Vorsitzenden des Kaufmaunsgerichts unser Repräsentantenvorsteher Stadtrat Max Latte, wiedergewählt. Herr Justizrat Latte ist auch wiederum bei den diesjährigen Bureauwahlen für das Jahr 1908 zum Vorsitzenden des Repräsentantenkollegiums bei der jüdischen Gemeinde gewählt worden. m. Oppeln> 26. Januar. Fortgesetzt wird von Firmen, in deren Aufträge jüdische Handlungsreisende Geschäftsreisen nach Rußland unternehmen, Klage über die Behandlung geführt, die diese Reisenden im Unterschiede zu christlichen Handlungsreisenden erfahren. Zunächst wird es schon als eine Zurücksetzung empfunden, daß die russischen Konsulate zum Zweck der Erteilung des Paßvisums von den Reisenden mosaischer Religion eine auf deren Namen lautende besondere Vollmacht fordern. In Rußland unterliegen dann die jüdischen Paßinhaber den Bestimmungen, die für russische Inden