Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- Seite 60 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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ihrem Vater ein unbegreifliches seelisches Gebrechen, welches nichts anderes sein konnte als Altersschwäche- Alt war er, sogar sehr, denn er näherte sich den achtzigern, aber sein Geist war noch klar. Im Gegenteil, seit einigen Jahren erst hatte Netel seinen Geist vom Ballast befreit, welcher ihn das ganze Leben lang beschwerte, und ihm erlaubt, völlig frei zu arbeiten, ohne verlorene Zeit oder verminderten Gewinn zu befürchten. Das Alter störte ihn ein wenig bei dieser verspäteten Arbeit, die Gedanken entschlüpften ihm und stoben auseinander, er hatte Mühe, sie zusammenzuhalten und Klarheit in sie zu bringen, aber er hatte jetzt viel Zeit dazu, konnte denken, sich erinnern, überlegen, und niemand rief ihm zu: „Netel, du vernachlässigst dein Geschäft!" Betel war Weinhändler. „Ich war ein ,armer Jude und mußte mir etwas erwerben," so beginnt die Geschichte seiner Erinnerungen, „anfangs arbeitete ich viel bei fremden Leuten, 'um mich zu ernähren, und damals besaß ich nichts; später arbeitete ich doppelt, denn ich verheiratete mich; dann kamen die Kinder, und ich mußte wiederum doppelt und dreifach arbeiten, aber damals stand ich schon auf eigenen Füßen. Es waren solche Zeiten, wo ich mich nicht um das tägliche Brot sorgen brauchte; das Geschäft war schon sehr entwickelt, ging gut, es war schade, es aufzugeben. So führte ich meinen Handel weiter — einen ehrlichen Handel mit gutem Wein, wie allen bekannt — bis ich ihn aufgeben mußte, da ich keine Vertretung hatte und selbst schon zu alt war. Meine Söhne hatten keine Lust zu diesem Geschäft, ihr Kopf war von Spekulationen erfüllt, die ihnen mehr Gewinn brachten als mir mein Handel, daher steuerte ich sie aus und erlaubte ihnen zu machen was sie wollten, ich selbst aber setzte mich zur Ruhe, denn das gebührte mir. Wenn ich jetzt vorwärts schaue, so sehe ich das Grab — und wenn ich zurückblicke, so sehe ich ein langes, rechtschaffenes, arbeitsames Leben, und dennoch habe ich keine Ruhe... Ja, ich, Netel Baum, habe ein reines Gewissen, aber Ruhe habe ich mir nicht verdienen können, und wenn ich auf dies Grab und auf mein Leben schaue, so bedaure ich etwas und seufze und möchte mich bei jemandem beklagen." So würde Netel sein Leben erzählt haben, wenn er seine Gedanken hätte in Worte fassen können und ihm jemand hätte zuhören wollen. Netel schläft schlecht. Vor dem Einschlafen liest er aus der Bibel oder der Zeitung, und obschon seine Augen matt sind und sein Kopf kraftlos auf dem Kissen ruht, will der Schlaf nicht kommen. Alsdann löscht er die Lampe aus, und ohne zu versuchen einzuschlafen, beginnt er zu denken. Seine Augen wandern lange über die ihn umgebenden Gegenstände, bevor seine Gedanken an irgend einer Erinnerung haften bleiben. Nur die Atemzüge schlafender Menschen unterbrechen die Stille. Der erlöschende Schein der Lampe, welcher aus die Wand fällt, beleuchtet mit nebelhaftem, fahlem Glanz alte Bilder... Auf einer Wand ist ein purpurroter, halb zurückgeschlagener Vorhang gemalt, auf der andern ein Gerät mit riesengroßen Weintrauben, weiter ein grüner Vogel mit einem Zweig im Schnabel, weiter wunderliche Blumen, Blätter, aufgestapeltes Obst. An der Stelle, wo sich die Falten des purpurroten Vorhangs öffnen, hängt das Porträt von Moses Montefiore. Wer hatte diesen guten Juden so sehr geehrt, um dort sein Bild aufzuhängen?. Diejenige, welche in halb kindlichem, halb leidenschaftlichem Ueberströmen ihrer Gefühle und Verehrung das weißhaarige Haupt auf diesem Porträt küßte, als Netel ihr vom Leben, dem großen Herzen und Geiste jenes guten Juden erzählte. Esters kleine, kindliche Hand hängte an diesem Platze das alte, verblichene Bild auf. Seit einigen Jahrzehnten kennt Netel die kleinsten Details dieser Bilder und dieses Porträts, wie er übrigens alles kennt, was sich im Alkoven befindet. Es scheint ihm, daß mit jedem Gegenstände ein Teil seines Lebens verwachsen ist. Die Weintrauben erinnern ihn an seine Reisen in die ungarischen Weinberge. Diese Reisen raubten ihm viel Zeit, gewährten ihm aber dafür so viele schöne Landschastsbilder, daß er jetzt den Blick von ihnen nicht abwenden könnte, wenn er sich ihrer, aller entsinnen würde. Doch nur wenig ist davon in seinem Gedächtnis zurückgeblieben; zuweilen erinnert er sich eines bewaldeten Berges, oder einer weiten, endlosen, von Getreide vergoldeten Ebene — erinnert sich, wie schön die Weinberge dufteten . . . Damals war er sehr jung und vergaß bald diese Träumereien. Jetzt erinnert er sich ihrer, lächelt ihnen zu und bedauert, daß er nicht mehr Berge, Wälder, von goldenen Getreidefeldern überflutete Ebenen gesehen. Die Bilder sind nur verblaßt, aber die Zeit hat sie bewahrt. Warum hat sie das Wesen zerstört, welches viele Jahre hindurch auf jene Bilder blickte? Warum weilt Ester nicht mehr in diesem Hause, die geliebte, gute, schöne Ester, Netels Frau? Warum ist nicht einmal ihr Schatten, ihr Bild, ihre Fußspuren, der Ton ihrer Stimme geblieben? Als Netel sie heiratete, war sie noch fast ein Kind, er ein sehr junger Bursche, beide waren noch so kindisch, daß sie die große Liebe, welche sie verband, weder zu schätzen, noch zu begreifen, noch zu empfinden imstande waren. Damals mußten sie so viel arbeiten, daß sie keine Zeit hatten, an sich zu denken, es genügte ihnen, sich beisammen zu fühlen, zusammen zu sein. Es gab ja auch nichts Schöneres als Ester, und kein größeres Vergnügen, als neben ihr zu sitzen, sie anzuschanen und. weltvergessend ihrer Stimme zu lauschen. Netel erlaubte sich zuweilen, von solchem Leben zu träumen, doch stets verlegte er es auf später. Er hatte sogar keine Zeit, Ester zu küssen, noch sie zu verhätscheln, denn der Kopf war ihm mit andern Gedanken erfüllt. Einst wird auch dazu Zeit sein, einst wird sein Kopf nicht so sorgenvoll sein. Inzwischen alterte er, sie verlor ihre Schönheit und starb müde, überarbeitet. Jetzt besinnt sich Netel auf alles: welche Farbe Esters Haare hatten, wie sie lachte, welches Liedchen sie sang — wenn sie den kleinen Viktor in den Schlaf wiegte — welche Kleider sie trug und welche Bänder sie liebte; erinnert sich, daß sie Glik nicht leiden konnte, wie gut sie für die kleine Waise war, welche sie von der Straße ausnahm und in ihrem Hause erzog. Er erinnert sich nur ihrer Jugend und kann sich nicht entsinnen, wie sie später aussah, als sie älter wurde. Vor seinem Greisenauge schwebt das Bild ihres hübschen Köpfchens, wie es schlummernd mit aufgelösten Haaren auf dem Kissen ruht; er sieht ihre zarte, kleine, kindliche Brust, wie sie ungleichmäßig und rasch atmet; bemerkt das leichte Zucken, welches im Schlafe ihre Hände, Brust oder Mund bewegt. ... an all dies erinnert er sich und alles beweint er.. . „Meine arme Ester, wer gibt uns unsere Jugend wieder? Mo und wann werden wir von dieser Liebe sprechen, von welcher wir nur zu' schweigen vermochten? Unser Leben war düster und in unfern Händen hielten wir Diamanten, welche es erhellen konnten." So würde Netel seine Klage ausgedrückt haben, wenn er seine Gedanken in Worte hätte fassen können. (Schluß folgt.) Druck un6 Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.