Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- Seite 56 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228798-3228804--64178-3276230- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
;'5 6“ haben, obwohl Josephs II. Toleränzedikt: und die Verfassung - deramerikanischen Union (1783), schon zeitlich in der-Anerkennung des Bürgerrechts für die Juden vorangehen. Die Befreiung der Juden vom mittelalterlichen Unrecht ist vielmehr eine Wirkung der vorrevolutionären Aufklärungszeit. ' Ohne Mendelssohn ist die Indenemanzipation undenkbar. Sein Persönlicher- Einfluß und der Einfluß seiner Gedankenwelt, läßt sich in allen Kämpfen der Emanzipationszeit Nachweisen. Die beredten Apostel einer gerechten Behandlung und Beurteilung der .Juden und des Judentums Lessing, Dohm (1781), Mirabeau . (1787 „Ueber Mendelssohn und die Politische Reform der Juden") und vor allem der unermüdliche Vorkämpfer der religiösen Freiheit, der Bischof von Blois Abbe Gregoire, sind seine Jünger. Die französische Revolution wäre ohne sie über die Juden gleichgültig hinweggeschritten. Das beweist die Behandlung der Verteidiger der Emanzipation durch die-Nationalversammlung vom 23.-August 1789 an bis zur endlichen Durchsetzung des erlösenden Dekrets vom 27. September 1791. Die Emanzipation von 1791 war aber naturgemäß nur ein theoretischer Erfolg. Napoleon sah klug und klar genug, daß die Regeneration der Juden nicht durch schöne Gesetze zu schaffen war, sondern sich von innen heraus organisch aus dem Judentum heraus entwickeln mußte, daß die Voraussetzung der bürgerlichen Emanzipation die sittliche war (Edikt vom 21. Mai 1806). Eine unparteiische Geschichtsschreibung muß eingestehen, daß ein großer Teil der Juden unter seinem Szepter für seine Emanzipation nicht reif war. Mole durfte den jüdischen Notabeln im Namen des Kaisers - am 26. Juli 1806 widerspruchslos ins^Angesicht hinein erklären: „Die Klagen gegen die Auden sind voll begründet." Man denke nur an die völlige Verwahrlosung der elsässischen Juden, an den von jüdischer Seite in Holland veranlaßten Protest gegen die bürgerliche Gleichstellung und lese die Charakteristik. der preußischen Juden durch Lazarus Bendavid, den Leiter der jüdischen Freischule zu Berlin. Es ist darum verfehlt, das für zehn Jahre erlassene Judengesetz Napoleons vom 17. März 1808 und seine Zusatzbestimmungen 'als Gewaltakte zu charakterisieren- Es erkannte offenen, daß die Fehler der Juden Folgen ihrer Entrechtung waren, und erwartete, daß diese Fehler schwinden würden. Es sollte, zehn Jahre Geltung besitzen, „weit bis dahin der Ausgleich der Unterschiede zwischen den Juden und den übrigen Staatsbürgern zu erwarten ist." Napoleon befreite - auch wirklich nach und nach die Juden in 22 Departements von allen Ausnahmebestimmungen dieses Gesetzes. Die. jüdische . Geschichtsschreibung muß sich die Superlative abgewöhnen. Auch in der Neuzeitgeschichte der deutschen Juden gilt es eine Reihe bereits sanktionierter Jrrtümer zu beseitigen." So ist die Befreiung der deutschen Juden durchaus nicht eine Folge der französischen Unterjochung. Deutschlands. Eine Emanzipation wird nicht durch Paragraphen geschaffen, ein tausendjähriger Haß ist nicht durch Dekrete zu tilgen. Es war vielmehr das Beispiel Josephs II., das im Kurfürstentum Mainz, in Baden, Anhalt und Preußen (seit 1787) vor der Revolution und vor der Franzosenzeit immer ernstere Nachahmung fand, es war das Verdienst der Bemühungen des Hofagenten Wolfs Breidenbach und des Finanzrates Israel Jacobson und ihrer wackeren Mitstreiter auf christlicher und jüdischer Seite, das sittliche und kulturelle Niveau der Juden zu heben, das vorerst eine Aenderung der Anschauungen der regierenden Kreise über Juden und Judentum herbeiführte'. Ebenso hat die im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts - in Deutschland heftig einsetzende antisemitische Bewegung mit der durch die Herrschaft des Kleinadels-verürsachten knechtischen Gesinnung des deutschen Volkes auch nicht das 'mindeste.. zu.^ tun. Fichtes Judenhaß und der Antisemitismus seines Kreises ist vielmehr aus dem gesteigerten Nationalismus, als Reaktion ' gegen alles Fremde und Französische, und durch.die neue Theorie vom -„'christlichen Staate"' zu begreifen. Außerdem war die Emanzipation nicht organisch aus dem Volksbewußtsein hervorgewachsen, sondern das Werk. Weniger gewesen. Dazu kam, .daß die innere Emanzipation der Juden mit der äußern nicht Schritt gehalten hatte. Gerade diese innere Resistenz der sogenannten frommen jüdischen Kreise wird bei der Darstellung des Reaktionszeitalters meist zu gering veranschlagt. 'Die "innere-Wiedergeburt des Judentums ist das Werk „der glänzenden Schar modernes Wissen und Denken mit der Kenntnis der jüdisch-theologischen Ueberlieferung verbindender junger Rabbiner, die von Begeisterung für das Judentum beseelt und zugleich von der Ueberzeugung durchdrungen waren, daß solches sich ohne Gewaltsamkeit mit dem Geist der Gegenwart aussöhnen und verbünden werde" (Philippson S. 153). Die mächtige Helferin dieser wackeren Schar war die aufblühende jüdische Wissenschaft, welche das Selbstbewußtsein der Juden durch den-Hinweis auf die glorreiche Vergangenheit stählte. Vor allem wirkte Josts „Geschichte der Israeliten" aus die Gebildeten, die bis dahin ihr Judentum beinahe wie eine Schmach empfunden, wie ein prophetischer Weckruf. Die ehrlichen Bestrebungen zu einer Neugestaltung des Gottesdienstes, in erster Reihe die vorbildliche Regsamkeit des Ham-' burger Tempelverbandes (daselbst S. 162) waren die ersten Aeußerungen der-inneren Emanzipation der Juden. . Das mannhafte Auftreten des ersten und einzigen schöpferischen Theologen der jüdischen Neuzeit, -Abraham Geigers, das Temperament Creizenachs, der als erster die Rückkehr vom Talmudismus zum Mosaismus forderte, und der Radikalismus eines Mendel Heß weckten .als Reaktion die Neuorthodoxie, welche dem vernunftgemäßen Judentum, den Krieg erklärte und in offenem Bruch mit der gesamten bis-. herigen Geistesgeschichte des Judentums die Ausschaltung der Vernunft zugunsten der über alle Vernunftkritik erhabenen Gläubigkeit predigte (das. S. 184). Eine vermittelnde Stellung zwischen der Konsequenz eines Geiger und dem Abfall der Neuorthodoxie vom Judentum nahm die historisch-gemäßigte Reformpartei ein. Aber historisch im besten Sinne war gerade Geigers Reform, die nirgend einen Bruch mit der Vergangenheit duldete, jede Neuerung geschichtlich und quellengemäß begründete. Die Vermittlungspartei träumte von der Möglichkeit, die Altgläubigen durch eine allmähliche Umgestaltung mit der Reform aussöhnen zu können. Die geschichtliche Entwicklung hat ihr Unrecht gegeben. Die erste Kraftprobe der Neuvrthodoxie war der Hamburger Tempelstreit, der mit dem Siege des Tempelvereins (des jetzigen Tempelverbandes) über den „anmaßlichen und böswilligen" Chacham Bernays endete, der in einem Anschlag das neue Gebetbuch des Tempelvereins verketzerte und sich dafür gefallen lassen mußte, der „völligen Unkunde in aller theologisch-liturgischen Wissenschaft" geziehen zu. werden. Die Orthodoxie war außerstande, auf die zwölf Gutachten zu antworten, welche der Tempelverein über.sein Gebetbuch eingeholt hatte. Die Verdächtigungen der Gutachter von orthodoxer Seite waren nur ein Beweis mehr für die Ohnmacht, und Unfähigkeit, in sachlicher Diskussion ihre Anschauung zu vertreten. Im Streite hatten die Gemäßigten Ludwig Philippsonder Vater der jüdischen Publizistik, und Manheimer neben beit Extremen Geiger und Holdheim aus der Seite des Fortschritts gestanden.