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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-01-31 · Heft 5 (31.1.1908) · p. Seite 55

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 5 (31.1.1908)
Date
1908-01-31
Page
Seite 55 (sequence 9)
Language
German
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Jüdische Geschichte." Von Dr. Paul Ni eg er-Hamburg. Professor Graetz war gestorben. Er hatte wiederholt vor Schülern und Freunden von dem zwölften Bande seiner Geschichte der Juden gesprochen, der „aus gewissen Rücksichten" erst nach seinem Tode veröffentlicht werden sollte. Er hatte auch noch kurz vor seinem Tode ein überaus interessantes Kolleg über die neueste Geschichte der Juden gelesen, das schon allein durch die sarkastische Kritik der Gegenwartserscheinungen seine Hörer in höchstem Grade fesselte. Kurz nach seinem Tode wurde nach der Niederschrift des zwölften Bandes gesucht.. Sie hat sich nicht gefunden. Die Lucke, welche der Breslauer Historiker gelassen, will die neueste Veröffentlichung der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums": „Neueste Geschichte des jüdischen Volkes" von Professor Dr. Martin Philippson in dankenswerter Weise ausfüllen. Keiner konnte geeigneter als Martin Philippson sein, das fehlende Werk zu schreiben. Hat er doch ein gutes Stück dieser neuesten Geschichte an der Seite seines großen Vaters und dann als Mitstrebender und Mitschaffender bewußt durchlebt. Ist er doch durch seine Forschungen zur preußischen und neudeutschen Geschichte besonders dazu prädestiniert, der Geschichtsschreiber der neuesten Geschichte des Judentums zu werden. Der erste Band des mit Spannung erwarteten Werkes liegt nun vor. Wenn es auch die letzten und höchsten Erwartungen nicht vollauf erfüllen sollte, so. ist es doch ein Standard-work im besten Sinne des Wortes, ein Ehrenzeugnis für seinen Schöpfer, ein Ruhmestitel für die Gesellschaft, die es veranlaßt hat. . Die Anmerkungen am Schluffe des Bandes gewähren uns einen Einblick in die Werkstatt des Geschichtsschreibers. Sie erzählen dem Fachmann noch viel eindringlicher als dem Laien von der großen Aufgabe, den Niesenstoff systematisch und doch umfassend zu behandeln. Im Rahmen des „Grundrisses der Gesamtwiffenschaft des Judentums" konnte und wollte Philippson nicht Spezialgeschichte bieten, er durfte nur den pragmatischen Zusammenhang der Ereignisse, den Wesensgehalt der Geschehnisse seinen Lesern vermitteln. Wie schwer ist es, aus den tausend und abertausend Einzelereignissen die wesentlich bedeutsamen, aus der verwirrenden Fülle des Hin und Her die treibenden Kräfte herauszulesen. Das ist aber Philippson in ungeahntem Maße gelungen. In Einzelheiten mag die Darstellung da und dort etwas vermissen lassen oder Unwesentliches betonen, — die Grundideen, das Wesentliche „in Der Erscheinungen Flucht" hat Philippson mit bewundernswertem Feingefühl festgehalten. . Sein Werk ist ein verheißungsvoller Anfang des eigentlich geschichtlichen Teils des „Grundrisses". Ich freue mich schon aus den hoffentlich bald folgenden zweiten Band der „Neuesten Geschichte". Der vorliegende erste Band behandelt die jüdische Neuzeitgeschichte in Mittel- und Westeuropa 'bis zum Beginn der antisemitischen Bewegung. Der zweite Band wird die Judengeschichte im slavischen Osteuropa und im Orient und die Geschichte der Juden in Mittel- und Westeuropa und in Amerika von 1876 bis zur Gegenwart darstellen. Der erste Baud zerfällt in vier Bücher, welche eine glückliche organische Gliederung des Stoffes bieten. In „das Zeitalter der Revolution und des Kaiserreiches" führt das erste Buch ein (S. 1—76). Die Juden im „Zeitalter der Reaktion- 1815-1830" behandelt das zweite Buch (S. 77-143). Nach l) «Neoeste Geschichte des jüdischen Volkes" von Prof. Tr. Martin Philippson. Band 1. Leipzig. Fock. 1007. einer Schilderung der „Reformbestrebungen in West- und Mitteleuropa" im dritten Buche (S. 144—231) schildert das vierte Buch die Durchführung der „Emanzipation in West-, und Mitteleuropa" (S. 232—392). Es ist selbstverständlich, daß ein derartiges Werk zu einer Reihe ernster Betrachtungen Anregung bietet, daß es ein wertvolles'Hilfsmittel wird, Geschichtsirrtümer zu beseitigen. Statt einer kritischen Besprechung von Einzelheiten möchte ich einige Wünsche für den zweiten Band äußern und einige Ergebnisse des ersten Bandes besonders betonen. Für jede Darstellung der Geschichte der Juden in der Diaspora muß grundsätzlich festgehalten werden, daß die Geschichte der Juden mit besserem Rechte in die Wirtschaftsgeschichte als in die politische Geschichte ihrer Heimatländer einzuordnen ist. Die Juden in der Diaspora sind ein sozialer, aber kein politischer Faktor. Die äußere Geschichte der Juden ist keine aktive, kein Eingreifen in das Räderwerk des Geschehens, sondern ein Mitgerissenwerden und nur zu oft ein Zerriffenwerden von diesem.Räderwerke. Die Juden sind mehr oder minder der Willkür ihrer Oberherren preisgegeben, so daß von einer Kontinuierlichkeit des Geschehens in der Geschichte des Judentums seit dem Aufhören der Verfolgungen aus rein religiösen Motiven nicht gut die Rede sein kann. Die jüdische Geschichtsschreibung kann also nur mit stiller Resignation die Tatsachen aneinanderreihen, so logisch oder unlogisch sie in ihrer Aufeinanderfolge sein mögen. Erst der Konstitutionalismus und der aus ihm erwachsende Parlamentarismus, die beiden Charakteristika des 19. Jahrhunderts, haben diese Willkür gemildert und bisweilen aufgehoben. Trotzdem darf auch hier nicht vergessen werden, daß das Wesentliche in der Geschichte des Judentums nicht seine Behandlung von außen, sondern neben seiner wirtschaftlichen Mitarbeit, die übrigens in allen modernen Wirtschaftgeschichten offen zugestanden wird, seine innere Entwicklung bleibt. Diese innere Geschichte der Juden im 19. Jahrhundert, die zugleich eine Abrechnung mit ihrer geistigen Umwelt bedeutet, die Entwicklung des Judentums von Mendelssohn über Steinheim, Formstecher und Hirsch zu Geiger, Steinthal und Cohen ist nicht weniger bedeutsam als etwa die. Abrechnung eines Saadia und Maimonides mit den Philosophenschulen ihrer Zeit — und sicher haben doch Saadia und Maimonides das Judentum stärker beeinftußt als irgendein noch so folgenschweres Ereignis der Judengeschichte. Ich nehme an, daß Philippson diese wichtigsten Seiten der neuzeitlichen Judengeschichten, allerdings mit Ausschluß des Reinliterarischen, im zweiten Bande seiner Geschichte sachgemäß beleuchten wird. Der Erste, der den allerdings kläglich ausgefallenen Versuch gemacht, den Kampf um die jüdische Weltanschauung darzustellen, ist der Jenenser Theologe Friedrich Nippold in seiner Geschichte des Protestantismus (l Seite 401—409: Die Humanitütsreligiou des modernen Judentums; III 1. Seite 544—557: Jüdische und christliche Theologie in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung). Die erste lesenswerte Darstellung dieser modernen Gotteskämpfe von jüdischer Seite besitzen wir in Simon Bernfelds „Daath Elohim" (Warschau 1897). Der unverkennbare Einfluß der jüdischen Ideenwelt auf die ethische Kulturbewegung, aber auch auf die Gestaltung der christlichen Weltanschauung im letzten Jahrhundert bis hin zu Albert Kalthoff füllt ein noch ungeschriebenes Kapitel der Neuzeitgeschichte des Judentums. Bedeutsam ist Nippolds Geständnis (I, 403): „In dem ununterbrochenen Wachstum der jüdischen Ideenwelt liegt ein überaus scharfes Gericht über das christliche Kirchentum überhaupt." Es gehört zu bett fables convenues, daß die Juden ihre Emanzipation der französischen Revolution zu verdanken

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