Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- Seite 54 (sequence 8)
- Language
- German
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Selbst der ungebildetste Jude läßt seinen Sohn „studieren". Die dadurch entstehende geistige Inkongruenz zwischen Vater und Sohn macht sich besonders im religiösen Leben fühlbar. Der Vater, der seinem Kinde geistig nichts zu bieten vermag, muß es seinem eigenen Entwickelungsgange überlassen. In der Schule wird wohl dem jüdischen Knaben etwas blutlose Religionslehre gegeben, auch etwas Ethik, aber zumeist so ungenügend, daß sie nur zu bald dem Gedächtnisse entschwinden, und der Schüler zur Universität oder ins Leben geht, ohne im Besitze eines geistig-religiösen Judentums zu sein. Die Folge ist die schon erwähnte. Er, der das Gesetz längst über Bord geworfen hat, der es vielleicht nicht einmal im Elternhause vor sich gesehen, das sonst vom Judentume nichts weiß, hat nur wenig Widerstandskraft und geht schließlich verloren. Der Weg, der betreten werden muß, um die Zustände unter den gebildeten Juden zu bessern, ist damit vorgezeichnet: die jüdische Religionsphilosophie und die jüdische Ethik. Wie Saadja, Bachja ibn Pakuda, Jehuda Halevi, Maimuni die Juden ihrer Zeit vor dem Islam schützten, so müssen moderne jüdische Religionsphilosophen das heutige Judentum vom Abfall retten. Selbst der atheistische Jude muß genau wissen, daß der Unterschied der jüdischen Religionsphilosophie von der christlichen, die verschiedene Welt- und Lebensauffassung den Uebertritt zu einer seelischen Umwälzung mache, die ganz entschieden, wenn sie nicht Ueberzeugung ist, einen Treubruch in sich schließt, einen Treubruch schlimmster Art. Gewiß, der Abfall. wird damit nicht aufhören, aber verringert wird er zweifellos. Vor allem wird die jüdische Religionsphilosophie den gebildeten Juden, die Juden bleiben wollen, festen Halt geben. Wäre die jüdische Religions- Philosophie vor Eintritt der Juden in das allgemeine Kulturleben in den jüdischen Familien zu Hause gewesen, wie sie es einst in der spanisch-jüdischen Epoche war, es wäre niemals zu jener fürchterlichen Zersetzung gekommen, die wir heute zu beklagen haben. Auch nicht zu jener Verunstaltung des Judentums durch den Totenkultus, über ben sich Obermeyer mit gutem Recht so bitterböse ausläßt. Denn trotz der Uebertreibung, die er sich zuschulden kommen läßt, muß man ihm - in der Sache selbst beipflichten: tausenden und abertausenden Juden, nicht nur modernen, sondern auch hochorthodoxen, sind Kaddisch und Maskir das Höchste am Judentum. Es ist nicht wahr, daß die Rabbiner diese falsche Pietät gefördert hätten; es gibt keinen Rabbiner, der mit ihr einverstanden wäre. Aber gegen die Macht der Unwissenheit richtet das Wissen des Einzelnen nichts aus. Das Wissen, ich meine das religionsphilosophische, muß in die Menge hineingetragen werden, dann kann es besser werden. Eine religionsphilosophische Durchdringung des Judentums, eine jüdische Theologie würde aber auch einen Satz nicht dulden, den Herr Obermeyer mit kühnem Selbstbewußtsein in die Welt hinausposaunt: „Das Judentum ist kein „Glaube", keine Religion im üblichen Sinne des Wortes, das Judentum ist Wissenschaft" (S. 41). Ein Königreich dem, der mir das erklärt! Wie das Griechentum durch die Übersetzung des Wortes min mit Gesetz dem Judentume geradezu zum Verhängnis geworden ist, so unermeßlich ist auch der Schaden, den die Mißdeutung des Wortes fliH Wissen angerichtet hat. Auch der Prophet forderte „Wissen", aber ein Wissen von Gottes Allmacht und Gnade, ein inneres, von der Menschenseele erlebtes Wissen, nicht Wissenschaft, nicht Pilpul. Was soll denn das heißen, das Judentum wäre keine Religion, sondern eine Wissenschaft? Wenn dem so wäre, dann weiß ich, beim Himmel, andere Wissenschaften, die mehr und segensreicher sind. Ist Judentum keine Religion, warum nicht übertreten zum Christentum, das nur Religion ist? Man sieht, wie gefährlich solche ruhig hingeworfene Deduktionen werden können. Judentum — ich spreche hier nicht von der Jüdenheit — ist nur Religion. Unter Judentum versiehe ich das Verhältnis des Menschen zu Gott, die Auffassung von Gott und die Art der Gottesverehrung, den Kultus also, wie sich das alles im jüdischen Volke entwickelt hat. Die Identifizierung des Kultus mit der Religionsidee im Judentum oder gar seine Höherftellung hat das Judentum in jene schiefe Stellung gebracht, in der es sich befindet, und wenn es nach dem Wunsch Obermeyers ginge, daß der Kultus seine dominierende Stellung beibehalten müsse, dann wird es mit uns, ohne Goluth, immer mehr und mehr abwärts gehen. Davor kann uns eben nur eine jüdische Theologie und Religionsphilosophie behüten. Die Rabbiner selbst müssen mit allem Eifer diesen. Studien obliegen; in den Seminarien muß darauf das größte Gewicht gelegt werden; eine genaue Kenntnis der Religionsideen und der ethischen Gedanken der Propheten, des Talmuds, des Midrasch, der mittelalterlichen jüdischen Gelehrten muß der Rabbiner besitzen, um mit diesem Rüstzeug einzudringen in das Studium der Philosophie unseres Zeitalters und den höheren Kreisen Belehrung geben zu können. Besonders sind die Logen und Literaturvereine der rechte Boden für diesen Unterricht. Sicher, man kann nicht ununterbrochen über Theologie und religionsgeschichtliche Themata sprechen, aber einen integrierenden Bestandteil der Vorträge und Diskussionen müßten sie unbedingt bilden. Gelingt es, die geistig höher stehenden Elemente zu retten und für das Judentum zu interessieren, um die Masse haben wir uns nicht zu sorgen. Wenn auch diese religiös zu verwildern beginnt, ist nicht zuletzt das Beispiel der Intelligenz daran schuld. Die Geringschätzung, mit welcher diese dem Judentum heute begegnet, wirkt verheerend auf die Menge. Wird einmal der Arzt, der Rechtsanwalt, der Professor seiner Religion Liebe entgegenbringen, so wird sie bald auch der Menge wieder eigen werden. Anderseits muß unser Streben dahin gehen, einen Teil des häuslichen Kultus zu retten und für den entfallenen Ersatz zu schaffen durch Vertiefung und Verschönerung des synagogalen Kultus an Sabbaten und Festtagen. Herr Obermeyer. weiß nicht Steine genug zu werfen auf den sogenannten Reformgottesdienst. „Die Reformsynagoge ist ein Scheintempel, ohne einigenden nationalen Charakter, darin ein Kultus ohne religiöse Würde und Herzensinnigkeit; ein falscher Tempel, in dem sich statt der Leviten Operettensängerinnen hören lassen, der statt von zart vibrierenden, die Gebete diskret begleitenden Harfen- und Lautenklängen von rauschender Orgelmusik erfüllt ist, welche die Gebete übertönt" (S. 12). „In den Synagogen dieser Neujuden tritt das pomphafte Aeußere, der pathosreiche Vortrag hervor, was das Auge zwar blendet, das Ohr fasziniert, aber das Herz, das Hauptorgan der Gottesverehrung, kalt läßt" (S. 48). Ich möchte nur gern wissen, ob etwa der wüste Lärm/ das Schreien, die Unordnung, das lümmelhafte Betragen in den alten Synagogen den „einigenden nationalen Charakter" ausmachten, oder nicht das hebräische Gebet, Thoravorlesung und Belehrung? Und was die Andacht anlangt, ist diese etwas so rein Individuelles, daß der eine über die Andacht des zweiten gar nicht sprechen dürste.