Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- Seite 53 (sequence 7)
- Language
- German
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Partei berichtete dem Präsidenten, er hätte noch nie eine so tiefgehende Erbitterung unter den Wählern gesehen, wie die jetzige unter den jüdischen Wählern. Der Unwille über das Verhalten Tafts in Petersburg sei so groß, daß die Kandidatur des Kriegsministers in New Pork und vielleicht auch im ganzen Lande stark gefährdet erscheine. Der Präsident sei förmlich erschrocken und habe seinen Berichterstatter gefragt, was dazu tunsei. Ein anderer republikanischer Parteiführer berichtete von einer Besprechung der Vertreter aller jüdischen Gesellschaftsklassen, in welcher diese Erbitterung gegen Taft ebenfalls in recht unzweideutiger Weise zum Ausdruck gekommen sei. Selbst die Zusage der Freunde Tafts, daß dieser im Falle seiner Wahl zum Präsidenten einen Juden in sein Kabinett ernennen werde, blieb ohne jede Wirkung. Nun soll, wie ein anderes amerikanisches Blatt meldet, Roosevelt selbst den Versuch unternehmen, die aufgeregten Gemüter im New Yorker East-End zu .beruhigen, denn der gegenwärtige Präsident weiß ganz gut, daß die Juden New Porks nicht nur für die Abstimmung in New Hork selbst, sondern in einem großen Teile des Landes ausschlaggebend sind. Taft selbst, der im Rufe eines unbedingt liberalen Menschen und edlen Charakters steht, soll der New Iorker „Times" zufolge geäußert haben, er begreife wohl die Erbitterung der Juden gegen den Zaren, doch begreife er nicht, lvie sie es ihm übelnehmen können^ daß er als Abgesandter Amerikas bei einem fremden Hofe einen Akt der Höflichkeit begangen. Die „Jewish Colonisation Association“ sendet uns neuere Mitteilungen über die Juden in Kanada. Herr Dr. Sonnenfeld hat jüngst eine Inspektions- und Studienreise durch Kanada gemacht. In seinem Bericht darüber gibt er folgende Einzelheiten: Die jüdische Bevölkerung in Kanada wird ungefähr aus 60000 Seelen geschätzt, von denen 30000 in Montreal, 8—10000 in Torouts, 6—7000 in Winnipeg wohnen. Der Nest ist zerstreut in den übrigen Städten und Dörfern. Die Hirsch-Kolonie, begründet 1892, umfaßt gegenwärtig 41 Familien mit 11040 Morgen Land; der lebende Viehbestand beträgt 211 Pferde und 213 Stück Hornvieh. Die Kolonie „tzn'Appelle", 1899 begründet, besteht aus 153 Pächtern, welche im ganzen 24 617 Morgen Land besitzen; sie haben 274 Pferde und 693 Ochsen. Eine andere Vereinigung von jüdisch-russischen Ackerbauern, genannt die Gruppe Bender, hat sich freiwillig in derselben Provinz gebildet, sie besteht aus 24 Familien. Endlich hat sich in der Umgegend von Winnipeg eine Vereinigung von 300 kleinen jüdischen Farmern angesiedelt, Besitzer oder Pächter, von denen jeder 20 bis 30 Morgen Acker besitzt, welche Hülsenfrüchte, Milch und Butter nach der Stadt liefern. Diesen Kolonien wurde ihre Ernte infolge Hagels und Frostes vernichtet. Der Ausschuß der „Jewish Colonisation Association" hat deshalb in seiner letzten Sitzung beschlossen, die nötigen Summen zur Aushilfe der Kolonien zu gewähren. (Vgl. übrigens auch Kanada unter Nah und-Fern!) Modernes Judentum. Von Dr. I. Ziegler-Karlsbad. II. Ä^ie Wandlung, im religiösen Leben der modernen Judenheit ist also eine großenteils unbewußt vollzogene Zwangsreform, hervorgerufen durch die bürgerliche Gleichberechtigung, aber nicht eine kirchliche, von Theologen geschaffene. Wie stellt sich der moderne, ebenso wie der Laie, unter dem Einflüsse des Kulturlebens stehende Rabbiner zu dieser ohne seinen Willen entstandenen Reform? Innerlich viel sympathischer als öffentlich. Ein Teil der modernen Rabbiner glaubt nicht an die buchstäbliche Göttlichkeit der Bibel, noch weniger an die des Traditionsgesetzes; viele von ihnen sind auch überzeugt von der Unhaltbarkeit des Zeremonialgesetzes, manche auch von seiner religiösen.Minderwertigkeit, ja auch davon, daß es die Größe unserer Religion und ihren Universalismüs verdunkelt. Wenn diese Rabbiner dennoch schweigen und sich sträuben, die Selbstreform der Gemeindemitglieder gutzuheißen, geschieht es nicht, weil dieselben Gemeindemitglieder, die sich vom Gesetze befreit haben, empört wären, täte ihr Rabbiner dasselbe, auch nicht aus Heuchelei oder materiellen Rücksichten, sondern einerseits, um die Einheit des Judentums durch ihr placet nicht zu zertrümmern, anderseits, weil sie sich der Erkenntnis nicht entschlagen können, daß, momentan wenigstens, die Loslösung vom Gesetze tatsächlich für viele Juden den ersten Schritt zum Abfall bedeute. Ueber diese Wahrheit kommen wir nicht hinweg. Ein gesetzestreuer Jude wird sich niemals taufen lassen; seine Kinder, die das Gesetz zwar nicht mehr beobachten, aber an die alten Sitten noch mit ein er. gewissen Herzlichkeit sich erinnern, werden nicht so leicht dem Judentums den Rücken kehren. Die Kinder dieser Kinder jedoch treten skrupellos zur herrschenden Kirche über, in dem Moment, in welchem ihr Charakter leichtblütig den falschen Schwur auf sich nimmt. Die Konsequenz wäre sonach: zurück mit aller Macht zum Traditionsgesetz! Das Kulturleben ist aber stärker gls der religiöse Selbsterhaltungstrieb. Predigte der Rabbiner mit Engelszungen zugunsten des Zeremonialgesetzes, er spräche zu tauben Ohren; die Abbröcklung vollzieht sich ohne und gegen sein Hinzutun. Was ist da zu tun? Herr Obermeyer hat gut sagen: „Festhalten am Ritus der Väter!" Ich kenne Herrn Obermeyer nicht, weiß nicht, ob er Kinder hat. Wenn ja, möchte ich ihn fragen, ob er dies Festhalten am Ritus der Väter bei seinen Kindern und deren Familien so durchgesetzt hat, wie es ihm lieb wäre? Es ist ja möglich. Daß die wenigsten frommen Eltern dazu fähig sind, ist eine alte Erfahrungssache. Es muß daher nach einem anderen Mittel gesucht werden, das eine dem Traditionsgesetz ähnliche Wirkung ausübt, ein Mittel, das selbst dem gesetzesfreien Juden die Treue zum Judentums so nachhaltig einimpfe, daß der Abfall der modernen Juden nicht zur Tagesordnung, sondern zu den allgemein verpönten Ausnahmen gehöre. Wer mit Abtrünnigen in regerem Verkehre steht, weiß zu berichten, daß diese Renegaten beinahe wie auf Verabredung immer dieselbe gleichlautende Erklärung ihres Uebertrittes abgeben: „Jude bin ich nicht mehr, warum soll ich mir oder meinem Kinde die Zukunft verbittern, das Fortkommen erschweren!" Wie kommt der Mann dazu, von sich zu sagen: „Jude bin ich nicht mehr?" Sicherlich geht er von der Ansicht aus, daß Judentum und Traditionsgesetz sich decken, daß er daher mit der Nichtbeobachtung des Gesetzes das Judentum negiere. Vom Nichtjuden zum Christen ist dann ein Schritt, der, so glaubt er, nichts Unwürdiges an sich habe. Ich spreche hier natürlich nicht von jener niederen Schicht unter den Juden, die zumeist die Ehe zum Uebertritt führt, sondern von jenen geistig höher stehenden Juden, denen die sogenannte. „Karriere" versperrt bleibt, oder die der Gesellschaftskreis, in dem sie sich bewegen, die Taufe nahelegt. Wie der Abtrünnige zu diesem Schluffe kommt, ist gut darzulegen. Nirgend als bei dem Juden ist das sittlich, gewiß nur schätzenswerte Streben so groß, aus geistig niederen Verhältnissen in höhere zu kommen.