Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- Seite 52 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Aussicht, daß der Kongreß in naher Zukunst einberusen wird, wenn nicht die Orthodoxie doch noch die Sache hintertreibt. Der Erlaß des Ministers ist jedenfalls die wichtigste Aeußerung, die seit 35 Jahren in der Sache der ungarischen Judenheit von oben erstoffen ist. Es ist nur zu wünschen, daß bei der Verwirklichung der Intentionen des Ministers alle Fragen, die die Juden trennen, ausgeschaltet werden, damit es gelinge, eine für die gesamte ungarische Judenheit gemeinsame einheitliche Organisation ins Leben zu rufen. $ Aus Rußlan d kommen nach wie vor die widersprechendsten Nachrichten. Nach einem Bericht ist der berüchtigte Vorsitzende des Odesfaer Verbandes der Echtrussischen Leute, Graf Konownitzin, vom Zaren in Audienz empfangen worden, dem er über die Tätigkeit des Verbandes Bericht erstattete. Der Zar billigte die Arbeit der Echtrussischen Leute durchaus. Wahrscheinlich werden nun die in den Pogromprozessen Verurteilten bald begnadigt werden. Anderseits meldet ein Telegramm des „Hilfsvereins der deutschen Juden" aus Odessa: Mittwoch abend begingen die „Echtrussischen Leute" wiederum Gewalttaten. Eine Bande von etwa 20 Mann überfiel im Zentrmn der Stadt ein jüdisches Restaurant, schlug dort die Fenster ein und mißhandelte einen greisen Juden sehr schwer. Nachdem sie durch ihre Untaten eine außerordentliche Panik hervorgerufen hatten, verschwanden sie. Später tauchte eine andere Bande auf dem Platze vordem Hauptpolizeigebäude auf. Diese verprügelte alle vorübergehenden Inden. Schließlich trat die Polizei dazwischen und verhaftete vier halbwüchsige Burschen. Kürzlich war gemeldet worden, daß der Zar dem neuen Generalgouverneur von Odessa, Tolmaschew, den Befehl ge- - geben habe, die Ruhe in Odessa aufrecht zu erhalten. Diesen Befehl übermittelte Tolmaschew in förmlicher Weise den Verbändlern. Die jüngsten Vorgänge zeigen, wie die Echtrnssischen Leute gewillt sind, diesem Befehle des Zaren nachzukommen. Unter diesen Umständen muß man es wahrlich nicht gering anschlagen, daß die russischen Juden selbst ihre Verteidigung in die Hand nehmen. So hat die jüdische Gemeinde zu Moskau in der vorigen Woche folgenden Ausruf verbreitet: „Angesichts des Unrechtes und der Beleidigungen, der Verfolgungen und Beschimpfungen, welchen die Inden skrupellos ausgefetzt werden, kann die russische Gesellschaft nicht länger gleichgültig bleiben. Es ist schon längst an der Zeit, den giftigen Ausstreuungen der Lüge die ungeschminkte Wahrheit als Zeugen gegenüberzustellen. Es ist schon längst an der Zeit, das verbrecherische Schüren des Volkshasses durch den Ruf nach allgemeiner menschlicher Brüderlichkeit und nach Frieden 31t übertönen. Es ist die hehre Bürgerspflicht des einsichtsvollen Teiles der russischen Gesellschaft, der gemeinen Verleumdung den Stachel zu entreißen, den von Vorurteilen blind Gewordenen die Augen zu öffnen und die auf dem Scheidewege Schwankenden zum guten zu neigen! Die russische Gesellschaft, wird vor der Welt, vor dem Nichterstuhle der Geschichte verantwortlich seinfür alles das, was sie Gutes oder Schlechtes bewirkt hat, und damit sie nicht belastet werde mit dem Vorwürfe der schmachvollen Gleichgültigkeit für die Rechtlosigkeit und die Leiden der sechs Millionen russischer Juden, damit sie nicht in die peinliche Lage komme, gegenüber der Anklage der Duldung und der Sympathie für die an dem ganzen Volke der Juden verübten Missetaten vor Scham zu erröten, muß sie ohne Verzug, so lange es noch nicht zu spät ist, in den Kampf treten mit dem gefährlichsten Feinde, der größten Schmach der Neuzeit — dem Antisemitismus. Darum wendet sich der vor kurzem ins Leben gerufene „Verein zur Verbreitung wahrheitsgetreuer Kenntnisse über die Juden und das Judentum" an alle jene, die von einem Rußland der Zukunft wie von einer Mutter träumen, welche an ihrer Brust alle ihre Lande bewohnenden Völkerschaften eine Zukunft bietet, an alle'jene, welche die Ehre und die Würde ihres Vaterlandes in der Besiegung des Barbarentums, in .seinen Erfolgen im Dienste der allgemeinen menschlichen Ideale erblicken, an alle jene, welche den Begriff des Patriotismus nicht mit dem der nationalen Selbstsucht verwechseln und für welche die Menschheit der ganzen Welt nicht umfaßt erscheint^durch den kleinen Kreis ihrer eigenen Stammes- und Glaubensgenossen;, ihnen allen ruft -er Verein zu: Es ist hoch an der Zeit, Wandel zu schaffen. Denn die entfesselten Leidenschaften des nationalen Hasses greifen immer mehr und mehr um sich; sie feiern stets wildere Orgien, und jeder Tag. ja jede Stunde, der Verzögerung droht den Juden mit neuem Unglück, welches Rußland jedesmal einen Schritt nach rückwärts drängt. Es wird die Aufgabe des Vereins sein, einen Mittelpunkt für einen organisierten, planmäßigen Kampf mit dem Antisemitismus. Tribünen für Redner, Vortragende und Publizisten zum Zwecke einer energischen und weitverbreiteten Agitation in der Oeffentlichkeit und in der Presse zu schaffen; eine Lücke in der vorhandenen Literatur durch die Verbreitung von Tatsachen, welche die faktische Lage des jüdischen Volkes beleuchten, auszufüllen; endlich Material für. die Regelung der Judenfrage vorzubereiten, welches der Gesetzgebung als Unterlage soll dienen können — das sind in ganz allgemeinen Zügen die Ziele, welche der Verein anstrebt und an deren Verwirklichung er ohne Verzug schreitet, indem er hierbei von seiten des einsichtigen Rußland sympathische Mitwirkung, persönliche und materielle Förderung erwartet. Der Verein erhofft aus solchem Zusammenwirken die Kraft, welche er benötigt zur Erreichung seines Zieles — der Gesundung der öffentlichen Meinung — und er rust nunmehr jeden, welcher ein fühlendes Herz hat und in dem das Gewissen sich noch zu regen vermag, in seine Reihen!" * Nach den großen Aufregungen, die durch die amerikanische Finanzkrisis hervorgerufen wurden, kommen jetzt die Aufregungen der Präsidentenwahl. Im Vordergründe steht die Kandidatur des gegenwärtigen Kriegsministers Taft, der auf republikanischem Programm kandidiert und die Protektion Roosevelts genießt. Unter normalen Verhältnissen wäre Taft der Stimmen des größten Teiles der Juden sicher gewesen. Da kam aber die diplomatische Weltreise Tafts dazwischen. Nachdem Taft dem Kaiser von Japan einen Besuch abgestaltet hatte, machte er mich in Petersburg einen Abstecher. Dagegen war nichts einzuwenden. Daß aber der amerikanische Minister bei dem Lunch, das nach einer Militärparade ihm zu Ehren gegeben wurdet einen Trinkspruch auf die Gesundheit und das Wohlergehen des Zaren ausbrachte und auch nicht die leiseste Andeutung auf die greulichen Massakers und ihre Opfer machte, trotzdem man auf Grund vorangegangener Zeitungsnachrichten auf eine, wenn auch nur äußerst vorsichtige, Intervention in dieser Richtung rechnete, das können ihm die amerikanischen Juden nicht verzeihen, und besonders in New Tjork macht sich eine Bewegung bemerkbar, die daraus ausgeht, Taft die jüdischen Stimmen abzuwenden. Diese Mißstimmung im jüdischen Viertel New Horks ist eine so tiefgehende, daß die jüdischen Führer der republikanischen .Partei und intime Freunde Roosevelts und Tafts diesem vor einigen Tagen die Eröffnung machen mußten, daß in der jüdischen Bevölkerung New Horks eine große Erbitterung herrsche gegen Taft, der auf die Gesundheit eines Mannes trank, den jeder Jude als seinen eigenen Unterdrücker betrachten muffe. Die jüngsten Nachrichten über die Vertreibung der Juden aus Wladiwostok haben die Erregung natürlich noch gesteigert. Interessant ist, was der „New LjorkHerald" über die Aussichten Tafts infolge dieser Erregung unter den Juden berichtet. Ein hervorragender Führer der New Horker republikanischen üittü