Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- Seite 51 (sequence 5)
- Language
- German
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als der jugendliche Trotz, der sich gegen die Beschimpfung und den Höhn des Feindes aufbäumte? Jeder Chauvinismus erzeugt eine Gegenströmung, und die zionistische Jugend antwortet auf den deutschen Chauvinismus mit einem jüdischen Chauvinismus. Das ist ungesund, aber begreiflich. Es ist schon oft in der Geschichte vorgekommen, daß eine Menschenklasse den ihr entgegengeschleuderten Schimpf aus Trotz und männlichem Stolz zu einem Ruhmestitel erhoben hat. Unterall den deutschen Zionisten sind noch keine 20, die jüdischnational - fühlen und denken. Es ist eine durch den Antisemitismus erzeugte Verbitterung, die sich zu einer unklaren Weltanschauung verdichtet hat. Der Jude ist durch sein lebhaftes Temperament besonders auf Geselligkeit angewiesen, er ist der Typus des aristotelischen Zoonpolitikon. Er sehnt sich mit glühendem Herzen nach dem Verkehr mit gleichgesinnten Männern, und wenn er diesen Verkehr nicht unter Christen findet, dann kehrt er zurück zu seinem eigenen Kreise und sucht Anschluß in den jüdischen Reihen. Früher im Ghetto genügte ihm dieser enge Kreis und er schöpfte hier seine Anregung und fand hier die nötige Anerkennung. Heute genügt diese kleine Welt dem Juden durchaus nicht mehr, und er sehnt sich danach, in der großen Welt zu leben und zu wirken, an allem Großen und Schönen teilzunehmen und auch gesellschaftlich als gleichberechtigtes Element angesehen zu werden. Aber immer wieder wird er zurückgestoßen, immer wieder wird er sanft aber deutlich an sein altes Ghetto erinnert, und verbittert kehrt er heim. Im Herzen eines jeden fein veranlagten Juden spielt sich eine Tragödie ab, die Tragödie seiner Geschichte, und er trägt mit sich das Leid seiner Gesamtheit. Das ist die Frucht dieses Salonantisemitismus. Und die Folgen sind keine erfreulichen. Der eine läuft ohne Ueberzeugung zum Taufbecken, um unterzutauchen, der andere erzwingt sich durch Orden und Titel den Eintritt in die besten Kreise und spielt darin oft eine tragikomische Figur und der dritte träumt von einem Judenstaate. Soll dieses Elend bis in alle Ewigkeiten fortdauernd Kann ein vernünftiger Politiker, ein wirklicher Freund des Vaterlandes das wünschen? Nein, das Bestreben einer gesunden Volkspolitik muß dahin gehen, hier Wandel zu schaffen und alle Vorurteile einer finsteren Zeit zu bekämpfen. Die gleichen Bürgerrechte haben sich die Juden selbst erkämpft, ihren Eintritt in die Kultur haben sie sich selbst errungen, die gesellschaftliche Gleichheit aber kann ihnen nur eine gesunde Aufklärung bringen. Die Voraussetzung einer jeden sozialen Versöhnung ist das gegenseitige Verständnis. Woher soll aber hier das so notwendige Verständnis kommen, wenn man die Juden immer wieder abstoßt? Keine Bevölkerung in Deutschland leidet so sehr unter der kulturellen Entfremdung , wie die jüdische. Gerade die veredelnde Geselligkeit, der Verkehr in der Familie, wo das Gemütsleben sich entfaltet, ist das erziehliche Milieu, die Stätte der ausgleichenden, versöhnenden Kultur. Die moderne Menschheit hat mit allen Vorurteilen des Mittelalters gebrochen, es ist Zeit, daß endlich auch das Vorurteil gegen die Juden schwindet und einer "gerechten Beurteilung Platz macht. Die gesunde Erkenntnis muß all die Atavismen einer finsteren Zeit bekämpfen, all die Rudimente eines barbarischen Zeitalters beseitigen und freie Bahn für die Entfaltung des ethischen Menschentums schaffen. Man säe Liebe, und man wird Dank ernten. 51 Sir Woche. Berlin, 28. Januar, ie Blockpolitik macht eigentümliche Sprünge. Jede Partei fordert von der anderen ein Eingehen auf deren Wünsche oder ein Zurückhalten der eigenen, keine aber kommt dieser Forderung selbst nach. Das kann man auch an der Art und Weise beurteilen, wie die Juden im Reichstag wegkommen. Während die Gegner nicht den geringsten Anstand nehmen, nach wie vor zu hetzen, schweigen sich die „guten Freunde" in einer Weise aus, die geradezu lächerlich ist. So hat auch am Dienstag niemand auf die mehr als gehässigen Anzapfungen des konservativen Ostelbiers Kreth zu antworten für notwendig befunden. Im Gegensätze hierzu scheinen die Antisemiten allen Ernstes die Auffassung zu vertreten, daß im Zeichen der Blockpolitik ihre Besitzstände sakrosankt seien, während sie selber natürlich das Recht haben, in den Jagdgebieten anderer Parteien nach Herzenslust zu pürschen. Die Vertrauensmänner der Liberalen Vereinigung der drei Reichstagswahlkreise Dresden-Neustadt, Bautzen-Kamenz und Riesa-Großenhain haben kürzlich eine umfassende organisatorische und agitatorische Arbeit in diesen Wahlkreisen beschlossen. Dieser Beschluß 'hat die „Deutsche Reform", das Organ des Abgeordneten Zimmermann, in gelinde Raserei versetzt; das Blatt schreibt also: „Noch interessanter ist uns der Pferdefuß, den die Liberale Vereinigung heraussteckt. Welche Absichten sie beseelen, beweist die Tatsache, daß die edle judenfürchtige Vereinigung sich zwei Kreise herausgesucht hat. die reformerisch vertreten sind, während in dem dritten lDresden-Neustadt) der Reformer gegenüber dem Sozialdemokraten die meisten Stimmen bei der letzten Reichstagswahl erhielten. Wir heißen die Freunde vom Blocksberge herzlich willkommen. Keinen größeren Gefallen können uns die Söldlinge der Judenbörse erweisen, als offen ihre geheimen Absichten zu verraten. Dagegen gibt es nur eine ehrliche grobe Losung: Hinaus mit den Berliner Judenknechten aus Sachsen! Pfui über den Deutschen, der sich zur Rolle ihres Bedienten entwürdigt!" So wird den Freisinnigen die aktive und passive Unterstützung, die sie bei den Stichwahlen den Antisemiten leider geleistet haben, noch nachträglich gelohnt. « In Ungarn soll nun doch wieder ein jüdischer Landeskongreß zustande kommen. Der Kultusminister hat an die Diftriktspräsidenten folgenden Erlaß gerichtet: „Da ich mich mit der Regelung der Angelegenheiten der vaterländischen Judenschaft eingehend beschäftige, fordere ich zum Zwecke der Sicherung des erwünschten Erfolges die israelitische Landeskanzlei auf, die notwendigen Verfügungen in der Hinsicht zu treffen, daß die Versammlung der israelitischen Distriktspräsidenten in einer mir^ dringlich zu erstattenden Unterbreitung ein Gutachten darüber abgebe, welche Verfügungen und welches Vorgehen sie für zweckdienlich erachtet, damit ein allgemeiner israelitischer Kongreß einberufen werden könne, welcher berufen wäre, über die Schaffung einer einheitlichen Organisation der israelitischen Konfession zu verhandeln. Budapest, 16. Januar 1908. Apponyi." Da der Minister verlangt, daß die. israelitischen Distriktspräsidenten ihm einen Vorschlag bezüglich der Einberufung des israelitischen Landeskongresses erstatten sollen, bekundet er, daß er sich an die Beschlüsse des 1868 er Kongresses hält. Indem der Minister ferner in seinem Erlasse von einer einheitlichen Organisation spricht, zeigt er, daß er den seither geschaffenen Gesetzen Nachkommen will, welche nur eine rezipierte israelitische Konfession kennen. Da endlich der Minister eine dringliche Unterbreitung verlangt, darf man annehmen, daß er nicht die Absicht habe, die Sache zu verzögern. Es ist also