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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-01-31 · Heft 5 (31.1.1908) · p. Seite 50

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 5 (31.1.1908)
Date
1908-01-31
Page
Seite 50 (sequence 4)
Language
German
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Einzelne Erscheinungen. des öffentlichen Lebens beleuchten oft wie elektrische Scheinwerfer unsere Zeitkrankheiten und zeigen uns die Widersprüche des Daseins. Vor kurzem ist, wie wir schon erwähnt haben, ein jüdischer Bürger- Wegen Beleidigung eines Richters zu einer relativ hohen Geldstrafe verurteilt worden. Dieser Richter hatte als Neichstagskandidat die öffentliche Erklärung abgegeben, daß er Gegner des Antisemitismus sei,, daß er die Juden als gleiche Bürger betrachte und stets für die praktische Durchführung ihrer gleichen Rechte eintreten werde. Später war derselbe Herr in einem geselligen Verein, dessen Präsident er ist, gegen die Aufnahme eines jüdischen Mitgliedes, und zwar zugegebener-, maßen nur wegen der Zugehörigkeit zum Judentum, da sonst gegen diesen angesehenen und geachteten Mann absolut nichts vorlag. Der Jude konnte die öffentliche Erklärung nicht mit der praktischen Handlung in Einklang bringen, er äußerte sich in einen: Briefe über diesen Zwiespalt der Natur und — er wurde wegen Beleidigung verurteilt. Dieser Prozeß, der nachaußen hin wenig interessante Momente bot, ist psychologisch von eminenter Bedeutung. Der Richter erklärte, er gönne den Juden alle politischen Rechte und alle Staatsämter, halte es aber für richtiger, wenn ihnen die christlichen gesellschaftlichen Kreise verschlossen bleiben. Es ist gar kein Zweifel, daß er subjektiv im Rechte ist, daß das hier entwickelte System seine innerste, ehrlichste Ueberzeugung ist, -und daß er selbst sich des Widerspruchs in seiner Stellung zur Judenfrage nicht bewußt wurde. Gewiß, er ist kein politischer Antisemit und sein gesellschaftliches. Leben, — so kalkuliert er — gehe die Oeffentlichkeit nichts an. Und doch ist, philosophisch gedacht, seine Weltanschauung voller Widersprüche und' seine Ansicht über die Juden hält vor dem Forum der reinen Vernunft nicht stand. Wer den Juden alle politischen Rechte und alle Aemter im Staate gern einräumt, der muß sie für gute Deutsche und gute Menschen halten, muß weder ihre Abstammung noch ihre Religion als Makel oder gar als Gefahr erachten. Er hat also auch nicht das Recht, sich gesellschaftlich von ihnen zu -trennen, und er handelt inkonsequent, wenn er durch sein Beispiel dazu beiträgt, eine künstliche Scheidewand zwischen Juden und Christen zu errichten. Gewiß, er hat nicht die Pflicht, mit allen Juden zu verkehren, er darf sich seinen Kreis nach Bildung, innerer Neigung, Erziehung und Geschmack wählen. Das ist' ein Recht, das man niemand bestreiten wird.- Aber er hat nicht das Recht, einen Mann, gegen den nach eigenem Geständnis nichts.vorliegt, nur. darum zurückzuweisen, weil er Jude ist. Das ist unbewußter Widerspruch. Daß Tausende so denken, ändert an der Sache nichts. Die Wahrheit bleibt Wahrheit, wenn sie sich auch in der Minorität befindet und tatsächlich im Lause der Geschichte stets befunden hat. Die Logik ist nicht, das Gesetz, wie die meisten Menschen denken, sondern wie. sie denken sollen. Hier handelt es sich doch vor allem darum, abzuwägen, von welcher eminenten sozialen Bedeutung die Konsequenzen jener oben dargestellten Theorie sein können. Man muß sich doch ernstlich fragen,, von welcher Tragweite die Trennung zwischen jüdischen und christlichen Bürgern in einem Zeitalter höchster Kulturblüte sein könne. Kann es ein erstrebenswerter Zustand sein, eine Bevölkeruugsklasse, die seit Jahrhunderten auf deutschem Boden lebt, mit tausend Banden an deutsche Kultur und Sitte gebunden ist, für ewig als fremd zu betrachten, weil sie anderer Abstammung ist oder weil sie Gott mit anderem Namen anruft? In letzter Instanz entscheidet doch über die Zugehörigkeit zu einem. Volke und seiner Kultur der eigene Wille. Nun sehnen.sich die Juden Deutschlands ohne Ausnahme danach, als gleiche Glieder am Wohle des Vaterlandes mitzuwirken und die deutsche Kultur zu fördern. Ist es gerecht, oder auch nur vernünftig, ihnen diese Freude wegen veralteter Ansichten und Vorurteile zu verkümmern? Eine solche verkehrte Politik könnte nicht nur für die Juden, sondern auch für Deutschland keine guten Früchte zeitigen, und die Kosten dieses Fehlers würde die Gesamtheit und vor allem die Zukunft tragen. Zu welchem vernünftigen Endziel kann eine solche Taktik führen? Die Juden bilden in Deutschland etwa IV2 Prozent der ganzen Bevölkerung, und es wäre das beschämendste Armutszeugnis, wenn das deutsche Volk diese 600 000 Juden nicht ohne Gefahr für sein Wesen vertragen könnte. Tatsächlich sind die Juden Deutschlands für jeden vernünftigen Menschen in kulturellem und staatswissenschaftlichem Sinne assimiliert und sie bilden in jeder Beziehung einen homogenen Teil des deutschen Volkes. Selbst alle Anfeindungen vermochten es nicht, die deutschen Juden am Deutschtum irre zu machen. Soll nun das beschämende Schauspiel für immer sortdauern, daß man in diesen Deutschen zuerst den Juden sieht und ihnen trotz aller Kultur manche Rechte voreuthält und manche Kreise verschließt? Wer hat Nutzen davon? Deutschland sicherlich nicht. Wir kämpfen seit Jahrzehnten, um die sich sträubenden Elsaß-Lothringer, Polen und Dänen mit Gewalt zu Deutschen zu machen und wir wenden alle möglichen Mittel an. um dieses ersehnte Ziel zu erreichen. Ja, jeder Deutsche wäre glücklich, wenn diese Elemente sich endlich zum Deutschtum bekennen würden. Hier ist nun eine kleine Bevölkerung, die seit Jahrhunderten deutsch fühlt und deutsch denkt und die keine höhere Sehnsucht kennt,, als vollständig als deutscher Teil anerkannt zu werden. Und was tun viele Politiker? Sie versagen ihnen auf die eine oder andere Weise das Deutschtum, verderben ihnen die Freude am Vaterlande und werden nicht müde, ihnen zuzurufen: „Juden seid ihr und Juden bleibt ihr!" Ist das nicht das Verkehrteste, was man je in der Politik erlebt hat? Gewiß, der einzelne Politiker vermag nicht viel auszurichten und er kann die Welt nicht -aus den Fugen heben. Aber jeder denkende Mensch trügt eine kleine Welt in sich und er wünscht unbewußt, daß die große Welt draußen sich nach dem Ideal dieser kleinen Innenwelt entwickeln möchte. Dieser Kantsche' kategorische Imperativ entspringt der Tiefe vermenschlichen Natur und bildet die beste Norm der Sittlichkeit. Wie soll es nun werden, wenn alle in Deutschland sich die Gesinnung jenes Amtsrichters zur Maxime machen? Welche Entwicklung kann dann das sogenannte Judenproblem nehmen? Sieht man nicht endlich ein, daß es nur eine Lösung der Judenfrage gibt, in jedem Juden zuerst den Menschen und den Deutschen zu erblicken und sein Judentum als Privatsache, als persönliche Angelegenheit zu betrachten? Alle anderen gewaltsamen Lösungen sind nicht nur ungerecht, sondern auch inkonsequent und unmöglich. Ihr macht den Juden den Vorwurf, daß sie sich.nicht assimilieren wollen, daß sie sich absondern, und — ihr drängt durch eure törichte Taktik die besten Juden in ein neues Ghetto, in ein Ghetto ohne Mauern. Kann es im Interesse irgend einer'Bevölkerungsklasse in Deutschland liegen, in den Herzen der Juden eine Verbitterung zu erzeugen?. Diese Verbitterung aber muß mit Naturnotwendigkeit entstehen, wenn der Jude sieht, daß er in seinen besten Absichten verkannt wird, daß er trotz aller ehrlichen Bemühungen nicht als gleichwertig angesehen wird. Was ist denn der Zionismus in Deutschland anders, als die Verbitterung über erfahrene Unbill,

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