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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-01-31 · Heft 5 (31.1.1908) · page 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 5 (31.1.1908)
Date
1908-01-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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72. Jahrgang. Nr. 5. Allgemeine Berlin, 31. Januar 1908. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpeles. Begründet von Rabbiner D»- Ludwig Philipxson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerasalemerslr. 46/49. Alle Zusendungen ffir Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der .Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße §6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Kolitilchkr und gelrlllchsktlicher flntilrmitismus. Berlin, 27. Januar, s gibt kaum ein zweites Gebiet, aus dem die Begriffe auch mancher Gebildeten so unklar sind, wie das des Antisemitismus. Hier scheint sich alles vereinigt zu haben, um manche Menschen mit einer dicken Nebelschicht zu umgeben, so daß die Sonne der Vernunft gar nicht durchdringen kann- Man lebt hier im Chaos der Gefühle, und manche scheinen sich darin so wohl zu fühlen, daß sie das kritische Denken ganz meiden. Was ist Antisemitismus? Das Wort ist ein Unsinn, denn selbst ein Apostel des Judenhasses, Hentschel, verneint die semitische Nasse. Es gibt heute in Europa keine reinen Semiten, und die hervorragendsten Anthropologen sind der Ansicht, daß die heutigen Juden ebensowenig reine Semiten sind, lvie die heutigen Deutschen reine Germanen darstellen. Es kommt noch hinzu, daß unsere heutigen Antisemiten überhaupt nicht die ganze semitische Nasse bekämpfen wollen, denn sie befassen sich ja nur mit den Juden. Sprechen wir also Deutsch: die heutigen Juden sind Juden, das heißt sie stammen von jüdischen Eltern und bekennen sich zum jüdischen Glauben. Mehr weiß schlechterdings der nüchterne Forscher von ihnen nicht zu sagen. Die Antisemiten sind Judengegner und, ihrer fanatischen, haßerfüllten Kampfesweise nach, Judenfeinde. Aus welchen Motiven heraus hassen sie die Juden? Warum bekämpfen sie sie? Wenn man gewöhnt ist, über ernste Probleme ehrlich nachzudenken und sich über seine Handlungen Rechenschaft abzütegen, dann muß man wohl auf diese Frage Antwort geben können. Der Antiseniitismus antwortet, er hasse die Juden, weil er sie für minderwertig hält, weil er sie, sei es wegen ihrer Abstammung, sei es wegen ihres Glaubensbekenntnisses, nicht für fähig erachtet, an den Gütern der Kultur ehrlichen Anteil zu nehmen und ethisch dieselben Wege zu wandeln, wie die anderen Bürger. Er bekämpfe sie also, weil er in ihnen eine kulturelle und sozial-ethische Gefahr erblickt. Würde diese Voraussetzung zutreffen, dann wäre es wohl berechtigt, sich von den Juden gesellschaftlich abzusondern. Dann wäre - es aber auch konsequent, ihnen keine gleichen Bürgerrechte einzuräumen und ihnen jede politische Mitwirkung zu versagen. Wenn man beim Denken nicht auf halbem Wege stehen bleibt, sondern bemüht ist, seine Gedankenwelt ernst zu nehmen und sein Denken und Handeln in Einklang miteinander zu bringen, dann muß man zu dieser Konsequenz gelangen. Denn die Politik ist doch schließlich kein vom Leben losgelöstes Abstraktum, sondern die Normierung und Leitung des öffentlichen Lebens. Sie kann also nicht in schreiendem Widerspruche zum innern Empfinden stehen. Politische Rechte setzen nicht nur politische Pflichten, sondern ein gleiches Empfinden, eine gleiche Teilnahme am Leben, ein gleiches Mitwirken am Wohle der Gesamtheit voraus. Wären diese Prämissen beiden Juden nicht vorhanden, dann verdienten sie keine Bürgerrechte. Sind sie aber in ihrem Denken und Fühlen gut deutsch und erfüllen freudig ihre Pflichten und bilden nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft, dann ist es ein Unsinn und ein bitteres Unrecht zugleich, sich von ihnen abzusondern und sie durch' allerhand kleinliche Mittel gesellschaftlich zu isolieren. Zu dieser Einsicht müßte man gelangen, wenn man konsequent denken würde. Wir würden dann die reinliche Scheidung im öffentlichen wie im gesellschaftlichen Leben haben. Wir würden nur zwei Sorten von Bürgern besitzen: ehrliche, konsequente Antisemiten aus der einen Seite und ausgesprochene Gegner aller Judenabneigung auf der anderen Seite. Zwischen diesen beiden Lagern führt kein Weg der Verständigung, weil beide aus entgegengesetzten Weltanschauungen stammen und ihrer inneren Natur nach einander bekämpfen müssen. Was wären das für glückliche, klare Verhältnisse, wenn wir so weit wären! Leider aber denken die meisten Menschen nicht konsequent. Ihr Leben ist voller Widersprüche und ihr Denken ist oft von unklaren Gefühlen, von ungesunden Empfindungen und Atavismen nicht frei. Es ist psychologisch interessant, wie die meisten Menschen der Unkultur Konzessionen machen und mit ihren niedrigsten Instinkten paktieren. Sie schämen sich ihrer atavistischen Gefühle, weil sie doch im zwanzigsten Jahrhundert leben und Vernunstsmenschen sind, haben aber nicht den Mut, oft nicht einmal den Willen, ihre ererbten Vorurteile zugunsten der Vernunft aufzugeben. Sie opfern so ihre Ueberzeugung der dunklen Welt der Gefühle. Ja, die Menschen machen nicht nur der Kultur-Konvention Konzessionen, sondern sie handeln mit sich selber, mit ihrem besseren Ich, und sie erhalten sich immer wenigstens ein kleines dunkles Kämmerlein, wo sie der Vernunft keinen Einlaß gewähren. So sind sie oft im öffentlichen Leben ganz anders als im intimen, im Amte anders als in der Familie, im engen Kreise anders als in der großen Gesellschaft. Es bildet sich allmählich in ihrem Inneren ein Dualismus aus, ohne daß sie es merken. So haben wir heute in Deutschland ganze, halbe und Viertel- Antisemiten, politische, literarische und gesellschaftliche Antisemiten, Radau- und Salon-Antisemiten, und die Leute leben mit diesem schreienden Widerspruch, mit dieser furchtbaren Lüge in ihrem Innern, weil sie verlernt haben, nach'Harmonie zu streben und ganze Menschen zu sein.

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