Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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Bergel-Berlin über die Juden im Osten und Westen. — Neue Literaturvereine wurden begründet in Paderborn durch Herrn Lehrer L. HeilbruUn daselbst, und in Dirfchau durch den unermüdlichen Herrn Adolf Bukofzer in Danzig. s. Berlin, 21. Januar. Hier hat vor kurzem eine Vorstandssitzung des Jüdischen Frauenbundes stattgefunden. Der Vorstand sah sich zunächst veranlaßt, zu erklären, daß er seit feiner Begründung auf dem Boden der altjüdischen Ethik steht und seine Bestrebungen und seine Tätigkeit in derselben wurzeln. In den jetzt im Wortlaut vorliegenden Referaten kommt dieser Standpunkt so klar zum Ausdruck, daß damit alle mißverständlichen Auffassungen entkräftet worden sein sollten. Die Referate sind im Verlage des Bundes, Hamburg, Jsestraße 88, erschienen. Der Bund umfaßt augenblicklich 93 angeschlossene Vereine und 133 Einzelpersonen. In einer gemeinsamen Sitzung mit Herrn Dr. Max Ginsberg wurde beschlossen, eine Organisation der Stellenvermittlung anzustreben, von dem Gesichtspunkte geleitet, daß Vermittlung von Arbeit die beste und radikalste Hilfeleistung sei. Der Vorstand ist der Behandlung der galizischen Frage in gemeinsamer Beratung mit den Delegierten derjenigen Vereine, die sich der galizischen Sektion angeschlossen haben, dadurch näher getreten, daß er beschlossen hat. 1. mit den amerikanischen Frauen zum Zwecke der Bekämpfung des Mädchenhandels in Verbindung zu treten, 2. Mittel aufzubringen, um in Galizien einen Berufsagenten anzustellen, der im Dienste der jüdischen Organisationen der Bekämpfung des Mädchenhandels zur Verfügung steht, 3. eine größere Anzahl Vertrauenspersonen, besonders Namen jüdischer Frauen im Auslande zu sammeln, als Ergänzung der Liste des jüdischen Zweigkomitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels, 4. Verbindungen anzustreben, um vorläufig in den Hafenstädten Bremen, Rotterdam, Marseille und Triest den weiblichen Reisenden Schutz zu ermöglichen, 5. zu versuchen, die Mittel für die Gründung einer Haushaltungsschule in Galizien zu erlangen. Ferner wurde über die Gründungvon Jugendgruppen beraten. — Frau Dr. Höxter- Frankfurt a. M. erstattete Bericht, in welcher Weise die von der Schwesterloge Frankfurt a. M. ins Leben gerufene.Jugendgruppe arbeitet und wies auf das von Frau Dr. Seligmann gehaltene Referat hin. das in weiten Kreisen ungemein anregend gewirkt hat. Einen Teil der Beratling bildete auch die Berufswahl der Mädchen. Man war sich einig darüber, daß in allen Ständen vor und neben einer Berufsausbildnng auf eine hauswirtschaftliche Ausbildung hingewiesen werden müsse, und daß man sich auch in der Armenpflege bemühen solle, selbst durch Aufwendung von Mehrkosten, den Mädchen die Möglichkeit zu gewähren, hauswirtschaftliche Kenntnisse zu erwerben. 8. Berlin, 18. Januar. Abschläglich beschieden hat der Staatssekretär des Reichspostamtes ein Gesuch des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" um ein generelles Verbot der Beförderung und Bestellung antisemitischer Postkarten. Die Beförderung einer Postkarte, welche ein Wirtshaus als „judenreinen Aufenthalt" empfahl und daneben Karikaturen von Juden, sowie antisemitische Verse enthielt, veranlaßte den Zentralverein, sich an die Kaiserliche Oberpostdirektion mit der Bitte zu wenden, unter Hinweis aus die Postordnungen vom 11. Juni 1892 und vom 19. März 1900, sowie auf die in der Neichstagssitzung vom 4. Februar 1898 von dem damaligen Staatssekretär des Reichspostamts abgegebenen Erklärungen derartige Postkarten von der Beförderung auszuschließeu. Die Kaiserliche Oberpostdirektion lehnte das Gesuch ab und der Staatssekretär des Reichspostamtes erteilte dem Zentralverein nachstehenden Bescheid: „Wie der Zentralverein in der Eingabe vom 31. August selbst anerkannt hat, ist es bei der großen Zahl der Briefsendungen und bei der Eile, mit der im Interesse ihrer möglichst schnellen Beförderung das Sortiergeschäft bei den Postanstalteu wahrgenommen werden muß, den Beamten nicht möglich, den Inhalt jeder einzelnen Postkarte daraufhin zu prüfen, ob ec gegen die Bestimmungen der Postordnung verstößt. Hierauf ist es zurückzuführen, daß mitunter Postkarten zur Absendung gelangen, die zur Postbeförderung nicht geeignet sind. Hätte der Absertigungsbeamte beiliegende Postkarte als gegen die Bestimmungen im § 5 der Postordnung vom 20. März 1900 verstoßend erkannt und als unzulässig erachtet, so würde dies nicht zu mißbilligen gewesen sein. Von dem Erlaß einer allgemeinen Verfügung des Inhalts, daß die Postbeamten auf das Vorkommen von Postkarten der anliegenden Art besonders achten sollen, muß aber abgesehen werden, weil der vorliegende Einzelfall zu einer derartigen Maßnahme keinen genügenden Anlaß bietet und weil eine solche Anordnung sich nicht durchführen läßt/ , o. Königsberg, 15. Januar. Am 1. d. M. fand hier der. siebente Kartelltag des Bundes jüdischer Korporationen statt. Aus diesem Anlaß wurde um 2. d. M. ein Festkommers abgehalten, der sehr zahlreich besucht war. Von auswärts waren Vertreter der Vereine jüdischer Studenten aus neun Universitätsstädten erschienen. Der Vorsitzende des Königsberger Vereins, cand. jur. Rosenfeld, eröffnete den Kommers mit einem Salamander auf den Deutschen Kaiser, worauf von der Korona der erste Vers von „Heil dir im Siegerkranz" stehend gesungen wurde. Alsdann begrüßte er die erschienenen Ehrengäste und auswärtigen Kommilitonen. Nußbaum-Freiburg hielt die Tendenzrede, in der er betonte, daß die Vereine jüdischer Studenten außer den Abwehrbestrebnngen, für die sie eventuell mit der Waffe eintreten, auch positive Erziehungsarbeit leisten wollten. Der Vorsitzende des Verbandes jüdischer Korporationen, Dr. Rosenkranz-Berlin, sprach seine Freude über die Teilnahme der Königsberger jüdischen Bürgerschaft an dem Fest aus und weihte dem Königsberger Verein sein Glas. Sodann begrüßte Stadtrat Magnus die Versammlung im Namen der Königsberger Synagogengemeinde. Er betonte, daß die jüdische Bürgerschaft Interesse nehmen müsse an einem Verein, der die Aufgabe habe, die Hebung des Judentums durch gute Zucht, Sitte, Würde im Verkehr, Kenntnis seiner Geschichte und Literatur zu fördern. Die studentische Organisation bilde ein Glied in der Kette der Vereine, die die Rechte der Juden schützen wollen. Ein Tröpfchen Wermut mische sich jedoch in die Festfreude, wenn man bedenke, daß es heute noch notwendig sei, konfessionelle Vereine zu begründen. Wenn es aber leider nun einmal der Fall sei, so müsse auch der Wahrspruch Geltung haben: Hilf dir selbst! Er hoffe, daß die auswärtigen Vertreter von Königsberg die besten.Eindrücke mit nach Hause nehmen würden, namentlich in bezug auf das Verhältnis der Konfessionen zueinander. Wir leben hier, so betonte der Redner nachdrücklich, mit Stolz kann ich es sagen, unter einer aufgeklärten Bevölkerung, mit der wir aus allen Gebieten gemeinsam arbeiten zum Wohle der Menschheit. Er hoffe, daß auch diese Versammlung die Eintracht fördern werde gemäß dem Sinnspruch: „Man lebt nur ein halbes Leben, wenn man nur für /ich selbst lebt." (Lebh. Bravo.) Rabbiner Dr. Vogelstein sprach in demselben Sinne. Wenn man auch nicht in allen Punkten übereinstimme, so sei es doch gut, daß die Vereine ihre Mitglieder dazu erziehen, stolz zu sein auf ihr Judentum, zugleich aber zu wahrer Bescheidenheit, die ebenso weit entfernt ist von Ueberhebung wie von knechtischer Demut. Gegenüber der Gleichgültigkeit, die die jüdischen Akademiker lange Zeit gegen alles, was mit dem Judentum znsammenhing, gezeigt hätten, sei es zu begrüßen, daß in diesen Kreisen, die die künftigen Führer stellen, wieder ein lebhaftes Interesse daran erwacht sei. Redner feierte das Andenken Koschs, der ein Sohn Königsbergs sei und dessen Leben und Streben vorbildlich sein müsse für das Wirken zum Wohl der Allgemeinheit und weihte sein Glas der studierenden jüdischen Jugend. Im Namen des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sprach Rechtsanwalt Bogusch. Es sprachen noch Dr. med. Hoppe als Vertreter der Zionistischen Vereinigung, Dr. Pinette, Stadtverordneter Max Arendt, Rentier Kirschner u. a. Den Beschluß machten die Begrüßungsansprachen der Vertreter der auswärtigen Vereine jüdischer Studenten. Kp. Aus der Provinz Posen, im Januar. In Ostrowo ist jüngst Kaufmann Max F r i e d l ä u b c r im Alter von 64 Jahren gestorben. Derselbe war nicht nur Mitglied des Repräsentantenkolleginms und des Schutzkomitees für durchreisende russische Juden daselbst, sondern hatte auch in interkonfessionellen Vereinen Ehrenstellungen inne; so war er Vorstandsmitglied des Roten Kreuzvereins, des Verschönerungsvereins und des Hausbesitzervereins. Seinen eifrigen Bemühungen ist es zu verdanken, daß in Ostrowo zur Hebung des Handels und Verkehrs ständige Rindvieh- und Pferdemärkte eingeführt wurden. — Die nur noch aus sieben Mitgliedern bestehende