Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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72. Jahrgang. Nr. 4. (AMLlNÜEütk. ->—r.908 Vetlagr zur „Allgemetnen Leitung deK Judentums" Larrelponden?kn unv Kschnchten. Deutschland. S. Berlin^ 19. Januar. Die Jubiläumsfeier des Israelitischen Frauenunterstützungsvereins Berlin, die anläßlich seines 25 jährigen Bestehens heute mittag im Bürgersaal des Rathauses stattfand, gestaltete sich zu einem imposanten und würdigen Festakt. Schon lange vor Beginn der Feier hatte sich der große Saal bis auf den letzten Platz gefüllt, und noch immer strömten neue Scharen herbei, um teilzunehmen an dem Feste dieses Vereins, der sich im Laufe der Jahre so große Sympathie und Anerkennung unter unseren Glaubensgenossen erworben hat. Nach der Beethovenschen Hymne „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre", die von einem gemischten Chore vortrefflich gesungen wurde,, begrüßte der Vorsitzende des Vereins Herr Jacob Weinberg die Erschienenen. Sodann gab er in großen Zügen die Entwicklungsgeschichte des Vereins, der vor 25 Jahren aus einem kleinen Religionsverein „Benai Brith" hervorgegangen ist. Im Osten der Stadt, da wo die Not und das Elend am größten, ist er von zwanzig Damen begründet worden und zu der heutigen ungeahnten Bedeutung gelangt. Jetzt umfasse der Vorstand allein vierundzwanzig Damen, die mit unentwegter Freudigkeit und ganzer Hingabe für die Sache wirken. Wenn auch die Mittel des Vereins nur klein im Vergleich zu denen der städtischen und der jüdischen Gemeinde, so sei sein Wirken doch bedeutungsvoller und moralisch wertvoller durch die persönliche Anteilnahme, die der Verein an dem Geschick der zu Unterstützenden nehme. In warmen Worten gedachte Herr Weinberg der dahingeschiedenen Vorstandsmitglieder, die sich durch ihr Wirken im Verein ein ehrendes Andenken für allezeit erworben, und dankte am Schlüsse seiner Rede den jetzt mitarbeitenden Vorstandsdamen, unter besonderer Hervorhebung der Frauen Grätz, Jordan. May und Lehfeld. Auf Grund des einstimmigen Beschlusses des Gesamtvorstandes überreichte er Frau Fanny Arndt, der Leiterin des Vereins seit 22 Jahren, für ihre hervorragenden Verdienste um die Entwicklung desselben, und Frau Marta Neumann, als der einzigen noch lebenden Mitbegründerin, des Vereins, das Diplom der Ehrenmitgliedschaft. Frau Rabbiner Dr. Escheldacher dankte sodann dem Vorredner für den Beistand und die Förderung, die er in langen Jahren diesem Verein gewidmet hat, gab im Namen aller Vorstandsdamen dem Wunsche Ausdruck, daß er noch ungezählte Jahre im Interesse ihres Vereins wirken möge und überreichte ihm ebenfalls das Diplom der Ehrenmitgliedschast. Im Namen der Religion sprach alsdann Herr Rabbiner Dr. Weiße die Segenswünsche für das weitere Gedeihen des Vereins aus. Er wies darauf hin, daß die Pflege der Wohltätigkeit und Barmherzigkeit gegenüber den Enterbten von jeher im Judentum religiöses Gebot und in Israel vor 2000 Jahren bereits das vorhanden gewesen sei, was die'Kultur als Errungenschaft der Neuzeit betrachte. In prägnanter Weise betonte er, daß der jüdische Wohltätigkeitssinn keine konfessionellen Beschränkungen kenne, wovon viele bedeutende Stiftungen nicht nur in Berlin, sondern auch in vielen größeren und -kleineren Städten der ganzen Welt ein schönes Zeugnis ablegten. Zu allen Zeiten habe es in Israel bedeutende Frauen gegeben. die vorbildlich wirkten und deren Tätigkeit auch gebührend gewürdigt worden sei, wie es der Redner überhaupt als irrtümlich zurückwies, daß die Stellung der Frau in Israel nicht immer eine gehobene und anerkannte gewesen sei. Herr Dr. Weiße schloß seine eindrucksvolle Ansprache mit einem Appell au die Frauen, das Erbteil unseres Stammes, die Liebestätigkeit und Barmherzigkeit gegenüber den Unglücklichen und Kranken, weiter zu pflegen, damit der Universalismus, den das Judentum immer verkündet, dereinst eine glückliche, geeinte Menschheit sehe. Als nächster Redner erklärte Stadtrat Dr. Münsterberg, nicht als offizieller Vertreter der Stadt zu kommen, da behördlicherseits ein 25jähriges Jubiläum nicht anerkannt werde, er sei aber gern gekommen aus Wertschätzung für das gedeihliche Wirken des Vereins. Er bezeichnet es als charakteristisch für die jüdische Wohltätigkeitspflege, daß sie auf eine mehr als dreitausendjährige ununterbrochene Uebung zurückblicken könne. Jeder neue jüdische Verein sei nur ein Blatt an dem ewig grünen Baume der Menschenliebe, der in Israel nie verdorrt sei. Die persönliche Anteilnahme an dem Geschick der Bedrückten, wie sie in diesem Verein gepflegt werde, verdiene den Dank aller Menschenfreunde. Namens des Verbandes für jüdische Wohltätigkeitspflege überbringt dessen Vorsitzender Justizrat Breslauer dem Verein herzliche Glückwünsche. In anerkennenden Worten würdigte er den sozialen Geist, der die Mitglieder dieses Vereins beherrsche und durch die Vorstandsdamen in mustergültiger Weise zum Ausdruck gebracht werde. Er bezeichnet«: die Frauen mit ihrer warmen Anteilnahme an dem Geschick der Armen als die berufenen Vertreterinnen der Wohlfahrtspflege, und so glaubt er ihnen keinen besseren Wunsch aussprechen zu können, als daß in nicht zu ferner Zeit ihnen das Recht znerkannt werde, nicht nur mitzuarbeiten, sondern auch mitbestimmen zu dürfen. Nach Darbringung weiterer Glückwünsche durch die Vertreterinnen einiger anderer Vereine beendete Gesang die schöne Feier, die dem Verein gewiß zahlreiche neue Freunde und Gönner zugeführt haben dürfte. 8. Berlin, 19.Januar. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur hielt am 16. d. M. der bekannte Weltreisende Hofrat Prof. Dr. Oskar Lenz aus Prag einen sehr interessanten Vortrag über die Juden in Marokko, über ihre Geschichte, ihre Schicksale, ihre Sitten und Gebräuche, sowie über ihre politische Lage. Der Vortrag des gelehrten Forschers, der jene Länder wiederholt durchzogen hat, erregte das lebhafteste Interesse. Aus den auswärtigen Literaturvereinen: In Pankow sprach Herr Albert Katz über die moderne hebräische Literatur, in Lands berg a. W. Herr Nabb. Dr. Kälter- Potsdam über die Poesie der Bibel, in Kottbus Dr. M anh eimer- Oldenburg über Hochzeit und Ehe, in Königsberg i. Pr. Dr. Pinczower über die Psychologie der Reform im Judentum, in Allenstein Frau Leiser-Köln über die Kulturarbeit der jüdischen Frau, in Danzig Dr. Kälter-Potsdam über Moritz Lazarus, in Zempelburg Dr. Nord he imer-Schwetz über das Kaddisch-Gebet, in Tho rn Prof. Dr. M. Phili pp so n -Berlin über die Juden im heutigen Deutschland, in Graudenz Geheimer Sanitätsrat Wolf über die Geschichte der Juden in Polen, in Kulm Prof. Philippson- Berlin über das Judentum und die anderen Kulturreligionen, in Lichtenberg Herr Albert Katz über die Ethik des Talmuds, in Schwetz Dr. Nordheimer über die soziale Frage im Judentum, in Lissa Dr. Pick-Straßburg über Nathan der Weise und der Talmud, in Filehne Rabbiner Nobel über Raschi, in Schwersenz Dr. Lewin-Wreschen über moderne Bestrebungen im Lichte des Judentums, in Gnesen Prof. Geiger über die Juden in der deutschen Literatur, in Rakel Geheimrat Warschauer-Posen über die mittelalterliche Wanderung der Juden nach dem Osten, Dr. Perlitz über Graf Cudenhove's Leben und Wirken, in Hohensalza Dr. Rosenberg-Thorn über Raschi und seine Zeit, in Breslau Prof. Philippson über seine Orientreise, Geheimrat Warschauer-Posen über Johannes Capistranus, in Ratibor Oberkantor David so Hn-Gleiwitz über Melodien und Gesänge des jüdischen Gottesdienstes, in Kattowitz Pros. Philippson über das Judentum und der Staat, in Bernstadt i. Schl. Frau Rahmer- Nothmann Rezitationsabend, in Magdeburg Seminardirektor Knoller-Hannover über soziale Ethik in der mosaischen Gesetzgebung, in Neuwied Herr Leo Munk über den Talmud, in Bonn Dr. Rosenthal-Köln über biblische Stoffe im neueren deutschen Drama, in Offenbach Dr. Galliner-Frankfurt a. M. über die Juden in Rembrandts Kunst, in Frankfurt a. M. Dr. Manheimer- Oldenburg über Bildung, Charakter und Erziehung im Judentum einst und jetzt, in Mannheim Dr. Birnbaum-Wien über Kultur des Ostjudentums, in Mülhausen i. Elf. Herr Siegmund