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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-01-24 · Heft 4 (24.1.1908) · p. Seite 48

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 4 (24.1.1908)
Date
1908-01-24
Page
Seite 48 (sequence 14)
Language
German
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eines schon begrabenen Lebens erscheinen uns heute unverständlich und wunderlich; es weht uns von ihnen wie Furcht an, und sie erwecken in uns den Wunsch, sie zu zerstören. Daher spricht aus diesen Mauern bei aufmerksamer Betrachtung eine gewisse tiefe Erbitterung, die der Empfindung entspringt, daß sie jetzt niemand mehr liebt, viele sie verabscheuen, und daß in ihnen keinem mehr das Leben so still, friedlich und heiter dahinfließt, wie einst jenen, welche furchtlos mit reinen und freien Gedanken unter ihnen wandelten. So wenigstens schien es den alten Mauern, wenn sie, in Erinnerung entschwundener Zeiten, schweigend und trauernd die Vergangenheit beweinten. Alsdann empfand man ihre Sehnsucht nach dem Grabe, worin das einst hier pulsierende Leben ruhte, und das Verlangen, sich dem Blicke derer zu entziehen, welche in ihnen nur ein Skelett, ein Altersgespenst, nur nutzlose Trümmer sahen. Diese Trauer und Sehnsucht waren am sichtbarsten am Tage, wenn die Sonne schadenfroh alle Brüche, Schäden, von Tünche entblößten Ziegel, Nisse beschien — alles was die Menschen bemüht waren zu verkleben, zu bestreichen, auszubessern, und was unaufhörlich, hartnäckig und gleichsam absichtlich sich dem Blicke aufdrängte. Diese ausgehöhtten Steinblöcke waren Greisen ähnlich, welche, überzeugt von der Notwendigkeit des Todes und erfüllt von Sehnsucht nach demselben, die dargereichten Arzeneien zurückstoßen. Die Sonne lachte sie aus, und sie riefen ihr zu: „Bitte, daß sie uns zerstören, o, bitte sie darum!" Wenn der Abend den alten Stadtteil in Nebel hüllte, und der über ihm schwebende Mond aus den Gebäuden ebenfalls nebelhafte, ungeheuerliche Gestalten bildete, war der Ruf der Mauern noch durchdringender und rührender. Es schien, als ob sie jemanden beschwören, sie nicht zu wecken,, sie nicht leben zu lassen und die Sonne nicht hervorzurufen, das Licht zu löschen und den Lärm des Lebens zu ersticken. Sie riefen, daß es nicht die Nebel sind, welche sie liebkosen und einhüllen, sondern der Liebeshauch derer, welche sie ehemals liebten, daß die Vergangenheit wiederkehre und sie in den Schlaf wiege, daß sie nur'noch in Nebel und Grabesruhe gehüllte Gespenster seien. Solche Töne verscheuchten in dem alten Stadtviertel abends die Passanten, welche fluchten, daß die Straßen dunkel und schlecht gepflastert und die Häuser ringsum — Räuberhöhlen ähnlich seien. Doch wiederum brach ein Tag an, welcher dem menschlichen Lärmen und Treiben die Schleuse öffnete, und die schlaftrunkenen Mauern blickten von neuem unwillig auf die ewig, rollenden, ewig schäumenden Wogen des Lebens, welche ihnen einst tief und rein erschienen, heute jedoch flach, sehr flach und trübe — und im stillen baten sie: wozu sind wir noch da, reißt uns nieder! Zwischen den alten Kindern dieses Stadtteils war Netels Häuschen eine steinalte Großmutter. Es entbehrte jedweder Verzierungen, war gelb, niedrig, eng. Daß seine schwachen Mauern sich noch aufrecht hielten, war nur dem Umstande zu verdanken, daß andere Gebäude sie zusammenpreßten, welche, wenn auch nicht neue, doch starke Mauern besaßen. Für diejenigen, welche sie nicht mit bösem, widerwilligem Blicke betrachteten, schien diese steinerne Greisin rührend in der Bescheidenheit ihres Alters und dem Anlehnen an die Schultern der Riesensöhne. Nach ihrem Inneren führten einige steinerne Stufen. Zum ersten Stock mußte man über eine steile, .leiterähnliche Treppe hinaufklettern. Wenn man von ihr nicht herunterfiel, blieb man sicherlich auf dem ersten Treppenabsatz bei der Windung der Treppe stehen, um zwei Bilder an der Wand zu betrachten. Das eine stellte den Kopf eines Ritters dar, das andere einen König. Beide hatten einen blauen Untergrund un5 waren in einen Rahmen gefaßt — einen grünen Reifen. Der Ritter trug Federbusch und Helm, die hochgezogene Sturmhaube enthüllte das Profil seines Gesichts, welchem er seit langen: bemüht war, eine Marsmiene zu ververleihen, doch war er durchaus nicht schrecklich und hatte ohne Zweifel bei seinen Lebzeiten selbst einer Fliege kein Leid getan. Der König trug selbstverständlich eine Krone auf dem Kopf, zwei Strähnen grüner Haare umgaben sein ovales und gelbes Gesicht und fielen ans die Schultern herab, wo sie sich in zwei symmetrische Ringe ausrollten. Niemand ist imstande zu beschreiben, wie sanft dieser König aussah und wie unendlich gut er sein mußte. Noch einige gefährliche Sprünge — und wir befinden uns bei Netel Baum. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — In Amerika wird alles gemacht. Jetzt erhalten wir von dort den Prospekt einer neuen vollständigen. Ausgabe des babylonischen Talmuds mit punktiertem Originaltext und englischer Uebersetzung von Dr. Michael L. Rodkinson. Der Uebersetzer ist zwar schon 1904 gestorben, aber es hat sich in Boston eine Gesellschaft gebildet (New Talmud Publishing Company), die das große Werk, das zugleich auch eine Geschichte des Talmuds enthält, in zehn Bänden zum Preise von 50 Dollars herausgeben will. Nach dem Erscheinen des VI. Bandes der ersten Auflage, der dem sel, Lazarus gewidmet war, schrieb dieser an den Autor: „Es wäre eine trügerische Schmeichelei, wenn ich Ihr Werk als ein vollkommenes bezeichnen wollte. Bin ich doch, weil der englischen Sprache gegenüber nur ein Laie, nicht einmal imstande, dasselbe vollkommen zu beurteilen. Das aber weiß ich, daß es nur einem so unsäglichen Fleiße, einer so unermüdlichen Energie und nur einem so kundigen Steuermann, der das ganze „Meer des Talmuds" beherrscht, möglich war, ein solches Riesenwerk zustande zu bringen. Die amerikanischen Juden, die ja mit rühmenswertem Eifer der Pflege und Förderung der Wissenschaft des Judentums sich zuwenden, werden stolz darauf sein, daß auch diese so oft begehrte und niemals geleistete Schöpfung einer Uebertragung des ganzen Talmud in ein modernes Idiom, auf amerikanischem Boden entstanden ist." Sprechsssl. Warnung. ach den sehr unangenehmen Erfahrungen, die wir auf unserer unter Leitung des Herrn A. Grajevskh, Direktor der in Jerusalem domizilierenden Tabor-Reisegesellschaft, ausgeführten Orientreise gemacht haben, erbieten wir uns, einem jeden, der sich der Führung des genannten Herrn anvertrauen will, über dessen programmwidriges Verhalten Auskunft zu erteilen, da wir uns für verpflichtet halten, andere vor ähnlichen Unannehmlichkeiten zu schützen. Isaak Cohn und Frau Flora, geb. Wehl. Berlin NW., Schiffbauerdamm 29. Druck und Benag von Rudolf Masse rn Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin

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