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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-01-24 · Heft 4 (24.1.1908) · p. Seite 47

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 4 (24.1.1908)
Date
1908-01-24
Page
Seite 47 (sequence 13)
Language
German
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Es würde mich zu weit führen, wollte ich alle poetischen Schöpfungen Moriz Rappaports, die schon längst zu den Kleinodien unserer Nationalliteratur gehören, hier Revue passieren lassen. Es sei nur noch seiner umfangreichen und wertvollsten kulturgeschichtlichen, epischen Dichtung, betitelt: „Mose" (Leipzig 1842) hier Erwähnung getan. Unter den vielen, zu Ehren des Stifters der israelitischen Religion gedichteten Epen ist dieser Rappaportsche „Mose" entschieden der hervorragendste, weil der Verfasser es verstanden hat, sowohl die geschichtliche Größe wie die gewaltige Persönlichkeit des unsterblichen Gesetzgebers in seiner ganzen monumentalen Bedeutung anschaulich zu machen. Rappaport hat sein Epos Sir Moses Montefiore gewidmet und zwar mit folgenden Zeilen: „Dem Glaubensstreiter und dem Wahrheitshelden Sir Moses Montefiore, Baronet, weiht dieses Buch als Zoll der Bewunderung und der Verehrung der Verfasser." Melde Matter. Memoiren eines alten Stadtviertels. Von Felix Brodowski.*) I. JI ni Boden liegt ein gelbes Blatt. Daneben ein zweites, drittes, eine große Menge unter der Linde, welche, ihrer nicht achtend, blühend und duftend der Sonne zulächelt. Es hatte während einiger Tage geregnet, der kühle Morgenwind hatte viele Blätter getötet und abgeschüttelt. Den andern ist?s dafür bequemer. Die andern freuen - sich. Sie liebäugeln mit der Sonne, indem sie ihre Strahlen Haschen — wie Kinder Wasser mit der Hand aufsaugen und in dünnen Streifen über die Erde vergießen; sie kichern, wenn sie der Wind berührt, und stoßen sich gegenseitig an wie verschämte Mädchen . . . mit einem Worte, sie amüsieren sich. Zuweilen, wenn sie sich neigen, erblicken sie am Boden gelbe, dunkle, unbewegliche Punkte, die gleichsam mit der Erde verwachsen zu sein scheinen und die nur selten — wenn der Wind stark weht, in der Luft aufwirbeln, wie schwache, kraftlose Wesen. Wenn die lebenden Blätter jene erblicken — welche schlummern oder sehnsüchtig zu ihnen emporschauen, werden sie plötzlich ernst, wie vom Hauch der Trübsal angeweht, und säuseln sich folgende Rede zu: „Wir sind an unserm Platze, wir nehmen einen sichern Posten ein, welchen uns niemand streitig machen kann, und einen Lebenskreis, aus welchen uns nichts herausstößt. Wir entstanden zu richtiger Zeit, entwickelten uns rechtzeitig, und werden zur Zeit sterben. Bei uns richtet sich alles nach der Zeit. Wir ernähren uns systematisch, und unsere nicht zahlreichen Gedanken und stets gleichmäßigen Gefühle halten sich an Zeit und Form. Wir sind ordentliche Blätter." So säuselnd, besänftigen sie die unvernünftige Furcht, welche sie einen Augenblick mit leichtem Schauer durchrieselte. Beruhigt wenden sie si'ch der Sonne und dem Winde zu, und tun wie vornehme Damen, welche sich anmutig fächeln. Sie amüsieren sich. *) Autorisierte Uebersetzung aus dem Polnischen vou-B. Fliederbaum. Aber jene schlummernden Heimat- und Berufslosen, was haben sie verschuldet, um abgerissen zu werden? Ist es, nicht etwas Furchtbares, als Blatt aus die Welt zu kommen, zu erfahren, daß man unnütz sei und abgeschüttelt zu werden? Wieviel Leid, Kummer und bohrender Schmerz muß diese unbeweglichen, schweigenden Blättchen verzehren? Kein Wunder, daß sie so schnell welken. Und es scheint mir, als sähe ich einen andern Baum, auf welchem menschliche Gedanken und Gefühle so dicht wie Blätter sitzen. Doch plötzlich tritt Kälte und Regen ein, und der Baum verliert viele Blätter. Sie wirbeln um meinen Kopf herum und fallen ächzend darauf nieder betrachte ich sie aber näher, so finde ich nicht, daß sie schlecht und nutzlos sind. Ich glaube, daß jemand einst einen herrlichen Kranz aus ihnen winden wird, um ihn auf das Grab des abgestorbenen Baumes niederzülegen, und die Menschen werden die abgerissenen und verlorenen Blätter beweinen. In meiner Erinnerung taucht ein altes Haus und ein alter Mann auf. So lange sie existierten, hielten sie zusammen und trennten sich nicht, schließlich näherten sie sich beide derselben Pforte und blickten befriedigt auf die Aufschrift, welche für das Haus lautete: Vernichtung und für den Mann: Tod. Das Haus war nur mit einer Nummer bezeichnet, der Mann nannte sich Baum, Netel Baum; beide waren nutzlose Geräte und gehörten zueinander. Man sagte gewöhnlich, daß das Haus Netel's Eigentum sei, aber es war richtiger zu sagen, daß Netel des Hauses Eigentum sei. Das Haus war älter, hatte Netel aufgezogen und beabsichtigte, ihn in seinem Schutt zu begraben. Das Haus besaß eine zahlreiche Familie, und darin war es Netel ähnlich, doch die Familie des Hauses war mehr wert als diejenige Netels, mit Ausnahme des kleinen Joel, welcher, so lange er der kleine Joel blieb, sehr viel wert war. Die Familie des Hauses bildete einen ganzen Stadtteil, den ältesten und ausgebreitetsten unserer Stadt. Er entstand wahrscheinlich ebenso wie alle anderen Stadtteile der ganzen Welt; da dies aber schon vor sehr langer Zeit geschah, erzählte man über seinen Ursprung verschiedenartige Wunder, die soviel bedeuteten, wie das Märchen vom Storch, welcher Kinder bringt. Nur eins ist gewiß, daß er von Anbeginn seines Bestehens sich auf der Spitze des Hügels niederließ, wo er bis zum heutigen Tage verblieb, indem er sich noch seitwärts ausdehute. Man kann ihn mit „Familie" bezeichnen, doch muß mau hinzufügen, daß dies eine aussterbende Familie veralteter, von neuen Generationen sich stark unterscheidender Wesen ist. Hier sind alle ernst und bescheiden. Ihre Wohnungen wirken abstoßend auf die heutigen Einwohner durch die Finsterheit und Kälte der langen, gewölbten, gepflasterten Hausflure, durch die schmalen und steilen Treppen, die zahlreichen Balkons, welche die Etagen umzäunen oder über dunklen und engen Höfen hängen, wie Brücken über einem Abgrund. In den Mauerwinkeln, unter den Arkaden im Hausflur, über den Türrahmen, in den Fensternischen, in den Vogengewölben des Korridors sind beschädigte, von Zeit zu Zeit frisch geweißte Ornamente und verblichene Malereien angebracht. Die erstereu fallen teils durch ihre Einfachheit, teils durch die Idee auf. welche irgend einer kindlichenPhantasie entsprang — die letzteren versinnlichen kindliche, reine und naive Träume. Jedoch diese Ueberreste von Gedanken und Empfindungen, dieser Wiederhall

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