Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-01-24 · Heft 4 (24.1.1908) · p. Seite 46

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 4 (24.1.1908)
Date
1908-01-24
Page
Seite 46 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228803--64159-3276210
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

WWWWWWWM! £)b Dir irdscheS Glück und Ruhm Rasch wie Nebelhauch versanken, Doch Dein ew'ges Eigentum Nahmst Du mit — den Gottgedanken! Jeder Jude, wo gebannt, Wo die Heimat er gefunden, Jeder Stein, den fromme Hand Deinen Werken hat entwunden,; Deines Jordans Flut, so kühl, Aufbewahrt selbst im Gefäße, Wie die Flut des alten Nil, Künden laut Jehovas Größe. beginnt seine glühende Werbung. Diese dauert bis zum Schluffe des. siebenten Kapitels; mit immer steigernder Glut, mit dem Aufgebot aller Reizmittel, die ein mächtiger Herrscher einer armen Schäferin nur zu bieten vermag. Bloß die kurze Gegenrede Sulamiths unterbricht zeitweise die Farbenpracht der Liebeswerbung. Durch die veränderte metrische Form im Dialog sucht sich so viel als möglzch Rede und Gegenrede zu veranschaulichen. Das letzte,Kapitel führt uns endlich die entlassene Sulamith iin heimatlichen Garten ihres Geliebten vor. Der König, das Fruchtlose seiner Werbung erkennend, schenkt ihr die Freiheit." Damit der Leser den eigenartigen Reiz dieser Dichtung zu würdigen imstande sei, seien auszugsweise aus dem 1. Kapitel nur die nachfolgenden Strophen mitgeteilt: Ob zerstoben und verweht, Ueberals, wie einst im Osten, Fest und treu der Jude steht, Unverzagt, ein Gottesposten. Endlich zittert der geisterhafte Klang voller und fast verständlich ihm die Geschichte vom Erzvater Jakob zu, der aus der Heimat als ein Verbannter ging, wo ihn Finsternis umfangen uub er mit einem Unbekannten gerungen habe. Schaurig lange und schwer habe dieses Ringen gedauert, bis endlich im Osten das Morgenrot anzubrechen begonnen, da habe ihn der Engel losgelassen, jener Engel im Versagen, der nur so lange kühn undgroß sei, bis die Nacht hellem Tage weiche. Dieses Symbol sei eine Mahnung an Israel, um ohne Trübung und Blendung nach der unverhaltenen Wahrheit zu forschen, dann werde es seine Sendung hienieden vollbringen: Wo Du weilst, ob dort, ob hier, Ob auf dieser, jener Scholle, Licht sei ewig Dein Panier, Licht die ewige Parole! Stets soll Dich der Strahl umwehen, Dir am Sinai aufgegangen, Und Du wirst im Licht erstehen, Wie Du lichtvoll Untergängen. Von den Nachdichtungen Moriz Rappaports sind die bemerkenswertesten: „Jeremias Klagelieder" (Echa), „Der Sabbatgruß" * (Lecho - Dodi), „Der Schlußgesang" (Anim- Semiroth). „Moses Abschiedssang" (Haasinu) und das „Hohe Lied". Von allen den zahlreichen metrischen Uebersetzungen, beziehungsweise Bearbeitungen des „Hohen Liedes" möchte ich diese Nach- und Neudichtung Rappaports als die glänzendste hinstellen. Es ist dies ein Kabinettstück lyrisch-dramatischer Dichtungsart: goldene Aepsel in silbernen Schalen, das heißt antiker hebräischer Geist in modernem deutschen Gewände. Ueber den Zweck, der den Uebersetzer bei dieser seiner Arbeit leitete, spricht er sich in einer Anmerkung zu dem „Hohen Lied" aus, die so recht sowohl seinen pietätvollen Sinn, wie sein Verständnis für die orientalische Dichtung und die psychologischen Vorgänge in derselben bezeugt. Er sagt da u. a.: „Der Grundgedanke dieser wunderbaren Poesie ist trotz der in flammenden Liebesliedern sich kundgebenden sinnlichen Glut ein - wahrhaft keuscher und sittlicher. Alle Lockungen des fürstlichen Drängers scheitern am Widerstand der züchtigen, ihrem Schäfer treu anhängenden Jungfrau. Sulamith, an den König verkauft, erscheint im ersten Kapitel, umgeben von den Palastfrauen. Ihr Monolog, heiße Sehnsucht nach dem Kusse des fernen Geliebten ausdrückend, eröffnet die Handlung. Vom Gefühl hingerissen, verkündet sie ihrer Umgebung ihren Stand, ihre Liebe. Diese verhöhnt sie. Doch die vom reinen Triebe begeisterte Jungfrau beachtet es nicht und fast halb unbewußt, wie im Traum, erzählt sie die Ereignisse ihres früheren Lebens, ihres entschwundenen Glückes. Am Schluffe des dritten Kapitels erst erscheint der König, -und mit dem vierten Dem Roß in Pharaos Gespann Mein Liebchen ich vergleichen kann. Wie Kettlein so herrlich die Wangen Dir zieren! Wie schön und wie hold Dein Hals ist in Schnüren! „Ja, goldene Spangen Dein paffend Geschmeid, Mit silbernen Pünktchen gar reichlich bestreut." „Bis ins Gemach, wo der König verweilt, Würzige Düfte meine Narbe verteilt." Ein Myrrhensträußchen mein Freund mir dünkt, Wenn er an meinen Busen sinkt. Du bist mir eine Cypertaube, Freund! Aus Engedis Rebenlaube. „Wie schön, o Geliebte, wie schön Du fürwahr! Wie Täubchen so blicket Dein Augenpaar!" Wie schön mein -Freund, und anmutreich, Und unser Lager grün und weich. Und Zedern unser Haus verhüllen, Zypressen das Getäfel füllen. Doch hat Moriz Rappaport auch Origmal-Zionslieder, die sich nicht an vorhandene Vorbilder anlehnen, gedichtet, die ihn, den großen lyrischen Zionisten des hebräischen Stammes, einem Jbn Gabirol, Juda Halewi u. a. würdig an die Seite stellen lassen. In hinreißenden und ergreifenden Liedern singt er von der Vergangenheit und der Herrlichkeit des Gottesreiches, aber auch von den furchtbaren Schicksalsschlägen, die über Israel hereingebrochen waren. Diese Martyrlieder haben um so mehr Reiz, als der Verfasser es versteht, alle die verschiedenen Empfindungen und Gefühle, die sein Herz bewegen, in geradezu klassischer Weise zum Ausdruck zu bringen. Mit besonderer Geschicklichkeit verwendet Moriz Rappaport die Form des Sonetts. Noch im Alter, bereits 72 Jahre alt, dichtete er einen entzückenden Sonettenkranz zu Ehren des 70. Geburtstages seines treuen Freundes, des Dichters Ludwig August Frankl. Er sagt dort selbst in dem Schlußwort, daß die Hand, die diesen Kranz ihm biete, schon schwach, und daß sein Auge vom Alter fast erblindet sei, doch habe er aus dem alten gesunden Boden noch manche frische Blume gefunden; ans den Ruinen der versunkenen Stunden habe ein Nachhall oft von dem, was sie beide miteinander empfunden haben, getönt. In diesem Sonettenkranz schildert der Verfasser in großen Zügen das Lebensbild des Siebzigjährigen, helle Streiflichter auf jene Zeiten und Ereignisse werfend, die sie während eines halben Jahrhunderts miteinander erlebt haben. Besonders reizvoll find jene Sonette, worin die Jugendzeit mit all ihren Hoffnungen, ihren rosigen Wünschen und ihrem selbstlosen Vorwärtsdrängen in plastischen Bildern uns vorgesührt wird.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.