Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- Seite 45 (sequence 11)
- Language
- German
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-- :?:^-;r^:' betitelt „Die Leseblätter", die sich bald weitverbreiteter Teilnahme zu erfreuen hatten, doch im Jahre des Sturms und Dranges, 1848, wieder eingingen. An den politischen Bewegungen jener Zeit nahm er eifrigen Anteil, doch zog er sich, als die Reaktion eintrat, ganz vom politischen Leben zurück, seine bedeutenden geistigen und finanziellen Kräfte ganz und gar der leidenden Menschheit und den kommunalen Interessen Lembergs widmend. Wie als Direktor des Lemberger Spitals erwarb er sich auch als Mitglied des Stadtrats bleibende Verdienste. 1872 siedelte er nach Wien über, wurde jedoch bald durch seine Sehnsucht nach der Heimat wieder zu derselben zurückgeführt und feierte hier 1878 seinen 70. Geburtstag unter den aufrichtigsten und herzlichsten Kundgebungen seiner zahlreichen Verehrer weit über die Grenzen Oesterreichs hinaus. Leider befiel ihn ein Augenleiden, das schließlich in völlige Erblindung überging. Um Hilfe dagegen zu suchen, begab er sich aufs neue nach Wien, aber die Kunst der Aerzte vermochte nicht, ihm das Augenlicht wieder herzustellen. Dieses furchtbare Unglück trübte indessen seinen frohen Lebensmut nicht. Einige seiner schönsten Lieder dichtete er, als schon ewige Nacht ihn umgab, bis zu seinem letzten Augenblick rastlos schaffend und als Philanthrop sich bewährend. Als er am 28. Mai 1880 starb, wurde ihm zu Ehren in seiner Vaterstadt eine ergreifende Totenfeier abgehalten, bei welchem Anlaß der Rabbiner B. Löwenstein der allgemeinen Trauer Ausdruck gab. Er schilderte den Verblichenen als einen verehrungs- und liebenswürdigen Charakter, den jeder lieben und achten mußte, der je mit ihm in Berührung kam. Moriz Rappaport begann seine dichterische Laufbahn mit einem Zyklus von lyrischen Poesien beziehungsweise Nänien anläßlich des Ablebens des deutschen Dichterfürsten Goethe im Jahre 1832, betitelt „Goethe". Einen unendlichen Enthusiasmus für diesen Großen und Unsterblichen atmen die schwungvollen und glühende Phantasie verratenden Verse. Er sagt am Anfang, daß Goethe der „letzte von dem großen Kunstverein", ein erster an Kraft und Geistesmacht gewesen sei. Er sei vereinzelt, doch nicht allein dagestanden, da er sein Volk zu sich emporgehoben habe. Du zwangst die Zeit, bis aus dem kalten Steine Der Quell der Dichtung sprühend ist erwacht, Im heißen Kuß hieltst Du die Welt umschlungen, Bis lebend sie Dein Leben Hut durchdrungen. Indem er die Spende seiner stillen Lieder als Totenkranz auf die Bahre des gewaltigen Genius niederlegt, schildert er in großen Zügen poetisch das Leben und Schaffen des Olympiers und die Stätten, die er betrat und die durch ihn geweiht wurden für alle Zeiten. Man glaubt einen deutschen Propheten Jeremias zu hören, wenn er, Weimar mit Jerusalem vergleichend, die Stadt beklagt, daß ihr durch den Tod Goethes der reiche Schmuck entfallen sei, der ihr bisher strahlend das lichte Haupt umsäumt habe: O, klage Stadt, nun in dem Witwenschleier! Dein rosig Antlitz muß ja bald veralten, Denn Deine Zedern hat ein Sturm zerspalten, Verklungen ist Dein Lied, zersprungen Deine Leher, Verdunkelt ist Dein Licht, verödet Deine Mauern, Tie Tempel sind geschlossen — Deine Kinder trauern. Goethe sei kein König auf leichten Thrones Höhen gewesen, der weltbeherrschend seinen Stab geschwungen habe, auch kein Sieger mit blutigem Siegeslorbeer, aber dennoch sei er hoch in Ehren gestanden wie der mächtigste Fürst, denn er sei ein Herzenskönig gewesen, sein Reich war das Leben, die Gesänge sein Thron, sein Szepter das Lied und die Dichtkunst feine Krone. Wer ihn je gehört, wurde ihm untertänig. Mit begeisterten Worten schildert er die äußere imponierende Erscheinung des Dichters des „Faust", der auf jedermann schon durch seine Persönlichkeit einen mächtigen Eindruck hervorgerufen habe. In einem schönen und majestätischen Körper - fyabe eine große und glühende Seele gelebt,, und die Werke, die dieser Genius geschaffen, seien nicht für die Zeit und die Vergänglichkeit, sondern für die Ewigkeit bestimmt, sie haben eine unverwüstliche Lebenskraft und sie werden erst mit dem . * Menschengeschlecht aussterben. In ebenso geistreicher wie sinniger und poetischer Weise feiert er im Lied die Hauptwerke Goethes und er trifft mit seiner Charakteristik stets den Nagel J auf den Kopf. Man merkt es jedem Vers an, daß hier ein kongenialer Dichter den größeren, auf der Höhe des Ruhmes stehenden Poeten schildert, wobei die unbedingte Verehrung, die für den herrlichen Sänger aus jeder Zeile spricht, un- - gemein wohltuend berührt. Doch nicht allein ein Poet ist es, der hier seine Leier anstimmt, sondern wir lernen auch einen " ernsten und tiefsinnigen Denker kennen, getränkt mit orientalischer Weisheit. , -] Wie Moriz Rappaport in dieser seiner Nänie auf Goethe sich als ein gedankenreicher und tiefempfindender Lyriker bewährt hat, so gab er auch in seinen im Jahre 1860 er- " schienenen „Hebräischen Gesängen", die zumeist hebräischen / Originalen nachgebildet, beziehungsweise nachempfunden sind,; von seiner ganz eminenten Versgewandtheit und seiner hohen ,! lyrischen Begabung erhebende Beweise. Es ist bewunderungswürdig, wie er es verstanden. hat, aus dem reichen Schacht der hebräischen Literatur und Dichtung die wertvollsten und edelsten Goldadern herauszufinden, um sie, von allen Schlacken gereinigt, in glänzender Form zum Gemeingut aller Gebildeten zu machen. Man merkt es all V: seinen Gedichten an, daß er gründliche geschichtliche Studien gemacht, doch kehrt er nirgend den Gelehrten heraus, sondern ist und bleibt stets der Dichter von Beruf. Eine glühende und hinreißende Liebe zu seinem jüdischen Stamme und zu Zion spricht aus all seinen prächtigen Liedern und Gesängen. Was ihn bei der Herausgabe seiner „Hebräischen Gesänge" leitete, erfahren wir aus dem einleitenden Gedicht, betitelt: „Zionsecho". Aus geborstenem Gestein und aüs Schutt und Trümmern blinkt ihm ein goldener Schimmer und ein überirdischer Schein entgegen. Aus Jahrtausende alten Ruinen vernimmt er einen leisen Klang, als wäre es geheimes Geisterweben. Dieser Klang dringt zu ihm aus der von Frevelhand v zerschlagenen Zionsburg, deren Trümmer, noch wie in alten Tagen glänzen. Jeder noch so verwitterte Stein spreche wie mit hellen Flammenzügen. In seinem Geist erwachen die Erinnerungen an Davids Heiligtum, an jene glorreiche Zeit der Vergangenheit, als die wahre Welt die reine Gotteslehre ausstreute. Die Söhne Israels seien nun zersprengt und der scharfe Sturm der Zeit brause dahin, doch an jeder Weide hängen noch die alten Zionsharfen. Ob nun auch der Psalter Schall verstummt und ihre Saiten gesprungen seien, klinge doch der alte Wiederhall in unsere Zeit hinein und wer mit gläubigem Gemüt den Trümmern sich nahe, höre ein leises :J Lied durch die gebrochenen Bäume tönen: Gottes Fluch hat Dich erreicht, > Bist gejagt aus Deinen Hallen, v Bist verweht wie Spreu so leicht, Unter allen Völkern, allen! Dich hat Hohn und Schmach und Wut < Oft wie Töpferwerk zerschlagen, ( Doch Dein allerhöchstes Gut -; Hast Du mit Dir fortgetragen.