Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- Seite 44 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Thora hat die Judenheit unbekümmert um ihre Rabbiner von sich abgeschüttelt, sowohl das häusliche wie auch das shnagogale. Und wieder aufnehmen kann es auch nur der Wille der Gesamtheit, wenn Denkweise und Verhältnisse das Volk dafür abermals empfänglich machen. Die bürgerliche Freiheit hat die alten religiösen Werte nicht um-, sondern entwertet, die dauernde Aufhebung der Bürgerrechte würde sie in ihre frühere Würde und Macht wieder einsetzen. Denn die neuerliche politische Entrechtung der Juden bedeutete zugleich die Absage der aktiven wie passiven Teilnahme an dem Kulturleben der Nationen, die Rückkehr zur religiösen Kultur des Judentums, zum Leben eines Gemeindestaates im Staate. Es ist müßig, sich darüber zu unterhalten, ob solche Zeitläufe eintreten können oder nicht. Wahrscheinlich ist es kaum. Eher mögen jene recht behalten, die alle reaktionären Maßregeln, so auch die gegen uns Juden, als eine Verdauungs- Pause ansehen, der ein noch stürmischeres Vordringen folgen dürfte. Ist dem so, dann können wir mit Sicherheit erwarten, daß nach und nach auch jene Elemente den Weg der eigenmächtigen Reform betreten, die heute noch der Orthodoxie angehören; selbst eine momentane Stärkung des konservativen Lagers' kann nur zeitweilig den Lösungsprozeß aufhalten. Wir stehen also vor der Tatsache, daß der Eintritt der Juden in das allgemeine Kulturleben und ihre uneingeschränkte Aufnahme in dasselbe die Ketten des Traditionsgesetzes aüseinanderreißt. Damit will nicht gesagt sein, daß die bürgerliche Assimilation der Juden die Treue zum Traditionsgesetz brechen muß. Ganz und gar nicht. Es kann der modernste Mensch echt und wahr orthodox sein. Nur gehört dazu nebst der Ueberzeugung von der Göttlichkeit des Traditionsgesetzes eine ganz ungewöhnliche Energie und Opserfreudigkeit. Welche Schwierigkeiten stellen sich entgegen dem jüdischen Kinde in der Schule, dem jungen Soldaten im Armeedienste, dem Kaufmann, dem Beamten in ihrem Erwerbe und Berufe, wenn sie nur die traditionellen Sabbat- und Festvorschristen mit aller Strenge beobachten wollen. Welche Entbehrungen hat sich der aufzuerlegen, der die Welt, sei es geschäftlich, sei es zum Vergnügen, durchzieht. Gewiß, es geht; alles geht, wenn man will. Aber wie unerschütterlich fest muß die Ueberzeugung in dem Menschen ruhen, daß das alles wirklich Religion sei, Gott gewollte Religion, um dentausendfachen Versuchungen des alltäglichen Lebens nicht zu erliegen. Und nun kommt dazu das moderne Zeitungswesen, die Popularisierung der Naturwissenschaften, die volkstümliche Philosophie und Theologie, die alle, wenn schon nicht an Gott und Religion, so doch an Ritus und Tradition nicht erfolglos rütteln. Man muß buchstäblich ein Ausnahmemensch sein, um mitten in dieser Welt der Väter Brauch hingebungsvoll zu bewahren. Ich hege großen Respekt vor jenen reichen Juden, die trotz ihres Reichtums freudigen Herzens entsagen und entbehren, um ihrer Religion zu leben; ich bewundere jene gebildeten jüdischen Kreise, die nichts von ihrem orthodoxen Standpunkte abzubringen vermag. Daß der Durchschnittsjude das nicht fertig bringt, trotz echter Religiosität und Liebe zum Judeniume, zeigt jeder Tag. Wie viele orthodoxe jüdische Familien können stolz ausrufen: Unsere Kinder sind so, wie die Väter gewesen sind, alle, ohne Ausnahme!? Sie sind an den Fingern zu zählen. Die Wahrheit ist daher die, daß das Fallenlassen des religiösen Traditions gesetze s mit dem Rabbiner nichts zu tun hat; über seinen Kopf hinweg reformieren sich die Juden selbst. ■ Mari? Ssppaport. Von Dr. Adolph Kohut. , \ I. er Name Rappaport hat in der Geschichte der jüdischen Wissenschaft und Literatur einen sehr guten Klang. Große Gelehrte und Forscher, Talmudisten und Hebraisten ersten Ranges haben ihn mit unvergänglichem Glanz umgeben, und auch die Nachwelt blickt voll Verehrung-auf diese „ragenden Gipfel" des hebräischen und nachhebräischen Schrifttums. Aber nicht allein die orientalischen Wissenschaften, sondern auch die deutsche Poesie ist von einem Repräsentanten des Namens Rappaport durch herrliche Lieder und Epen bereichert worden. Ich rede hier von dem vor einem Jahrhundert, am 13. Februar 1908, in Lemberg geborenen und am 28. Mai in Wien dahingeschiedenen hochbegabten deutschen Poeten Moriz Rappaport. Alles, was er schrieb, diente ihm nur dazu, die geschichtliche Größe und die Heldengestalten seines Stammes zu verherrlichen, die Vergangenheit, die Macht, aber auch die Leiden Israels zu besingen und den Empfindungen, die seine Seele erfüllten, beredten und hinreißenden Ausdruck zu verleihen. Leider wird in den Literaturgeschichten, diesen Riesenkatakomben verstorbener Geister und ihrer Erzeugnisse, nur selten oder doch nur mit wenigen Worten von ihm Notiz genommen, und doch gehören seine Lieder zu den stimmungsvollsten, zartesten und sinnigsten, die unsere Literatur aufzuweisen hat, und seine epischen Gesänge legen von seiner plastischen Gestaltungskraft, seinem Gedankenreichtum und seiner Virtuosität, womit er die Sprache meisterte, ein rühmliches Zeugnis ab. Sind auch die Literarischen Schöpfungen dieses Poeten nicht sehr zahlreich, so ist doch alles, was seiner Feder entflossen, frisch, ursprünglich und eigenartig und verdient um so mehr anerkannt zu werden, als der Dichter nach den höchsten Höhen in der Kunst strebte und durch den Adel seiner Gesinnung, die reinen und ergreifenden Herzenstöne und die Schönheit seiner Muse sich auszeichnete. Sein Vater, Simcha Rappaport, ein feingebildeter und angesehener Mann, bestimmte seinen Sohn zum Studium der Medizin. Nachdem Moriz die Schule seiner Vaterstadt und dann das Gymnasium in Wien besucht hatte, bezog er mit dem 21. Jahre die Universität an der letztgenannten Stadt, wo er 1833 promovierte und sich dann in Lemberg als praktischer Arzt niederließ. Von da an wirkte er fast 40 Jahre hindurch in der Hauptstadt Galiziens als praktischer Arzt, unermüdlich tätig und eine glänzende humanitäre. Wirksamkeit entfaltend. Schon nach wenigen Jahren wurde er zum Primar-Arzt und leitenden Direktor des jüdischen Spitals erwählt, und er führte dieses Amt vollständig unentgeltlich aus. Dabei richtete er alle seine Anstrengungen mit der ihm eigenen Energie auf Verbreitung echter deutscher Bildung unter seinen Glaubensgenossen. Fast alle Anstalten in Lemberg, wie Tempel, Schulen, Waisenhaus, Kleinkinderbewahranstalten, Speiseanstalt usw., sind infolge seiner Anregung, seinem Feuereifer und seiner hochherzigen Munifizenz ins Leben gerufen worden. Ein eifriger Förderer des deutschen Wesens, deutscher Wissenschaft und deutschen Lebens, war er ein Menschenalter hindurch ein ebenso tatkräftiger wie begeisterter Vertreter des Deutschtums im Osten. Um diese in seinem Vaterlande immer fester zu gestalten, gründete er 1840 als Beiblatt zur „Allgemeinen Lemberger Zeitung" eine deutsche literarische Zeitung,