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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-01-24 · Heft 4 (24.1.1908) · p. Seite 43

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 4 (24.1.1908)
Date
1908-01-24
Page
Seite 43 (sequence 9)
Language
German
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Geburt Jesu nicht aufrecht erhalten, so läßt man ihn lieber von einem in Palästina wohnenden arischen Heiden abstammen, als von einem Juden. Mit dem jüdischen Volke hat er nichts gemein, als daß es ihn verworfen und dem Henkertod überliefert hat, und das Judentum bedeutet für ihn nichts, als daß es seine Mission verhindern wollte. Das nennen sie heutzutage geschichtliche Forschung. David Friedrich Strauß, dessen Wirken in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ein wissenschaftliches System und eine Weltanschauung bedeutete, dessen Gedenktag in diesen Tagen gefeiert wird, ist unserer Zeit fast völlig fremd. Es ist dies aber ein sehr trauriges Zeichen der Zeit, daß man über diesen edlen Wahrheitskämpfer, der an die besten Männer Deutschlands erinnert, einfach zur Tagesordnung übergegangen ist. Mit welcher Geringschätzung behandeln sie den Mann, den sie an wissenschaftlicher Gediegenheit und an Klarheit gewiß nicht überragen, der aber vor ihnen das voraus hat, daß er die Wahrheit sagte, nur die Wahrheit, sagte und sie ganz sagte. Er verstand nicht die Kunst Unserer Zeit, die Pille Wahrheit, die manchen so bitter schmeckt, mit ein bißchen Heuchelei und schöntuenden Redensarten zu versüßen. Strauß wollte die Ergebnisse seiner Forschung im Leben verwirklichen. Er hatte so vieles mit Voltaire und Lessing gemein, mit diesen beiden mutigen Kämpfern für geistige Freiheit. Für solche Gestalten hat unsere Zeit wenig Verständnis. Wir aber als Juden ehren sein Andenken, denn das, was er gewollt und wofür er gekämpft hat, hätte, wenn erreicht, dazu beigetragen, die Entstehung des Christentums zu erklären und die Vorurteile gegen das Judentum zu zerstören. Im übrigen wäre es noch immer verdienstvoll, unsere erweiterte Kenntnis der Geschichtsquelleu aus dem Zeitalter Jesu in der Methode Strauß" zu einer streng wissenschaftlichen Darstellung dieser großen geschichtlichen Episode zu verwerten. Modernes Judentum. Von D. I. Ziegler-Karlsbad. ^^^chier scheut man sich, das Wort noch auszusprechen. Modernes Judentum! Ein Lächeln der Geringschätzung, ein Achselzucken, und das Urteil ist gefällt. Wäre nicht die Orthodoxie, die sich mit ihm noch immer beschäftigt, kein Hahn krähte mehr nach ihm, sein Schicksal ist in der Geschichte geschrieben und besiegelt: Verdorben, gestorben! Was alles hat doch das moderne Judentum in dem einzigen Jahrhundert seiner Blütezeit verbrochen! Wie ohnmächtig hat es sich erwiesen gegen den zersetzenden Einfluß der Zeit; wie war es nicht imstande, etwas hervorzubringen, das die Juden dem Judentum treu hätte erhalten! Ja, den Totenkult hat es eingeführt, in einem Maße, wie er früher im Judentum nie gewesen ist; „Maskir", „Seelenfeier" ist der Mittelpunkt des Festgottesdienstes im modernen Judentum. Die Synagogen des Reformjudentums sind marktschreierische Kynzerthäuser, aufdringlich und protzig; nicht wohnt in ihnen die Andacht. Und erst seine Rabbiner! Gott sei es geklagt. Käufliche Seelen, die nur an die Erhöhung ihres „Nebeneinkommens" denken. Fällt ihnen ein, die Mutter einer Braut zu erinnern, daß sie ihrer Tochter die Mikwapflicht einschärfe, sie lehre, keusch und züchtig zu bleiben? Nein, das tun sie nicht. Sie bemessen nach dem Reichtum der Familie ihre geschwollenen Reden, bei den Lebenden wie bei den Toten, sie lügen und heucheln. Sprechen sie in ihren Predigten über Kaschruth und Niddagefetze? Bewahre! Leere Phrasen häufen sie und nur Stroh dreschen sie. Und die Herren Kantoren dieses Reformjudentums mit ihrem lächerlichen Notenlesen, mit dem das Gebet erdrückenden Orgelgetöse, mit ihren Melodien, die keine Gefühle erwecken, mit ihrem Chor von Opereltensängerinnen, die den Gottesdienst, „Kunstgenuß" nennen sie ihn, zu einer Komödie verunstalten! Und warum ist das alles so geworden? Weil das Reformiudentum vergessen hat. was Judentum in Wahrheit ist. „Das Judentum ist kein „Glaube", keine Religion im üblichen Sinne des Wortes, das Judentum ist Wissenschaft . . . Die Frömmigkeit setzt Verständnis der Religion, Erkenntnis der Moral- und Zeremonialgesetze voraus, deren Zweck es ist, das Volk zu sittlichen und tugendhaften Menschen zu erziehen, es der moralischen und geistigen Vervollkommnung zuzuführen." Das ist Tenor und Inhalt eines Buches von Jacob Ob er me her, das den vielverheißenden Titel führt: „Modernes Judentum im Morgen- und Abendlande" (Wien und Leipzig 1907. Karl Fromme). Ein Jude aus Bagdad bereist Europa und besucht auch den alten Freund seines Vaterhauses, Herrn Jacob Obermeyer in Wien. Hier nimmt er die Gelegenheit wahr, Tempel und Gottesdienst zu studieren. Nach dem guten Sprichwort: „E Gast auf e Weil, sieht auf e ganze Meil" merkt er sofort die Gebrechen der Reformtempel Wiens und unterzieht sie, sein Gastrecht weidlich ausnützend, einer schonungslosen Kritik. Mit grimmiger Satire schwingt er die Zuchtrute über das gesamte moderne Judentum mit seinen Vorständen und Rabbinern, die Maskir und Kaddisch, also Totenkult, als das Ilm und Auf des Judentums ansehen und damit — die Vorsteher für die Gemeinde, die Rabbiner für sich — gute Geschäfte machen. Ibrahim, so heißt der Gast aus Bagdad, unterläßt es auch nicht, den konservativen deutschen Juden eins aufs Zeug zu flicken, die nur ihre Orthodoxie zur Schau tragen und mit ihr prunken, dabei Unterhaltungen veranstalten, bei denen horribile dictu — Mädchen mit jungen Männern tanzen. — Nach diesem Verdikt Ibrahims sieht sich Herr Obermeyer veranlaßt, nicht nur die vernichtenden Worte des arabischen Freundes zu wiederholen und weitschweifig zu bekräftigen, sondern auch wifsenschastlicki zu erhärten, wie sehr berechtigt die Gefühtsausbrüche Ibrahims seien. An der Hand einer an sich sehr lesenswerten Geschichte des „Maskir" und des Kaddischgebetes setzt er nochmals auseinander, daß der Totenkult dem Geiste des Judentums vollständig widerspreche. Was dem Judentume not tue, meint Obermeyer, ist nicht Totenkultus, sondern die Tradition. „Das Judentum als Rasse wie als Religion kann einzig und allein durch Festhalten am üb erlieferten Ritus der Väter vor dem Untergange bewahrt werden Totenfeier, Mädchenchor und moderne herausfordernde Frauengalerien — diese und ähnliche Requisiten der heutigen sogenannten fortschrittlichen Judenheit — können wohl momentan gewissen Kreisen gefallen, aber sicherlich keine nachhaltige Anhänglichkeit und Liebe zum Judentum bewirken; sie werden früher oder später zum gänzlichen Abfalle führen" (S. 72). Neu sind diese Rekriminationen, Klagen und Vorwürfe gewiß nicht, weder die Ibrahims, noch die Obermeyers. Dennnoch sind sie wert, sich mit ihnen etwas eingehender zu beschäftigen. I. Viele sind der Anschauung, das Reformjudentum sei ein Kunstprodukt frei denkender Rabbiner, das zu vernichten die Rabbiner ebenso imstande wären, wie sie es hervorgebracht haben. Wer die Geschichte der jüdischen Reformbewegung kennt, weiß, wie irrig'diese Anschauung ist. Das Joch der

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