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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-01-24 · Heft 4 (24.1.1908) · p. Seite 42

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 4 (24.1.1908)
Date
1908-01-24
Page
Seite 42 (sequence 8)
Language
German
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irgendwie messianisch deuten ließ. Daraus entstanden' die vielen Widersprüche und Unmöglichkeiten, die dem modernen Forscher soviel zu schaffen machen. Strauß belegt dieses mit verschiedenen Beispielen aus der evangelischen Erzählung, wie vieles seine Entstehung nur dem vorhandenen Bibelwort verdankt, das die evangelischen Schriftsteller dazu allzu wörtlich genommen und mißverstanden haben. Ein krasses Beispiel der mißverständlichen Deutung eines Bibelwortes, das in der evangelischen Erzählung zu einer Unmöglichkeit und zum Widersinn Anlaß gab, finden wir bekanntlich in dem Bericht des Evangelisten Matthäus über den Einzug Jesu in Jerusalem. Der Prophet Sacharja weissagte dem Volke Israel (9, 9): „Frohlocke sehr, Tochter Zion, juble, Tochter Jerusalem! Dein König kommt zu dir, mächtig und siegreich ist er; aber demütig, ans einem Esel reitend, auf einem Füllen, dem Jungen der Eselin!" Wer mit der Kunstform der hebräischen Poesie nur einigermaßen vertraut ist, weiß ja zur Genüge, daß ihr Rhythmus in dem Parallelismus des Gedankens besteht, in der Wiederholung des Gesagten durch andere, synonyme Worte. Der Esel, auf dem der jüdische Heldenkönig nach der Weissagung des Propheten seinen Einzug in Jerusalem halten soll, ist identisch mit dem jungen Füllen, dessen in demselben Verse Erwähnung geschieht. Der Evangelist Matthäus verstand wohl etwas Hebräisch, aber nur äußerst dürftig, so daß er den Esel und das junge Füllen, auf dem der König bescheiden seinen Einzug in Jerusalem halten sollte, für zwei verschiedene Lebewesen hielt. Und da er diesen Bibelvers messianisch deutete und natürlich nur aus Jesus bezog, entstand die absonderliche Erzählung von dem Einzug Jesu in die Hauptstadt Judäas (Evang. Matth., Kap. 21). Welches Kopfzerbrechen hat die Geschichte von der Eselin und ihrem Füllen, auf denen beiden (siehe insbesondere v. 7) gleichzeitig der Messias reiten mußte, den Bibelerklärern in alter und neuer Zeit verursacht! Allerdings waren die andern Evangelisten so glücklich, fein Wort Hebräisch zu verstehen, weshalb sie auch dieser wunderlichen Geschichte entgingen. Markus, Lukas und Johannes lassen Jesus einfach auf ein Eselsfüllen in Jerusalem einziehen. Dieses eine Beispiel mag genügen. Tatsächlich ist die ganze Lebensgeschichte Jesu, alle seine Erlebnisse von der Geburt an bis zu seinem Tode, und selbst die Begebenheiten, die sich an die Ankündigung seiner Geburt knüpfen, entweder biblischen Wundererzählungen nachgebildet oder als Erfüllung messianischer Verheißungen dar- , gestellt. Die Lösung der Frage, was an dieser Erzählung geschichtlich sei, kann hier nicht versucht werden. Aber jedenfalls ist das, was die Evangelisten erzählen, gewiß nicht geschichtlich. David Friedrich Strauß hätte zweifellos, nachdem er diese Wahrheit erkannt hatte, mit seinem kritischen Blick die Entstehungsgeschichte des Christentums gänzlich aushellen können. Es wäre ihm dies gewiß besser gelungen als all seinen Nachfolgern, die durchaus etwas beweisen wollen und deshalb mit den Quellen subjektiv verfahren. Denn Strauß war vor allen ein Wahrheitssucher, der sich würdig an die von ihm so sehr verehrten Geisteshelden Ulrich von Hutten und Lessing anreiht. Indessen wußte Strauß so wenig vom Judentum; außer den biblischen Schriften war ihm auf diesem Gebiete nichts bekannt. Das hatte vor allem zur Folge, daß er nichts Positives geben konnte.' Nachdem er die Ungeschichtlichkeit unwiderleglich nachgewiesen hatte, stand er vor einem Vakuum. Noch schlimmer aber war es, daß er vom jüdischen Leben, von den innern geistigen Strömungen in Palästina und in der Diaspora im Zeitalter des Urchristentums kaum eine Vorstellung hatte. Es war ihm alles fremd, und er konnte es sich nicht erklären. Denn was soll es heißen, die evangelische Erzählung sei durch unbewußte Dichtung in der ältesten christlichen Gemeinde entstanden? Damit ist doch die Kette nur um einen Ring verlängert worden, ohne daß wir dadurch zu dem Ausgangspunkt gelangen. Die beste Erklärung für diese Erscheinung wird man darin zu suchen haben, daß, als sich die ersten christlichen Gemeinden bildeten und die Frage lebhaft erörtert wurde, ob das jüdische Volk bereits an das Ende seiner geschichtlichen Mission gelangt sei und ob man in Jesus den verheißenen Messias aus dem Hause David zu erblicken habe, sowohl die Anhänger Jesu wie dessen Gegner ihre Beweise lediglich aus dem biblischen Schrifttum schöpften. Natürlich waren die Christen darauf angewiesen, die Erzählung von Jesu Erlebnissen so zuzustutzen, daß sie mit den messianischen Weissagungen in der Bibel übereinstimmte. Planmäßig wurde dies nicht vorgenommen, sondern jeder Evangelist handelte nach Gutdünken. So beispielsweise bereits bei der Festsetzung der Genealogie Jesu. Matthäus war, wie bereits erwähnt, etwas bibelkundig; er stellte deshalb einen Stammbaum von David bis Jesus her, wobei ihm nur das kleine Unglück widerfuhr, in der Reihenfolge der judäischen Könige nicht weniger als drei: Ahasja, Joas und Amazja wegzulassen. Damit wir aber ja nicht auf den Gedanken kämen, daß wir es nur mit einem Kopistenfehler zu' tun hätten, wird die Zahl der judäischen Könige genau mit vierzehn bezeichnet. Für die weggelassenen drei Könige ist also in der von Matthäus gegebenen Reihenfolge durchaus kein Platz. Lukas hat mit seiner völligen Unkenntnis des biblischen Schrifttums und des Judentums einen glücklicheren Griff getan. Er läßt Jesus ebenfalls aus dem davidischen Hause hervorgehen, aber nicht von Salomo abstammen, sondern von Nathan, einem andern Sohn Davids, und dann dichtete er eine Genealogie, in der ganz unbekannte Namen Vorkommen. Allerdings hätte diese zweifache Genealogie, in der sich die Erklärer der Evangelien gar nicht mehr zurechtfinden konnten, nur dann irgend welchen Sinn, wenn Jesus wirklich der Sohn Josephs gewesen wäre. Nimmt man aber das Dogma von der übernatürlichen Geburt Jesu an, so weiß man wirklich nicht, wozu sich die Evangelisten mit der Aufstellung der Geschlechtsfolge abgemüht haben. - Demselben polemischen Bedürfnis entsprangen unzweifelhaft die verschiedenen Angabe:: über den Geburtsort Jesu — Bethlehem oder Nazareth. Der zuletzt genannte Ort ist der wahrscheinlichere, und Bethlehem ist auf die Weissagung des Propheten Micha (5, 1) zurückzuführen, die sich die Evangelisten nicht entgehen lassen konnten. Auch ein großer Teil der Jesus zugeschriebenen Wunder ist einfach Nachdichtung der biblischen Erzählungen. Wo die Evangelisten etwas selbständig erfinden, zeigen sie deutlich ihr mangelhaftes dichterisches Können. Es ist sehr bedauerlich, daß David Friedrich Strauß in seinem Wissen unzulänglich war, weshalb sein großes Werk ein Torso blieb. Seine Nachfolger aus der wissenschaftlich theologischen Schule sind oft nicht kenntnisreicher als er, aber minder vorsichtig und gewissenhaft. Wo ihnen der geschichtliche Stoff ausgeht, greifen sie zur Dichtung, und vor allem , ist es heutzutage eine beliebte Methode, die Vorgänge „psychologisch" zu erklären. Die psychologische Erklärung besteht darin, paß man den Dingen einen romantischen Aufputz gibt und dies als geschichtliche Erzählung hinstellt. Die geschichtlichen Tatsachen spielen eben keine Rolle; man gibt nur ein recht trauriges Bild von den damaligen politischen, sozialen und sittlichen Zuständen in der Judenheit und läßt Jesus mitten in diesen moralischen Sumpf auftreten. Woher kam er? Was wollte er? Was hat sich um jene Zeit in Jerusalem abgespielt? Das mögt ihr nehmen, wie ihr wollt. Kann man die übernatürliche

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