Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- Seite 41 (sequence 7)
- Language
- German
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war zum Beispiel die spanisch - arabische Periode des Judentums eine Renaissance, oder die Epoche der messianischen und chassidischen Bewegung. Was ist das Produkt unserer jüngsten Renaissance? Etwa die Erkenntnis, daß unser Können hinter unseren Wünschen zurücksteht, daß die Masse des jüdischen Volkes das ungebrochene, gesunde Volkstumgefühl verloren hat, den Enthusiasmus der Wenigen nicht teilt und nicht versteht? Oder etwa die Einsicht, daß die nationale Idee allein das Judentum nicht mehr aufrütteln, galvanisieren kann, daß man vielleicht tiefer greifen muß, reformatorisch bis ins Innere, zerstörend, wo man.muß, bauend, wo man kann? Bauen. Ein neues Judentum aufbauen, wie das talmudische aus dem prophetisch-biblischen, das maimonidisch-mittelalterliche aus dem talmudischen, das neuzeitliche aus dem durch die Flamme der Kabbala und des Chassidismus ausgegangenen mittelalterlichen Judentum sich entwickelt hat, so muß sich aus dem jetzigen, unzureichenden, unbefriedigenden ein neues jüdisches Bewußtsein entwickeln. Der Aufschwung der schlummernden nationalen Kräfte, das zeitweilige Aufblühen der jüdischen Volksliteratur, neue Stellungen, neue Sehnsucht — alle diese Vorzeichen zeigen uns, daß das „regenerierte" jüdische Bewußtsein erst im Werden ist. Wohin dieses neue Judentum führen wird, ist wohl noch nicht möglich vorauszusagen. Es wird immerhin entscheidend für die Zukunft des Judentums sein. Ich bin der Ansicht, daß es einmal doch zu einer großen Scheidung im Judentum kommen muß, die einen neuen Rucleus, eine Zentralidee schassen wird. Die jüngste „Renaissance" war zugleich eine Heeresschau. Multi vocati, pauci electi. . . „Renaissance"! Wir haben den Namen übernommen und uns einen Begriff suggerieren lassen, der der Wirklichkeit nicht entsprach. Deshalb können wir auch nicht von der „Neige der Renaissance" reden. Es ist vielleicht eine Desillusion, die Macht der Wahrheit über die Dichtung, die Auflösung einer' Form. Eine wahre Renaissance hatten wir noch nicht Höchstens eine Vorahnung, eine Vision. Entstehen und Vergehen berühren sich, Ende und Anfang. Aus dem jetzigen Zustande können zwei Möglichkeiten erlösen — Auflösung oder Anderswerden, lertiurn non äatur. Aber wie soll das Anderswerden sich ausdrücken, welche Form annehmen? Die Frage ist gestellt?) i) Wir haben den obigen Aufsatz, obwohl wir mit demselben keineswegs in allen Dingen einverstanden sind, gern zum Abdruck gebracht: erstens, weil wir trotz aller Enttäuschungen, an unserm alten Programm festhalten, alle Richtungen innerhalb des Judentums zu Worte kommen zu lassen, sodann aber, weil er uns ein überaus charakteristisches Symptom für die Stimniung in jenen Kreisen unserer Jugend zu sein scheint, die vor fünfzehn Jahren noch von einer „nationalen Renaissance" träumten und schwärniten, und die nun, weil ihre Blütenträume verwelkt sind, alle Hoffnung schwinden lassen. Unser Ideal von der Renaissance des Judentums ist aber ein anderes. Wir glauben an diese Renaissance noch immer und hoffen zuversichtlich, daß sie das moderne Judentum zu neuem Leben erwecken wird. Alle Erscheinungen der Zeit, alle Nachrichten des Tages bestärken uns in diesem Glauben. Und gerade dcr Ausdruck der Empfindungen unserer Jugend — und zwar der besten in ihr, zu denen wir unbedingt den Autor dieses Aussatzes zählen — bekräftigt unseren Optimismus. Derselbe baut sich allerdings auf dem Gedanken einer neuen Weltanschauung, einer „Zentralidee" auf, wie der Verfasser sagt, die aber durchaus nicht etwas Neues. Ungeahntes ist, sondern die Erfüllung alles dessen, was die Vertreter der Reform im Judentum seit mehr als einem Jahrhundert die Versöhnung zwischen dem alten Judentum und der modernen Weltanschauung genannt und heißersehnt haben. Die Red. David Friedrich Strauß. Von Dr. S. Bernfeld. as Zeitalter der Aufklärung in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts sah sich in erster Reihe genötigt, sich mit dem Christentum auseinanderzusetzen. Den Wortführern dieser Bewegung fehlte es aber an der Kenntnis der Geschichtsquellen; sie waren völlig im unklaren darüber, wie das Christentum entstand und wie es sich später religionsgeschichtlich entwickelt hat. Das Studium der evangelischen Bücher und der Kirchenväter bot ihnen keine genügende Aufklärung, einmal deshalb, weil ihre Aussagen untereinander sich widersprechen, und dann auch aus dem Grunde, weil da das Christentum als etwas Fertiges, in sich abgeschlossenes geschildert wird. Selbst die Person Jesu und die an sie geknüpften Erzählungen boten den aufgeklärten Schriftstellern schwer zu lösende Rätsel. Ist das im Evangelium Erzählte geschichtlich oder nicht? Und wie soll man sich die vielen Wunder erklären, von denen dieses Schrifttum voll ist? Es entstand als natürliche Folge aller dieser Zweifel und Anregungen die sogenannte rationalistische Schule, welche alles auf natürliche Vorgänge zurückzuführen sich bemühte. Es ist bekannt, welches Aussehen Lessing mit der Veröffentlichung der „Wolfenbüttler Fragmente" in Deutschland hervorgerufen hat. Trotzdem uns heutzutage der Versuch Reimaruv, die Persönlichkeit Jesu selbst und alle im evangelischen Schrifttum überlieferten Vorgänge durch eine Art politischer Jntrigue zu erklären, geradezu unglaublich erscheint, hat er bekanntlich damit in Deutschland Schule gemacht. Jahrzehnte hindurch mühten sich deutsche Theologen damit ab, den Hergang der Ereignisse auf ähnliche Weise zu erklären. In dem Streit der Meinungen, der sich um die rationalistischen Hypothesen drehte, hat David Friedrich Strauß vor mehr als siebzig Jahren mit seinem sensationell wirkenden „Leben Jesu" eingegriffen. Was hatte eigentlich Strauß gegen seine Vorgänger aus diesem Gebiete der geschichtlichen Forschung voraus? Eigentlich nur den klaren Blick, den alle theologische Scholastik nicht zu trüben imstande war. Daß er das biblische Schrifttum gut kannte und deshalb in der Lage war, die angeblichen christologischen Beweise im Alten Testament nach ihrer Richtigkeit zuprüfen, darf nicht als überraschend bezeichnetwerden. Mit der Bibel waren ja die protestantischen Theologen seit Jahrhunderten vertraut, und es ist kaum zu begreifen, wie sie die evangelischen Schriften lesen konnten, die sich auf Schritt und Tritt auf altbiblische Verheißungen berufen, ohne gleich darauf zu kommen, daß die herangezogenen biblischen Zitate fast durchgehends falsch, entstellt, aus dem Zusammenhang gerissen oder sinnwidrig erklärt wiedergegeben sind. Die protestantische Theologie, wie auch die ältere Kirchenliteratur, gab sich jede erdenkliche Mühe, die vielen Widersprüche in der evangelischen Erzählung auszugleichen. Vor Strauß aber fand sich kern christlicher Gelehrter, der vor allem die biblischen Zitate, auf die sich die evangelische Erzählung beruft, nachzuprüsen unternahm. Indem David Friedrich Strauß dies tat, ging ihm erst ein Licht darüber auf, wie diese Erzählung entstanden ist. Er bezeichnete sie als unbewußte Dichtung in dem Kreise der ältesten christlichen Gemeinde. Die Leute lasen die Bibel, insbesondere die messianischen Verheißungen für die Zukunft Israels, und da sie im Glauben waren, daß alle diese Verheißungen bereits in Erfüllung gegangen waren, so knüpften sie daran die Dichtung. Strauß meint unbewußt, daß sich alles genau so zugetragen habe, wie die Propheten Israels dem Volke vorausgesagt hatten. Die evangelischen Schriftsteller wollten alles in Erfüllung gegangen sehen, was sich