Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- Seite 40 (sequence 6)
- Language
- German
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schast, die Gruppe betreffend, als den einzelnen. Die Italiener unterscheiden genau zwischen einer Politischen und einer kulturellen „Wiedergeburt". Die eine nennen sie „Risorgimento" — Erhebung — die andere Rinaseimento — Renaissance. Eine politische „Erhebung" kann gelingen oder mißlingen, ohne daß eine wirkliche, durchgreifende Aenderung stattfindet, eine kulturelle verfehlt nie ihre Wirkung, läßt tiefe Spuren für immer im Volke zurück, auch wenn sie sich erschöpft, auch wenn sie zur Neige geht. Nach dem mächtigen, weltgeschichtlichen „Cinquecento" kam das manierliche, kleine „Leieento", kamen die Nachahmer, die Verkleinerer. Aber die einmal erworbenen Werte wurden psychische Qualitäten und gingen nicht zugrunde. Wir hatten also auch eine „Renaissance", und wir sind schon am „Seicento" angelangt, an der Neige einer Epoche. Es ist seltsam, es ist traurig. Eine „Renaissance", die 10 bis 15 Jahre dauert und schon am Ende ist! Eine „Wiedergeburt", die nicht einmal eine Generation in ihrem Banne hielt, die keine tiefe, lange nachwirkende Begeisterung auszulösen vermochte! Einen Weg, den andere Völker in einem Jahrhundert zurücklegen, hat das jüdische in einer möglichst kurzen Spanne hinter sich. Wir leben rasch. . . Es war. . . Ich glaube, man kann schon im Perfektum sprechen. Es war eine neue jüdische Literatur entstanden — und sie geht zugrunde. Es waren Ansätze zu einer nationaljüdischen Kunst, in der sich die wahre Seele des jüdischen Volkes, die man so wenig kennt, weil sie sich nie in ihrer Wahrheit gibt, widerspiegeln sollte — über die Ansätze ist man nicht hinausgekommen. Der Faden des jüdischen Gedankens, der so lange vernachlässigt, vergessen war, wurde wieder ausgenommen — um bald fallen gelassen zu werden. Man hat über den „jüdischen Menschen" soviel und so oft geschimpft, daß dieser selbst schließlich an sich Anstoß nahm und ein anderer sein wollte. Er glaubte, er sei es geworden. Aber die Ebbe kam — und er sah, daß es nur ein Wollen war, nicht ein Werden. Die Ebbe. Allzufrüh kam sie, kaum daß man sich dessen versah, früher als man vermuten konnte. Eine große Müdigkeit ist über das Judentum gekommen, eine Gleichgültigkeit. Ein Blick aus die Zustände im Osten Europas, wie im Westen zeigt uns das trübe Bild. Grau, umnebelt, am Horizonte Zweifel und Sorgen wie Wolkenfetzen, und in der Ferne die immer weiter zurückrollende Welle der Begeisterung, des Glaubens an sich und an die Zukunft. Daß hier oder dort jüdisch-nationale Politik mit größerem oder kleinerem Erfolge getrieben wird, ändert wenig an der Tatsache. Es sind verzweifelte Versuche, Dämme aufzustellen, wo kein Damm helfen kann, zu retten, was zu retten ist. Es ändert wenig — denn schließlich ist es Zeitpolitik, vielleicht gut für den Augenblick, unhaltbar für die Dauer. Weder in Oesterreich noch in Rußland werden die Juden je zur nationalen Geltung gelangen. Das wissen die Juden, sie empfinden es instinktiv — und wenn sie auch manchmal den Träumen der „Autonomisten" Gehör schenken, wissen sie nur zu gut, daß es nur Träume sind. Sie wissen es, weil sie instinktiv fühlen, daß sie kein inneres, festes Band mehr haben, das sie zu einer einheitlichen Gruppe, mit eigenen Interessen und Idealen, machen würde. Wenn sich eines schönen Tages der Traum der Autonomisten verwirklichen und den Juden Rußlands und Oesterreichs eine eigene Volksvertretung gewährt würde, sie wüßten nicht, was sie damit anfangen sollten. Sie müßten nicht nur Mittel, sondern Ziele schaffen. Politik ist nur die Form, der „Modus" des wirklichen Volkslebens. Ist dieses echt, dann kann auch die Politik erfolgreich sein. Aber nur unter dieser Voraussetzung. Wir haben diese Voraussetzung gemacht, sie für eine Selbstverständlichkeit gehalten. Aber einige Jahre genügten, um zu beweisen, daß es gar nicht selbstverständlich sei. Besonders die letzten zehn Jahre, voller aufreibender, angestrengter und unermüdlicher Parteiarbeit, ein Dezennium nationaler Politik, wie es das Judentum schon seit Jahrhunderten nicht erlebte, bewies, daß man aus reiner Logik, und sei es auch Gefühlslogik, keine Politik bauen kann. Einer der ernstesten und tiefgreifendsten Vorwürfe gegen das Judentum, als psychische Qualität, als Kulturwert, der von manchen Denkern erhoben wird, ist der, daß das Judentum keine Probleme kennt. Für den Juden ist alles klar. Wo für den Nichtjuden ein Abgrund gähnt, sieht der Jude eine unbedeutende Spalte, die er übersieht oder überspringt. Ob gerade darin der Fehler der Juden liegt, glaube ich nicht. Der Jude ist ein Grübler, und ein Zweifler, ein Mensch des „Warum". Aber seine Schwäche liegt darin, daß er seine Probleme von außen entlehnt, sie sich suggerieren läßt. Sie wachsen nur selten aus ihm selbst heraus, sind keine Lebensnotwendigkeit für ihn. Deshalb ist auch sein Verhältnis zu ihm kein tiefes. Ich spreche nicht vom geschichtlichen Juden, sondern vom modernen, wie er geworden ist. Das Judentum hat noch nicht seinen wahren Geschichtsschreiber gefunden, der den Zeitpunkt bestimmen würde, wann der Jude sich vom Judentum getrennt hat. Diese Trennung ist wirklich vor sich gegangen. Und eines schönen Tages standen sich die Idee und der Täger der Idee entfremdet gegenüber. Zwischen dem Juden und dem Judentum ist ein Drittes, Scheidendes dazwischen getreten — das moderne Leben. Aus ihm schöpft der Jude seinen Inhalt, seine Bejahung und seinen Zweifel — das Judentum ist etwas Sakrales geworden. Erlebtes und nicht Erlebtes. Für feinere Menschen ist ein solcher Zwiespalt ein notwendiges Uebel. Aber der Jude nimmt seine Probleme von außen — und draußen, in der großen, weiten Welt geht der Kampf um „Vereinheitlichung" vor sich. Einheit auf jedem Gebiete — politisch und kulturell. Eiue einheitliche Weltanschauung, die Glauben und Wissen vereinen, überwölben soll. Und diese Parole drang ins Judentum und bewirkte die Renaissance. Sie war eine Notwendigkeit. Unbedingt. Auf die Dauer war der Zustand der Halbheit, der Verwirklichung des Mendelssohnschen Ideals des Juden unhaltbar. Da das Judentum nichts mehr bieten konnte, so mußte ein neuer Weg gefunden werden. Es wollte anfangs scheinen, daß das jüdische Volk in der Tat diesen Weg beschreiten werde. Es organisierte sich politisch, es nationalisierte sich. Eine Literatur erwuchs in einer, zwei, drei Sprachen. Eine Reihe von Dichtern, Schriftstellern erstand. Doch was boten sie? Fremdes. Was brachten die nationalen Dichter dem Volke eigenes, das einen neuen Markstein in der intellektuellen Entwicklung des Judentums bezeichnen würde? Was haben die Hunderte hebräischer und „jiddischer" Bücher in das jüdische Leben hineingebracht, um welches neue. Element es bereichert? Die größten jüdischen Schriftsteller — Mendele Mocher Sforim, in gewisser Hinsicht Perez — sind nicht Vorläufer und nicht Verkünder der „Renaissance", sondern vielmehr Ausläufer, Vollender einer nationalen Kulturepoche, die jüdisch war. Es war eine Ungebrochenheit in jenem Leben, ein Eigensinn. Er ist nicht mehr. Jede Renaissance ist wirklich, wenn sie monumentale Werke und unvergängliche Werte hervorbringt, Monument der nationalen Schaffung. In diesem Sinne