Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- Seite 39 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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werden solche Projekte, die nach genauer Einsicht der Verhältnisse vorgelegt werden, wirkliche und anhaltende Hilfe für Galizien dringen. Behufs Ausführung dieser Pläne ersuchen wir alle unsere edlen Gönner, alle Wohltätigkeitsvereine im Auslunde, wie überhaupt alle jene, welche sich mit galizischem Hilfswerke befassen, unserem Vereine ihre Sympathie zuzuwenden und uns mit Rat und Tat behilflich zu sein. Wir wenden uns vor allem an jene aus Galizien stammenden Glaubensgenossen, welche in ihrer neuen Heimat Vermögen und Ansehen erworben haben, aber doch noch das Elend und die Not ihrer Brüder im Geburtslande in Erinnerung behalten und infolgedessen mit unseren Absichten und Wegen einverstanden sind, mit der Bitte, daß sie die Zwecke des Vereins nach Möglichkeit und ihren besten Kräften fördern. Für den ,.Hilfsverein für galizische Juden zu Kolomea" — I. Weber, Dr. Landau. Dieser Ausruf redet eine deutliche Sprache, die hoffentlich allen zu Herzen gehen wird, die in der Lage sind, hier helfend einzngreifen. & Nicht geringer, ja womöglich noch größer ist das Elend in Rußland, vor allem in Polen. Die Frage, wie diesem furchtbaren Elend des jüdischen Proletariats zu steuern ist, hat innerhalb der jüdischen Intelligenz den Plan gereift, eine Delegiertenkonferenz aller jüdischen Gemeinden Polens einzuberufen, die erwägen soll, auf welche Weise die jüdische Masse zu Fabrikarbeitern ausgebildet werden kann. Man gedenkt, die Errichtung eines Aktienunternehmens mit einem Kapital von mindestens zwei Millionen Rubeln, die durch kleine Anteilscheine Zusammengebracht werden sollen, zu beantragen. Mit diesem Gelde sollen Fabriken geschaffen werden, die vornehmlich Juden beschäftigen sollen. Um aber der inländischen Industrie keine Konkurrenz zu machen, sollen zuständige Fachmänner beauftragt werden, neue Industriezweige anzugeben, die nur aus Mangel an entsprechender Initiative noch nicht gepflegt wurden. Vorläufig haben verschiedene der dort aus Rußland angekommenen Juden ein neues Arbeitsfeld gefunden. Bisher hatte man in Warschau zum Beispiel keine jüdischen Maurer gehabt, weil sich das Einhalten der Sabbatruhe mit der normalen Arbeitszeit nicht in Einklang bringen ließ. Die neuen Maurer, die nun die ärmsten dortigen Juden mit Ziegeltragen beschäftigen, arbeiten am Sonntag statt am Sonnabend. Die erste Arbeit fanden die Leute bei dem Bau der Staatsbank. Sie sollen recht tüchtig sein. * Die Lage der Juden in Fez ist in den letzten Tagen sehr gefährlich geworden, da in der Umgegend das Gerücht von einer Plünderung der Stadt verbreitet war und viel Reiter aus dem Lande kamen, um daran teilzunehmen. In Fez herrschte außerdem Erregung durch die falsche Nachricht, daß zwei Araber durch Juden getötet worden seien. Die Juden opferten bei verschiedenen Heiligen in der Araberstadt, um den Schutz der betreffenden Stadtviertel gegen den Pöbel zu erbitten, was auch gewährt wurde. Dem „Journal de Paris" sind ähnliche Meldungen zugegangen. Es war vorauszusehen, daß die gespannte Situation zwischen dem Sultan und dem Thronprätendenten, der den heiligen Krieg erklärt haben soll, vor allem für die zwischen den feindlichen Parteien stehenden Juden sehr gefährlich werden würde. Große Aufregung herrscht jetzt in Amerika wegen eines Gesetzentwurfs, welchen der Senator Lotimar aus North- Carolina als Amendement zum bestehenden Einwanderungs- I gesetz im.Kongreß eingebracht hat und der noch in dieser Session zur Verhandlung gelangen soll. Dieses „Amendement" bedeutet eine ungeheure Einschränkung der Einwanderung nach Amerika, durch welche, wenn es Gesetz würde, die jüdischen Emigranten am härtesten betroffen würden. Der Vorschlag Lotimars hat folgenden Wortlaut: „Personen, welche des Lesens und Schreibens unkundig sind, wird die Landung verweigert. Auch soll jenen Personen die Landung verweigert werden, welche nicht im Besitze eines Zeugnisses ihrer Heimatsregierung sind, daß sie niemals wegen eines Verbrechens oder Vergehens verurteilt oder angeklagt waren, das geeignet wäre, einen Schatten auf die Moral des Emigranten zu werfen. Ausgeschlossen werden ferner all jene Personen, deren Schiffskarte nachweislich von einer anderen Person bezahlt wurde. Eine Ausnahme hiervon bildet nur der Fall, wenn ein Mann seine Frau oder ein Vater sein Kind herüberkommen läßt. Die Landung wird auch allen Kindern unter 16 Jahren verweigert, die nicht in Begleitung ihrer Eltern kommen. Schließlich wird beantragt, daß von einem Lande oder einer Nationalität nicht mehr als 50 000 Einwanderer jährlich in die Vereinigten Staaten hereingelassen werden sollen." Die Bedeutung dieses Gesetzes für die jüdischen Emigranten liegt klar auf der Hand. Da in dem Gesetzentwürfe ein sogenanntes Wohlverhaltungszeugnis aus der alten Heimat verlangt wird, so wäre für den Fall, daß Lotimars Antrag angenommen würde, kein russischer Jude, der aus politischen Gründen seine Heimat verläßt und sicherlich kein Wohlverhaltungszeugnis mitbringen kann, mehr imstande, nach Amerika zu kommen. . Aber noch schlimmere Folgen könnte der Schlußantrag in diesem Amendement für die Juden haben. Die Statistik der letzten Einwanderungsjahre weift 250000 jüdische Einwanderer pro. Jahr aus. Die meisten kommen aus Rußland. Was soll dann mit diesen Aermsten geschehen? Die Nachricht von der Einbringung dieses Antrags, der, wie die New Hcwker „Wahrheit" Meldet, sogar schon zweimal gelesen worden sein soll, hat in den Kreisen der eingewanderten Juden, die immer hoffen, ihre in Rußland zurückgelassenen Angehörigen herbeizubringen, große Bestürzung hervorgerufen. Wir erinnern jedoch daran, daß der amerikanische Handelsminister Oskar Straus sich in seinem Berichte, den er dem Kongresse vorlegte, gegen den Versuch, einen Numerus clausus einzuführen, entschieden ausgesprochen hat und daß Noosevelt wiederholt erklärt hat, an dem Einwanderungsgesetz nicht rütteln zu wollen und die Aenderung des Gesetzes seinem Nachfolger zu überlassen. Die Meigr einer Sensillsnre. Von A. Corcrlnik. or einigen Jahren — es ist noch nicht lange her — wurde die Welt durch eine merkwürdige Kunde überrascht: das Judentum erwacht zu neuem Leben, ein Prozeß der Wiedergeburt, einer Renaissance geht durch das uralte, beinahe totgesagte. Volk. Die am Judentum und seinen Möglichkeiten zweifelten oder verzweifelten, horchten erstaunt, vielleicht ungläubig auf. Und die noch im Judentum wurzelten, am Volkstum hingen, eine neue Zukunft erträumten, stimmten begeistert ein. Renaissance! Bei diesem Worte denkt man unwillkürlich an das Cinquecento. Eine Reihe von machtvollen, überfprudelnden, schöpferischen. Persönlichkeiten, jede ihren eigenen Weg wandelnd und alle' zu einem Ziele geleitend, zur Umformung des Gegebenen, Hervorbringung neuer Lebensnuancen. Weniger politisch als kulturell, weniger die Gesell-