Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-01-24 · Heft 4 (24.1.1908) · p. Seite 38

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 4 (24.1.1908)
Date
1908-01-24
Page
Seite 38 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228803--64151-3276202
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Gerechte sich unter ihr befänden, und, wenn auch nur einer sich unter ihr befände, wollte der angebliche „Gott der Rache" Gnade walten lassen!' Und das Blatt des Priesters der „Religion der Liebe" dreht den Spieß ganz um und statt milder, zu sein als der jüdische Erzvater vor Jahrtausenden gewesen ist, ist es unendlich härter, grausamer. Das ist unseres Dafürhaltens weder christlich, noch jüdisch, das ist ungerecht im denkbar höchsten Grade. Es ist notwendig, dies vor aller Oessentlichkeit zu erklären, und wenn die Welt nicht außer sich gerät ob solcher Ungerechtigkeit, dann kann der einzige Grund dafür nur der sein, daß sie von Antisemiten. gar nichts anderes erwartet als das auf den Kopf stellen, wie neulich der Logik, so diesmal auch der allereinfachsten Gerechtigkeit. Bit Woche. Berlin, 21. Januar, er neue preußische Etat enthält, — es ist etwas Neues und man fühlt sich im ersten Augenblick fast nach Baden, Württemberg oder dem Elsaß versetzt, wo der Staatsanschlag auch den jüdischen Kultus berücksichtigt, — auch eine Aufwendung für Zwecke des jüdischen Gottesdienstes. Man freue sich indes nicht zu früh! In dem für das Jahr 1908 aufgestellten und noch der Genehmigung des preußischen Abgeordnetenhauses unterliegenden neuen Etat werden bei der Justizverwaltung, da der bei dem Strafgefängnis in Plötzensee zur Abhaltung des jüdischen Gottesdienstes dienende Raum nicht mehr ausreicht, 100 000 Mark für bauliche Erneuerungen gefordert; es soll ein im Lazarettgebäude verfügbarer Saal für jene Kultuszwecke eingerichtet werden. Die Forderung des Justizministers wird natürlich im Abgeordnetenhause anstandslos bewilligt werden. Immerhin vernehmen wir Juden die neue Kunde „mit einem heiteren, einem nassen Auge", wie der Dichter sagt. Daß in einer Dreimillionenstadt auch die Zahl der jüdischen Strafgefangenen zunimmt, so daß erhöhte Aufwendungen für die Seelsorge der Internierten notwendig werden, ist nicht wunderbar, — daß aber der preußische Staat zum erstenmal Geldmittel für den jüdischen Kultus, sei es auch der unglücklichen Strafgefangenen, hergibt, ist immerhin ein Novum, und man darf auf die Debatte im Abgeordnetenhause bei dieser Position des Etats gespannt sein. Es ist glücklicherweise der Justiz-Etat, bei dem hier Geld für den jüdischen Kultus gefordert wird; wäre es ein anderer Etat, so machten alle unsere Gegner auch bei der geringsten Forderung schleunigst mobil. * Die „Kreuzzeitung" schreibt anläßlich einer Polemik mit der alldeutschen Presse in Sachen der Flottenvereinskrisis: „Wir wünschen und hoffen zuversichtlich, daß der Deutsche Flottenverein einer Reorganisation entgegengeht, wenn er sich erst aus der Herrschaft der alldeutschen Leidenschaften befreit hat und zu einer gemeinsamen Angelegenheit aller Deutschen geworden ist, die auf dem Boden des Reichsgedankens stehen. Er kann Großes wirken, wenn er stillschweigend annimmt, daß sich die nationale Gesinnung bei seinen Mitgliedern von selbst versteht. Auf Polen und Sozialdemokraten rechnet er ja nicht. Aber er darf so wenig im Prinzip zentrumsseindlich sein, wie er antisemitisch sein darf. Seine Politik mutz einigend, nicht trennend sein, muß die Parteien zusammenfassen, nicht verhetzen." Also antisemitisch darf der Flottenverein auch nicht sein! Es geschehen Zeichen und Wunder! Der Hilfsverein für die galizischen Juden, über dessen Konstituierung wir jüngst berichtet haben, erläßt den folgenden Aufruf zur Hilfsarbeit für dieselben: Die soziale und geistige Not der Juden in Galizien wird immer größer. Das Elend erfaßt mit jedem Tage immer breitere Massen des galizischen Judentums. Jede Stufe des allgemeinen - ökonomischen Fortschrittes des Landes wird derart ausgenutzt öder bewirkt mechanisch, daß sie nur eine neue Quelle jüdischer Bedrängnis wird. Die Handhabung der Gewerbeordnung, die strenge Durchs führung der Sonntagsruhe, die Bildung christlicher landwirtschaftlicher Vereine mit „katholischen" Handlungen, die Propinationseinlösung, die Monopolisierung des Salzhandels — entreißen immer mehr Erwerbsquellen aus den Händen der galizischen Juden, welche, auf ein sehr enges Arbeitsfeld beschränkt, untereinander maßlos konkurrieren müssen, ja sich einander geradezu das Brot aus dem Munde nehmen. Alles dies wirkt verhängnisvoll auf die jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden (Ackerbau in Kleinwirtschaften wird von Juden fast gar nicht betrieben). Die Aktionen der auswärtigen Hilfsvereine sind leider nicht genügend; es schreitet deshalb das Hilfswerk für die galizischen Juden fast gar nicht fort, und oft werden große Summen, welche auswärtige Wohltätigkeitsinstitutionen für Galizien bestimmen, nur nutzlos verwendet. Die wichtigste Ursache, weshalb dieses Hilfswerk dem guten Willen der zu so großen Opfern bereiten auswärtigen Vereine nicht entsprechend fortschreitet, liegt vor allem darin, daß diese Wohltäter in Unkenntnis über die wirkliche Lage der galizischen Juden und deren wirtschaftliche Verhältnisse sind, und daß die Masse der galizischen Juden an dem Hilfswerke nicht mitarbeitet. Es mußte deshalb ein Hilfsvereiu gegründet werden, welcher, um den galizischen Juden von Nutzen zu sein, in Galizien selbst seinen Sitz haben und von galizischen Juden, denen die Verhältnisse des Landes genau bekannt sind, geleitet, werden soll. — Die nächsten Ziele dieses von der k. k.- galizischen Statthalterei bereits genehmigten Vereins sind: 1. Sammlung genauer statistischer Daten über jeden einzelnen Juden in Galizien. Es soll die Lage jeder einzelnen jüdischen Familie, besonders aber die Arbeitsfähigkeit und Fertigkeit jedes einzelnen Familienmitgliedes sowie deren Gesundheitszustand genau festgestellt werden. Die Kenntnis dieser Einzelheiten erscheint unerläßlich, bevor man überhaupt zu einer positiven Arbeit schreitet. Auf Grund dieser Statistik hoffen die Gründer, sowohl Ursache und Grad der jüdischen Armut genau kennen zu lernen, als auch in der Lage zu sein, die zweckdienlichsten Mittel zur Behebung derselben anzugeben. 2. Organisierung der jüdischen Arbeitsvermittlung im ganzen Lande. Bisher Pflegte der Jude einer kleinen Stadt, der arbeitslos war, auszuziehen und planlos zu wandern, bis er Arbeit fand. Glückte es ihm, Arbeit irgendwo zu finden, so lange der kleine Barvorrat, den er vom Hause mitnahm, nicht erschöpft war, so war das Uebel nicht so groß, gingen aber die geringen Geldmittel aus, ehe er Arbeit fand, so begann er unter dem Vorwände, auf der Arbeitssuche zu sein, seine Glaubensgenossen um Unterstützung anzngehen, und allmählich ward er dann zum Professionsbettler, der für eine Arbeit nicht mehr zu haben war. Hunderte solcher Bettler leben jetzt in Galizien, die niemals so tief gefallen wären, wenn sie seinerzeit, als sie auszogen, Arbeit zu suchen, bestimmte Ziele gehabt hätten, wo sie auch wirklich hätten ihren Fähigkeiten entsprechende Arbeit finden können. Ueberall bestehen bereits solche Arbeitsvermittlungen für Juden, nur nicht in Galizien. Der Verein will auch die Hausindustrie fördern und den Absatz der fertigen Ware erleichtern. Die Errichtung von Gewerbeschulen für alle Handwerke, in denen die Zöglinge einen dem Leben der galizischen Juden angepaßten Unterricht genießen sollen. Mithilfe bei Errichtung kleiner jüdischer Landwirtschaften. 4. Die Errichtung von Wohlfahrtsanstalten in jeder galizischen Stadt, damit das körper- und seelenverderbende Schnorrerwesen im Lande allmählich ein Ende nehme. 5. Einberufung von Lokalkonferenzen unter möglichst großer Beteiligung behufs Beratung und ‘ Beschlußfassung über die Mittel zur Verbesserung der Lage und behufs Ausarbeitung von Hilfsplänen. Der Verein hat gar keine politische Tendenz, und kann deshalb ' jedermann demselben beitreten. . Aus diese Weise wird höchstwahrscheinlich Galizien aufgerafft, aufgemuntert und zur Selbsthilfe angespornt werden. Hoffentlich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.