Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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72. Jahrgang. Nr. 4. Berlin, 24. Januar 1908. Allgemeine eitung desAudenlumL Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonneinen ts-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere veririebsst-llen) bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redakteur: Gustav Aarxeles. Begründet von Rabbiner De. Ludwig Philipxson. Verlags-Expedition; Berlin, Jerasalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Siroße Hb/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. GerkchtigKkit. Berlin, 21. Januar, ie Antisemiten sind in beständiger großer Sorge, daß dem Verlangen der Juden nach Gleichberechtigung, wie es vom Verbandstag der deutschen Juden im Oktober vorigen Jahres in einer Resolution gestellt worden ist, am Ende doch ivillfahrt werden könnte. So schlachten sie denn den Prozeß Harden nach Möglichkeit und Unmöglichkeit aus, um der deutschen Nation zu beweisen, daß Juden Gerechtigkeit und Gleichberechtigung nicht verdienen. Hat wirklich, fragt beispielsweise ein hiesiges Antisemitenblatt, die Stunde geschlagen, um Männern wie Harden, wie Bernstein, wie Magnus Hirschfeld die Offiziers- und Beamtenlaufbahn zu öffnen? Es erwartet ohne weiteres eine verneinende Antwort. Wir ineinen, daß selbst viele Gegner Hardens, seine sonstige Befähigung vorausgesetzt, die Frage nicht so ohne weiteres verneinen würden, finden es aber geradezu von erschütternder Komik, daß gerade wegen dieses Prozesses die Herren Harden und Genossen nicht — Offiziere werden sollen! Und im übrigen: Männer wie Harden, wie Bernstein ist in Preußen jede Laufbahn offen, denn sie sind ja — getauft, und der Taufzettel ist auch heute noch das „Entreebillet zur europäischen Kultur". Wir glauben, daß wir schon bei einer früheren Gelegenheit einmal bemerkt haben, daß wir nicht den geringsten Anlaß haben, uns für jene Herren auch nur im geringsten zu ereifern. Sie sind nicht nur vom Judentum abgefallen, sie haben sich ihres Abfalls sogar besonders gerühmt, und einer von ihnen hat, was sonst nur die schlimmsten Renegaten tun, das Judentum bekämpft. Für einen Abtrünnigen und Feind des Judentums legen wir wahrlich keine Lanze ein, wird auch niemand von uns verlangen, daß wir es tun. Aber auch ganz abgesehen von seinem Verhältnis zu den Juden ist Herr Harden nicht nach jedermanns Geschmack. Das darf uns aber nicht abhalten auzuerkennen, daß er ein hochbegabter Mann ist, und daß er sich unseres Wissens bisher nichts hat zuschulden kommen lassen, das seine Ausschließung aus der Offizierslaufbahn oder der der höheren Beamten rechtfertigen könnte. In der Gerichtsverhandlung gegen ihn ist auch von gegnerischer Seite seine bona fides zugegeben, sein Patriotismus, seine gute Absicht anerkannt worden. Wenn ein Mann, der wie Harden mitten im heftigsten Preßkampse steht, wegen Beleidigung bestraft wird — noch ist übrigens das Urteil nicht rechtskräftig, und es kann, wie auf die Freisprechung die Verurteilung gefolgt ist, auf diese wieder Freisprechung erfolgen — verliert er noch nicht die bürgerlichen Rechte. Noch weniger können wir ausfindig machen, was in aller Welt gegen den Justizrat Bernstein sprechen soll, warum er unwürdig befunden werden müßte, in die Beamtenhierarchie eingereiht zu werden, falls ihn danach gelüstete. Er hat als Verteidiger nur seine Pflicht getan, das Interesse seines Klienten wahrgenommen, und wenn er manchmal scharf gefeuert hat, so hat er das doch nur getan, weil er die ekelhaften Schmutzgeschichten glauben mußte, die ihm von den Zeugen mitgeteilt worden waren. Daß diese Zeugen sich nachher als unzuverlässig erwiesen haben, daß einige umgefallen sind, dafür kann er nichts. Herrn Dr. Magnus Hirschfeld ist vom Oberstaatsanwalt selbst eine Ehrenerklärung gegeben worden. Ob er eine erste Autorität in seiner „Spezialwissenschaft" ist, ob er diese Wissenschaft in geeigneter Weise gefördert hat, das zu beurteilen sind wir nicht in der Lage. Aber es wird doch in Deutschland einem Forscher noch gestattet sein, eine eigene Theorie zu haben, sich gründlich zu irren, bis zur Erschlaffung ein Steckenpferd zu reiten, ohne , gleich seine Ehre zu verlieren. Was übrigens die Sache selbst betrifft, so erklären wir ohne weiteres, daß wir den sechs Forderungen, die die Herren Pastoren Philipps und Manheim bezüglich des § 175 in demselben Blatte stellen, ohne weiteres zustimmen, wie unangenehm dies auch den Herrschaften sein mag. Aber gesetzt selbst, diese drei Herren wären die größten Bösewichter. Wie darf man nach drei Männern einen ganzen Volksstamm, eine ganze Religionsgesellschaft beurteilen und zur Rechtlosigkeit verurteilen? Millionen Deutsche würden mit Entrüstung oder mit Hohnlachen es zurückweisen, wollte man sie nach Herrn Stöcker, Pückler, Ahlwardt und noch einigen Dutzend solcher antisemitischer Herren beurteilen. Und gerade jenes Blatt sollte sich doch hüten, mit Bezug auf Herrn Harden „Schmock" zu zitieren, der rechts und links schreiben kann. Binnen Jahresfrist etwa hat es erst brutal-antisemitisch, dann heidnisch-antisemitisch und endlich christlich-sozial-antisemitisch geschrieben. Augenblicklich schwimmt das Antisemitenorgan unter dem Patronat des Herrn Stöcker in christlichem Fahrwasser. Aber dann sollte es doch die Religion der Liebe vertreten, wie die christliche Religion gemeinhin bezeichnet wird, allerdings nur auf Grund der christlichen Lehre, wahrlich nicht auf Grund der christlichen Praxis, besonders nicht auf Grund der Praxis des Herrn Stöcker und seiner Organe. Gebietet etwa die Religion der Liebe, eine ganze Religionsgemeinschaft wegen zwei oder drei Menschen, die sich etwas sotten zuschulden haben kommen lassen, Hunderttausende, Millionen zu verdammen? Selbst für die verruchte Bevölkerung Sodoms hat der Erzvater Abraham um Schonung gebeten, wenn nur wenige