Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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In der sowohl durch den Inhalt wieauch durchdie Form ausgezeichneten-Festpredigt entwarf Rabbiner Dr. Norden ein lebendiges Bild von d^Geschichhö-^deS^BereinS.---Am-.abend versammelte man sich.zu einem Festmahl im ^otel Central-, wo. unter dem Szepter des Herrn Julius Stiel die Fidelitas im vollen Umfang des Rechtes ihren Einzug hielt. Nach einigen Begrüßungsworten des auch in solchen Dingen erfahrenen und deshalb trefflich bewährten Festleiters gelangte ein schwungvoller Prolog zum Vortrag, den Herr Stern- Großmann eigens zu diesem Zweck gedichtet hatte. Sodann ergriff Herr Dr. Norden das Wort zur eigentlichen Festrede, die ein würdiges Seitenstück bildete zu den glänzenden Ausführungen, die er einige Stunden zuvor im Gotteshaus gemacht hatte. -In recht packender und überzeugender Weise toastete sodann Herr Hermann Herz auf den Verein als solchen und widmete sein Hoch. dem verdienstvollen Vorstande desselben. Im weiteren Verlaus des Abends sprach dann der Gemeindevorsteher, Stadtverordneter Max Simon, auf den neuen Gemeinderabbiner, Herr Hermann Strauß aus den emeritierten Rabbiner Tr. Auerbach, dessen allzeit bewiesene Friedensliebe er ganz besonders hervorhob. In launigen Worten feierte dann Herr Emil Grünebamn den Festausschuß, und auch Herr Dr. Auerbach ließ es sich nicht nehmen, dem früheren Gemeindevorsteher, Herrn Sieghard Culp, den gebührenden Tribut zu zollen. Am wirkungsvollsten war jedoch ein Aufruf des Herrn Simon Wehl zur Gründung eines Jubiläumssonds; im Nu waren 2500 Mark gezeichnet. So verlies das Fest in ungetrübt harmonischer Stimmung. — Den seit annähernd zehn Jahren bestehenden Kinderchor unserer Shnagogengemeinde, welcher mit Ausnahme der Feiertage und besonderer Fälle jahraus jahrein im Gottesdienste mitwirkr, hat der Gemeindevorsteher Herr Max Simon, wie schon häufig, so auch in diesem Jahre in ebenso sinniger wie nützlicher Weise beschenkt, und zwar ein Kind wie das andere mit einer sogenannten „Haussparkasse" und einem städtischen Sparkassenbuch mit dem eingezahlten Betrage von 3 Mark. Diese „Haussparkasse" ist durch Beschluß der Stadtverordneten-Versammlung wie in anderen Städten auch in Elberfeld eingeführt und der städtischen Sparkasse angegliedert worden. Sie besteht aus einer Sparbüchse und einem Sparkassenbuch. Die Sparbüchse als solche ist aus feuerfestem Panzerstahl, immerhin aber noch leicht beweglich und mit der ganz vorzüglichen Einrichtung versehen, daß einmal hineingeworfene Münzen von dem Sammler nicht wieder herausgenommen werden können. Der Schlüssel dazu befindet sich nämlich auf der städtischen Sparkasse, allwo die Büchsen in Gegenwart des Sammlers entleert werden. Die aus solche Weise erzielten Sparbeträge werden dann ins Sparkassenbuch eingetragen und von der Sparkasse fortlaufend verzinst. So wird von den Kindern viel mehr gespart als jemals, und die ersparten Gelder bleiben beisammen. Herr Simon ist übrigens der intellektuelle Urheber des dieser Wohlfahrtseinrichtung zugrundeliegenden-Parlamentsbeschlusses, und es gebührt ihm dafür der Dank aller derer, denen sein segensreiches Wirken zustatten kommt. Das vorzügliche Beispiel des Herrn Stadtverordneten Simon aber sei hiermit allseitiger Nachahmung empfohlen. e. Frankfurt a. M., 8. Januar. Ein hiesiger jüdischer Kaufmann war an einem Sonnabend in einem Ermittelungsverfahren vor das hiesige Amtsgericht als Zeuge geladen worden. Als ihm der untersuchende Richter nach Beendigung der Vernehmung das Protokoll zur Unterschrift vorlegte, erklärte er, er sei Jude und dürfe aus reljgionsgesetzlichen Gründen am Sonnabend nicht schreiben; er könne daher das Protokoll nicht unterzeichnen. Der Richter entgegnete daraus: „Das ist Wortklauberei, es muß Ihre Ehrenpflicht sein, in einer derartigen Angelegenheit das Protokoll zu unterschreiben." Als der Zeuge nun sagen wollte, er würde das Protokoll nach Ausgang des Sabbats oder an einem - der nächsten Tage unterschreiben, ließ der Richter ihn nicht zu .Worte kommen und rief: „Ich kenne vornehmere Juden, die am Sonnabend schreiben. Erst drängen sich die Juden in die Staatsstellen, nachher streiken sie." Wegen dieser Aeußerung führte der Zeuge beim Landgerichts- Präsidenten Beschwerde, in der er sich darüber beklagte, daß im Gerichtssaal solcher Antisemitismus zutage treten könne, und daß der Richter, statt seine religiöse Ueberzeugung zu achten, sie im Gegenteil zum Angriffspunkt ans die Gesamtheit der Juden machte; auch abgesehen davon sei das-Verhalten des Richters mit dem Gesetz nicht zu vereinbaren, denn es genüge auch, wenn der Grund angegeben werde,' warkm die Uüterschrifb fehlt. Auf diese Beschwerde erhielt der Zeuge folgenden Bescheid des Präsidenten des königlichen Landgerichts hier. „Frankfurt, 22. Dezember 1907. Ihre Beschwerde vom II. d. M. ist begründet, ich habe dem Amtsgerichtsrat (folgt der Name) wegen seines Verhaltens in dem Termin vom 30. November d.I. meine ernste Mißbilligung ausgesprochen. Der Präsident." — Nördlingeir, 11. Januar. Gestern wurden die sterblichen Ueberreste des im besten Mannesalter verstorbenen Herrn Abra Ham Weiler, israelitischen Lehrers dahier, zur letzten Ruhestätte überführt. Welch großer Beliebtheit und Wertschätzung der edle Verblichene sich erfreute, bewiesen die imposante Beteiligung aller Konfessionen, des Magistrats, sämtlicher Schüler der hiesigen Mittel- und Volksschulen, verschiedener Vereine mit Fahnen am Trauerzuge und die große Zahl von ehrenden Nachrufen am offenen Grabe. Rabbiner Dr. Gohn-Jckenhausen feierte die hervorragenden Charaktereigenschaften des Entschlafenen in beredten Worten und richtete Worte des Trostes an die schmerzgebeugten Hinterbliebenen. Seiner Trauerrede entnehmen wir, daß sich der Verstorbene seit 38 Jahren um die Leitung der hiesigen israelitischen Schulen bleibende Verdienste erworben hat und daß er als Kantor in hiesiger Synagoge Hervorragendes geleistet hat. — Namens der israelitischen Kultusgemeinde sprach deren II. Vorstand, Herr Sal. Gutmann. Worte der Anerkennung und des Dankes, gleichzeitig auch namens deS israelitischen Frauenvereins, um dessen Gründung und Leitung der Verblichene sich besondere Verdienste erworben hat. — Rektor Dr. Mehlis sprach namens der Lehrerkollegien des kgl. Progymnasiums und der kgl. Realschule; Hauptlehrer Weiß namens des Bezirkslehrervereins. Von Vereinen widmeten ehrende Nachrufe: namens der Gesellschaft „Eintracht" Herr Bär, die hervorragenden Leistungen des Entschlafenen, der das Amt als ersten Vorstand bekleidete, betonend; namens der kgl. prib. Feuerschützengesellschast Rechtsanwalt Schwarzkopf, die in dem Verstorbenen ihren langjährigen,verdienstvollen ersten Schützenmeister und Mitbegründer des schwäbisch-bayerischen Schützenbundes verliert, und namens des Musik- und Gesangvereins Herr Wilhelm Zeiträg. Worte .des tiefsten Schmerzes sprach namens der Familie der Bruder des Entschlafenen, Prediger Weiler aus Paderborn, insbesondere betonend, welch unersetzliche Lücke der Tod in das innige Familienleben gerissen hak. Lehrer Gutmann aus Oettingen sprach namens der israelitischen Lehrer Worte der Anerkennung und des Schmerzes um den Verstorbenen, dessen Andenken in Ehren fortleben wird. e. Speyer, 8. Januar. Der hiesigen Kultusgemeinde war es vergönnt, am 3. d. M. den 80. Geburtstag ihres langjährigen verdienten Vorstehers, des Herrn Sigmund Herz, festlich zu begehen. Zahlreiche Glückwünsche von nah und fern legten beredtes Zeugnis ab von der großen Beliebtheit, deren sich der ini Schmuck seines weißen Haares prachtvoll aussehende Jubilar bei allen, die sein warmes Herz kennen gelernt haben, namentlich in allen Kreisen von Speyer, seiner zweiten Heimat, ohne Unterschied von Konfession und Stand erfreut. Aus der nach hunderten zählenden Menge mündlicher und schriftlicher Beglückwünschungen fei hier nur die des Bürgermeisters erwähnt, der in dankbaren.Worten der fünfundzwanzigjährigen Tätigkeit des Jubilars als Stadtrat gedachte. Sehr sinnig war eine Huldigung des von dem Jubilar mitbegründeten Synagogenchorvereins. Sie bestand in einem abendlichen Ständchen und in Ueberreichung eines künstlerisch ausgeführten Diploms als Ehrenmitglied des Vereins. Nachdem noch Herr Vorsteher Max.Elb aus Dresden die Wünsche des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes übermittelt hatte, nahm Herr Herz selbst das Wort, nicht nup um für die ihm wohltuenden Liebesbeweise zu danken, sondern um gleichzeitig mit bewundernswerter rhetorischer Kraft das Programm seiner Gemeindeverwaltung für Vergangenheit und Zukunft klarzulegen. Schließlich ehrte sich die Gemeinde selbst am meisten, indem sie den dem Festtag folgenden Sabbatgottesdienst zu einer Art Festgottesdienst für ihren jugendsrischen Führermachte, womit die . festlichen Ehrungen dieses seltenen Mannes einen harmonischen Ausklang fanden.