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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-01-17 · Heft 3 (17.1.1908) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 3 (17.1.1908)
Date
1908-01-17
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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Gesterretch-Angam. □ Wie«, LZ. Januar. Unsere Gemeindevertreter haben in dieser trüben Zeit des sich mehrenden Abfalls wirklich schwere Sorgen. Sie wollten die Gemeindemitglieder verpflichten, aus den Grabsteinen des jüdischen Friedhofs hebräische Inschriften anzubringen. .Wenn nicht einige Juristen da gewesen wären, die ihnen erklärten, daß dies nicht angehe, wäre der Vorschlag vielleicht durchgegangen. — In der letzten Vorstandssitzung des Vereins zur Abwehr des Anti' semitismus 'fand eine Neu-Konstituierung statt, bei welcher Universitäts-Professor Dr. I. Szeberniy zum Präsidenten gewählt wurde. Gleichzeitig wurde an Stelle des 1906 verstorbenen Grafen Dr. Heinrich Coudenhove-Kalergi der durch seinen Josephinischen Geist bestbekannte Graf Arthur Desfours-Walderode, Fideikommißherr auf Schloß BodenstadL in Mähren, in das Präsidium kooptiert. — Unter den Deutschen in Ungarn wird jetzt eine „deutschnationale" Broschüre, die von einem gewissen Wilhelm Engelhardt verfaßt wurde, in Massen verbreitet. Die Broschüre ist weniger eine politische Kampfschrift gegen das Magyarentum als vielmehr ein blutrünstiges Ritualmordpamphlet gegen das Judentum. Dieser Umstand ist auch der Grund, weshalb die Wekerlesche „liberale" Negierung die Verbreitung des Hetzblattes duldet. Die ungarischen Minister brauchen eben einen Blitzableiter. Weniger verständlich ist es, daß die Deutschen in Ungarn, selbst eine bedrückte Minorität, nichts Besseres zu tun haben, als gegen die Juden zu hetzen. Oder wollen sie sich damit bei den Magyaren beliebt machen? — Herr Heinrich von Wertheimstein, ein Bruder der Londoner Baronin Charles de Rothschild, geborenen Rozika Wertheimstein, ist zum Oberstuhlrichter gewählt worden. Diese Wahl ist deshalb von Interesse, weil dies wohl der erste Fall sein 'dürfte, daß einem Juden seitens eines Komitatsmunizipiums die Würde eines Oberstuhlrichters übertragen wurde. — An den Oberbürgermeister von Rom Ernesto Nathan hatte die Israelitische Gemeinde in Fünfkir chen (Ungarn) anläßlich seiner Wahl zum Oberhaupt der Stadt Rom ein Begrüßungsschreiben gerichtet, in dem zugleich auf den Wandel der Zeiten hingewiesen wurde, der darin liege, daß er, als Jude, zum Oberbürgermeister Roms berufen worden sei. Auf dieses Begrüßungsschreiben erhielt Herr von Engel, der Präsident der Fünfkirchener Israelitischen Religiousgemeinde, einen in herzlichem Tone gehaltenen Brief Ernesto Nathans, in welchem sich unter anderem die folgende interessante Stelle findet: „Ich bin als Jude geboren und bin seit meiner Geburt stolz auf meine Zugehörigkeit zum Judentums. Lieb sind mir die herzlichen Worte, mit denen Sie und die Fünfkirchener Israelitische Religionsgemeinde Ihren für mich gehegten Gefühlen Ausdruck verleihen. Es wäre wünschenswert — und vielleicht ist meine Erwählung ein Vorzeichen dafür — daß je früher die Zeit komme, da die Menschen, im Zeichen des Fortschrittes sich vereinigend, den Glaubensunterschied nicht mehr als Beweis der Superiorität oder Inferiorität ansehensondern als gleiche und freie Menschen von dem gemeinsamen Bestreben erfüllt sein werden, die menschliche Seele zu verfeinern und zu veredeln." — Die ungarische Judenschaft hat einen schweren Verlust erlitten. Hofrat Sigmund Kohner, der frühere langjährige Präsident der Budapester israelitischen Religionsgemeinde, ist am 2. d. Mts. in Abbazia, wo er zur Erholung weilte, einem Herzleiden erlegen. * Von Ksh und jferu. — Der Berliner Architekt Richard W olf fenstein ist zum königlichen Baurat ernannt worden. Seit 1882 hat er sich mit Professor Wilhelm Cremer zu gemeinsamem Schaffen vereinigt. Wolffenstein ist zweiter Vorsitzender der Vereinigung Berliner Architekten. — .Dr. Paul Nathan, der Geschäftsführer des „Hilfsvereins der deutschen Juden" im Ehrenamte, ist nach einem viermonatlichen, dem eingehenden Studium der Lage unserer Glaubensgenossen gewidmeten Aufenthalt , im Orient nunmehr nach Deutschland zurückgekehrt. — Der Verein für Arbeitsnachweis, begründet von den Berliner Logen U. O. B. B., hat durch seine Vermittlung im Monat Dezember 185 Personen in Stellung gebracht und außerdem noch 108 Personen vorübergehend Beschäftigung nachgewiesen. — Dem Direktor des Philharmonischen Chors in Berlin, Professor Siegfried Ochs, wurde der Rote Adlerorden IV, Klasse verliehen. — Kommerzienrat Emil L. Meyer in Hann ober feierte am 1. Januar das 25jährige Jubiläum als Chef des Bankhauses Ephraim Meyer u. Sohn. — In Posen wurde Justizrat Salz mit sämtlichen Stimmen abermals zum Vorsitzenden der Stadtverordnetenversammlung gewählt. — Gegen den Grafen Pückler-Kleintschirne. der gegenwärtig in einem Sanatorium bei München weilt, hat der Staatsanwalt das Entmündigungsverfahren eingeleitet. — Der Regierungspräsident von Oppeln hat die Syuagogengemeinde in Ujest aufgelöst, da infolge Abzuges jüdischer Einwohner in den letzten Jahren keine Juden mehr vorhanden sind. Die zum dortigen Gemeindebezirk gehörenden Ortschaften sind den Synagogengemeinden Groß-Strehlitz und Gleiwitz überwiesen worden. Die hinterlassenen Vermögensobjekte gehen in den Besitz der Syuagogengemeinde Groß-Strehlitz über. — Im November war die Nachricht durch die Zeitungen gegangen, ein jüdischer Arzt habe in einer Nürnberger Kirche den Küster geohrfeigt und sei deshalb zu fünf Tagen Gefängnis verurteilt worden. Zu dieser Meldung schreibt nun der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in Berlin, daß der Verurteilte, ein Dr. Matz aus Stettin, kein Jude sei. — Kommerzienrat Ludwig v. Gerngros in Nürnberg ist zum Geh. Kommerzienrat ernannt worden. — Ter in einer früheren Nummer erwähnte Maler Ernst Liebermann in München ist kein Jude. — Der Konsul Siegfried Ballin, der Antiquitätenhändler Adolf Steinharter in München, Herr Benno Lessing in Bamberg und der Fabrikbesitzer Siegfried Bach in Nürnberg wurden zu Kommerzienräten ernannt. Der Spezialarzt für Chirurgie Dr. Mox Pratzfelder in Würzbürg wurde zum Königl. Medizinalrat ernannt. Den Titel „Hauptlehrer" erhielten: Max Behr in Regensburg, Jakob Heß in Treuchtlingen, Simon Silbermann in Kirchheimbolanden und Michael Wolf in Winnweiler (Rheinpfalz). — In Straßburg verschied nach kurzem Leiden der bekannte Bankier L6on Schwarz im Alter von 85 Jahren. Der Verblichene war lange Jahre hindurch Mitglied des unterelsässischen Konsistoriums und hat als Vorstandsmitglied der meisten Wohltätigkeitsanstalten viel Gutes gestiftet. — In Maursmünster i. E. ist seit Jahren ein jüdischer Bürgermeister: Dr. Bilsky. — Das Statistische Bureau des Ministeriums hat ein „Statistisches Jahrbuch für Elsaß-Lothringen" herausgegeben. Daraus ersieht man, daß Oberelsaß 8361 Israeliten, Unterelsaß 16 182 Israeliten als Einwohner hat. Lothringen zählt 7165 Israeliten. Das Gesamtergebnis für Elsaß-Lothringen ergibt somit 31 708 Israeliten. Im Jahre 1871 zählte Elsaß-Lothringen noch 40 938 Israeliten. — An der Universität Bern erlangte Herr S. B. Eschwege die philosophische Doktorwürde mit dem Prädikat „summa eum lauäs". E. war zuletzt Lehrer in Königsberg i. Pr. — Der dritte Kongreß für Religionsgeschichte wird im September d. I. in Oxford abgehalten werden. Die beiden ersten Kongresse, in I960 und 1904, fanden in Paris und B-ssl? statt. — Im vorigen Jahre ist in Warschau eine jüdische „Freie Hochschule für alle" entstanden. Sie bezweckte die Belehrung und Aufklärung der unwissenden jüdischen Masse. Die Dozenten vermieden sorgfältig selbst die geringste politische Anspielung. Der Zulauf war ein gewaltiger. Auf einmal ist jetzt die Behörde mit einem Verbot dazwischen getreten. Zunächst wurde Männern, die kein Universitätsdiplom besitzen, untersagt, Vorlesungen zu halten, wodurch die Hochschule die besten Kräfte, wie der Dichter I. L. Peretz und der Schriftsteller David Frischmann, entzogen wurden. Ferner wurde verboten, die Vorlesungen in Schullokalen abzuhalten, und da die Hochschule keine Mittel zur Bezahlung der Miete öffentlicher Säle besitzt, so ist sie in ihrer Tätigkeit beinahe völlig lahmgelegt. — In Jekaterinoslaw wird ein jüdisches Gymnasium begründet werden. — Die jüdische Gemeinde in Belgrad zählt zirka 3500 Seelen. Sie erhält von der serbischen Negierung eine jährliche Subvention von 50 000 Frcs. — Die Gesamtseelenzahl der jüdischen Kolonien in Palästina Ve? trägt 6500 und die Gesamtfläche 25 500 Hektar.

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